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Niederbayern
Freitag, 15. Dezember 2017 3

MZ-Serie

Das Gasthaus mitten im Hochwald

Das Zwieseler Waldhaus bei Lindberg ist nicht nur bei Wanderern beliebt – wegen der Küche und der traumhaft schönen Lage.
Von Thomas Dietz, MZ

  • Wirtin Elvira Bauer neben ihrem Zwieseler Waldhaus. Der geschnitzte Auerhahn auf der Wiese gehört zum Haus, Arbermandln aus dem Zauberwald stehen im Inneren und werden von Zeit zu Zeit verkauft. Foto: Thomas Dietz
  • Der große Dramatiker wanderte als 20-Jähriger durch den Bayerwald. Foto: Thomas Dietz

Lindberg.„Das Zwieseler Waldhaus, 694 Meter hoch gelegen, passt in seiner behäbigen Form ausgezeichnet in die einsame Waldlandschaft“, schrieb der Journalist August Sieghardt (1887-1961) in seinem zweibändigen Standardwerk „Bayerischer Wald – Landschaft, Geschichte, Kultur und Kunst“.

Auch Hans Weindl, Heimatforscher aus Landshut, war vom Zwieseler Waldhaus so fasziniert, dass er eine dickleibige Hauschronik verfasste, in die jeder Gast gern einen Blick werfen kann: „Auf der Strecke von Zwiesel nach Bayerisch Eisenstein führt auf einer Wegstrecke von einer Stunde durch prachtvollen Tannen- und Fichtenwald eine Straße zum Zwieseler Waldhaus, eine wegen ihrer herrlichen Lage mitten im Hochwald sehr gut besuchte, allen Ansprüchen gewachsene Pension mit Gasthof.“ Auch Weindl betont: „Waldeseinsamkeit war in diesem Gebiete jahrhundertelang ganz groß geschrieben.“ Außer Holzhauern und Revierförstern war hier niemand ansässig.

Die 30er Jahre: Das Auto ist vermutlich ein DKW Meisterklasse. Foto: Thomas Dietz

Gar so einsam ist es nicht mehr – die Schönheit des Bayerwaldes betört aber immer noch jeden Gast. Und wer heute im Zwieseler Waldhaus einkehrt, darf sich bei Wirtin Elvira Bauer aus Landshut gut aufgehoben fühlen. Im Februar 2014 hat die 57-Jährige das historische Gasthaus mit Ferienhotel (76 Betten) übernommen. Zuvor arbeitete sie lange Zeit im Baugeschäft ihres Mannes Josef, E.B.-Bau in Altdorf bei Landshut: „Wir bauen meist Einfamilienhäuser bis nach München.“

Gleichwohl hat Elvira Bauer das Gastronomie-Handwerk von der Pike auf gelernt. Als sie erfuhr, dass ihre Vorgängerin im Zwieseler Waldhaus, das sie von eigenen Wanderungen her gut kannte, nach 15 Jahren aufhören wollte, war sie schnell mit im Spiel.

Svícková – einfach meisterhaft

Ihre gutbürgerlich bayerisch-böhmische Küche wird nicht nur von hungrigen Wanderern geschätzt: Zwei böhmische Köche, Anna und Petr, sorgen dafür, dass der gute Ruf nicht leidet. So beherrscht Anna die Zubereitung des legendären Svícková (gesprochen Switschkova; Rinderlende mit Sahnesoße) mit unnachahmlicher Meisterschaft: „Das kann nicht jeder“, sagt Elvira Bauer stolz, „die wenigsten böhmischen Köche und deutsche Köche überhaupt nicht. Tschechische Gäste meinten, das sei das beste Svícková, die sie bisher gegessen hätten.“

Auf der häufig wechselnden Speisekarte finden sich noch andere Köstlichkeiten: hausgemachte Gemüse- und Kartoffelsuppe, böhmisches Käseschnitzel, Rehbraten in Preiselbeersoße mit Lebkuchenknödel und Speck-Rosenkohl. Auf dem „Zigeunerbrot“ liegen Würstchen mit Paprika angebraten, zum Dessert empfehlen sich selbst gemachte Zwetschgen-Knödel. Ausgeschenkt werden Hutthurmer Biere und das Original Dampfbier aus der „1. Dampfbierbrauerei“ in der nahen „Glasstadt“ Zwiesel.

Blick in die Gaststube: Das Haus wurde 1993 komplett umgebaut. Foto: Thomas Dietz

90 Sitzplätze gibt es in den vier Gaststuben und etwa 120 draußen im Biergarten unter dem üblichen, alten Kastanienbaum. Die Wirtin legt Wert darauf, dass „nur ganz normale Gäste“ bei ihr einkehren – irgendwelche Berühmtheiten haben sich noch nie hierher verirrt. Das Haus ist „sehr gut gebucht“, besonders jetzt in den Herbstwochen und auch, seitdem immer mehr junge Leute das Wandern für sich entdecken: „Die waren doch schon überall, in Bali, in Thailand oder in Ägypten.“ Jetzt sieht man offenbar wieder genauer hin und staunt über die Schönheit der heimatlichen Natur.

Auch Schwammerlsucher kommen hier auf ihre Kosten. Elvira Bauer selbst hat mal eine 40 Zentimeter große „Fette Henne“ gefunden, die wie ein Badeschwamm aussieht. Natürlich hat sie den Pilz fotografiert und einen Zollstock mit dazugelegt.

Die Lage des Zwieseler Waldhauses ist aber auch superb: mitten im Nationalpark Bayerischer Wald, direkt am Europäischen Fernwanderweg 6 (vom finnischen Kilpisjärvi bis zu den Dardanellen in der Türkei) und am preisgekrönten Goldsteig, der von Passau hinüber nach Böhmen führt. In direkter Nähe befinden sich die Bergesgipfel Falkenstein und Arber.

Lage des Zwieseler Waldhauses

Unterkunft für Holzknechte

Die steinerne Inschrift am Türstock zeigt das Jahr 1836. Damals diente das Zwieseler Waldhaus als Unterkunft für Holzknechte, die im Wald ihre harte und gefährliche Arbeit verrichteten. Ein Johann Georg Forster hatte 1776 die kurfürstliche Waldhütte gekauft, sie aber abgebrochen und dort ein „Waldhaus neu errichtet“, schreibt der Hauschronist Weindl. 1786 brannte das Waldhaus ab und wurde wiederaufgebaut: „ein gemauertes Wohnhaus mit hölzernem Stall, Stadl, Schupfe samt kleinem Hausgärtl, 2 Äckerl und 2 Wiesfleckel.“

Besagter Johann Georg Forster beschwerte sich am 7. Januar 1805 bei der Kurfürstlichen Landesdirektion: „44 Jahre lang habe ich im höchsten Herrendienst als Revierförster gedient. In Gebirg und Waldungen drohte mir bei jedem Schritt die Gefahr des Halsbrechens. Das Diensteinkommen war so schlecht, daß mir aufs Jahr gerechnet wenig oder gar nichts übrigblieb.“

Historische Wirtshäuser in Niederbayern

Weitere Teile unserer Wirtshaus-Serie finden Sie in unserem MZ-Spezial.

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