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Niederbayern
Mittwoch, 13. Dezember 2017 3

MZ-Serie

„Bitte alles so normal wie möglich“

Beim „Jägerwirt“ in Grafenau treffen sich viele Stammgäste. Standesdünkel gibt’s hier nicht – und soll es auch nicht geben.
Von Thomas Dietz, MZ

Alfred Süß, seit 1986 der bekannte „Jägerwirt“ in Grafenau, in der Gaststube. Fotos: Gabi Schönberger

Grafenau. Fährt man durch den Bayerischen Wald, fragt man sich jedes Mal aufs Neue, warum die Menschen eigentlich massenhaft in den Süden fliegen, um dort ihren Urlaub zu verbringen. Hier am Rande des Nationalparkes ist es so idyllisch, bezaubernd und abwechslungsreich wie nur was. „Das ist nicht ein Wald wie sonst einer, der Bayerische Wald“, schrieb der Dichter Georg Britting aus Regensburg.

Aus der Touristinformation in Grafenau trägt man einen Arm voller Prospekte heraus, darunter Urlaubs-Magazine wie „Da neue Waidler“, „WaldGeist“ oder „Waldwärts“: Ja, was soll man hier zuerst machen?

Grafenau, die älteste Stadt des Bayerischen Waldes (seit 1376), nennt sich die „Bärenstadt“ – Bärenfiguren oder Bärenanspielungen trifft man hier auf Schritt und Tritt. Mitte Juni wurde der sanierte Kurpark, das „Bäreal“ von 180 000 Quardatmetern, feierlich eröffnet – mit dem Sänger Florian Silbereisen. Er stammt aus dem nahen Tiefenbach. Bayerns größtes Wellenbecken im Grafenauer Erlebnisbad heißt natürlich „Bärenwelle“. Wer lebende Bären sehen will, muss sich nur sieben Kilometer weiter zum Bärengehege im Tierfreigelände der Waldwildnis bei Neuschönau begeben.

„Frei herumlaufende Bären gibt’s seit 1835 nicht mehr“, sagt Alfred Süß (63), der „Jägerwirt“. „Wer früher einem begegnet ist, der musste freilich mit dem Leben abschließen.“ Grafenau hat übrigens den genialen Liedermacher Fredl Fesl (geboren 1947) hervorgebracht und wurde 2012 von der Knigge-Akademie zur „höflichsten Stadt Deutschlands“ gewählt ...

Vier leidenschaftliche Jäger

Wie alt das historische Wirtshaus „Zum Jägerwirt“ genau ist, kann man gar nicht sagen. In der Baudenkmalliste steht nur: „zweigeschossiger Satteldachbau mit Putzgliederung, erstes Drittel 19. Jhd., Vorschussmauer-Schweifgiebel neubarock, nach 1900“.

An der Wand hängt ein Bild der Grafenauer Künstlerin Lore Baier: „Gasthaus Max Setzer 1896“ steht da über der Tür. Später hieß es „Gasthof Aufschläger“. Das Anwesen wurde 1924 an die Bucher-Brauerei verkauft; der Name „Zum Jägerwirt“ stammt von Karl Haydn, der von 1945 bis 1959 Pächter war. Er und seine drei Brüder waren leidenschaftliche Jäger.

Das kunstvolle, schmiedeeiserne Wirtshausschild „Jägerwirt“

Alfred Süß arbeitete schon 1973 beim Jägerwirt, seit 1986 ist er Pächter. Sein Vorgänger hörte auf und sagte zu ihm: „Du kannst weitermachen.“ Süß wollte ohnehin selbstständig werden und nahm die Chance wahr. Seit knapp 25 Jahren hat er außerdem mit Konrad Nätscher einen Festzeltbetrieb und ist Vize-Vorstand der DehogaKreisstelle Freyung-Grafenau.

Der „Jägerwirt“ hat viele Stammgäste. Es kommt der Soldaten- und Kriegerverein Grafenau und der Musikverein Schlag, wo sich Lehrer und Schüler nach Probe und Unterricht zum Stammtisch treffen. Ihr gläserner roter Violinschlüssel aus einer hiesigen Glasbläserei hat eine eigene Vitrine.

Wirt Alfred Süß legt Wert darauf, dass in seinem Wirtshaus „alles so normal wie möglich“ abläuft: „Willy Brandt, Helmut Kohl und US-Außenminister Henry Kissinger und Gott weiß wer waren schon zu Gast in Grafenau – aber gottlob nicht bei uns“, sagt er. „Ich möchte, dass alle Gäste sich gleich achten, nur so geht’s und so hab’ ich mir das immer vorgestellt.“

Früher war’s ja so, „dass sich der Herr Bankdirektor nicht zu kleinen Arbeitern und Bauern an einen Tisch setzte, der Herrenbauer nicht zu den Knechten, der Herr Doktor nicht zum gemeinen Volk“, berichtet der „Jägerwirt“, „das ist heute natürlich anders.“

„Die haben gar keine Tischdecken“

Überhaupt hat sich auch das Niveau der Bayerwald-Touristen gehoben: „Früher passierte es, dass Gäste eintraten und sagten: ,Huh, Erna, schau nur, die haben hier gar keine Tischdecken, wie primitiv’ – kehrt machten und wieder gingen.“ Alfred Süß dachte nicht im Traum daran, in seinem niederbayerischen Wirtshaus Tischdecken auszulegen. „Solche Szenen kommen heute nicht mehr vor.“

Durch die Tür kommt ein Herr, einen Topf im Beutel und holt sich hausgemachte Sulz für daheim: zwei Portionen à 2,25 Euro. Die Küche im „Jägerwirt“ ist deftig-regional mit dem üblichen Schweinsbraten, Jägerschnitzel und Wildschweingulasch mit Semmelknödel. Das Bucher-Bräu erhielt vier Mal in Folge das Brau-Ring Qualitätssiegel und wurde als erste Brauerei des Bayerischen Waldes mit dem Gütesiegel „Bayerwald Premium“ ausgezeichnet. Die Gaststube, in die 60 Personen passen (auf der 1950 erbauten Terrasse vor dem Haus noch einmal 35), präsentiert sich heimelig und rustikal: „Nach dem Umbau 1973, bei dem auch die Fremdenzimmer wegfielen, sah das hier aus wie in Eisenbahnwaggons“, erzählt Alfred Süß, „natürlich alles in beige, braun und gelb.“

Vor 15 Jahren kehrte der traditionelle Stil zurück. „So waren die Touristiker damals“, sagt der „Jägerwirt“, „sie haben den Wirten eingeredet: Ihr müsst in der Gaststube die alten Sachen rausreißen. Statt sie zu erhalten und in die Zimmer zu investieren.“

Lage des Gasthauses

Historische Wirtshäuser in Niederbayern

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