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Niederbayern
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MZ-Serie

Ein Lächeln von Wirtin Marianne

Am Giebel erkennt man den Gasthof Eigenstetter in Rottenburg von weitem. Hier schmaust auch ein Jahrhundertläufer.
Von Thomas Dietz, MZ

  • Wirtin Marianne Eigenstetter bei der Tischdekoration zwischendurch. Mittags und ab 19 Uhr ist hier „die Bude voll“, auch wegen ihrer persönlichen Ansprache, mit der sie viele Stammgäste pflegt. Fotos: Gabi Schönberger

Rottenburg an der Laaber.Wie stark die Seele eines Gasthauses durch die Wirtin verkörpert wird, kann man vorzüglich in Rottenburg an der Laaber studieren. Wen einmal das Lächeln von Marianne Eigenstetter „getroffen“ hat, der bleibt verzaubert für lange Zeit. Stammgäste umarmen sie zur Begrüßung und zum Abschied; sie hat für jeden ein persönliches Wort. In dem schönen, dunkelrot gepflasterten Biergarten mit u. a. dem guten Augustiner-Bräu aus München zeigt sich das Leben von seiner angenehmen Seite.

Einer von den treuen Gästen, die seit Jahren den alten Gasthof aufsuchen, ist der heute 78-jährige Armin Hary. Er sitzt vergnügt auf der Terrasse und schmaust Backfisch mit Bratkartoffeln, den die Wirtin nach seinem speziellen Geschmack ohne Panade zubereitet hat. Armin Hary? „Zehn Komma Null“, haucht der Autor dieses Beitrages voller Respekt. „Das ist lange her“, erwidert Armin Hary bescheiden.

Armin Hary gewann vier Goldmedaillen: 1958 als zweimaliger Europameister in Stockholm und 1960 als zweimaliger Olympiasieger im Rom – jeweils über 100 Meter und 4x 100 Meter. Hary war der erste Mensch, der 10,0 Sekunden auf der Aschenbahn lief – „Jahrhundertläufer“ nannte ihn sein Biograf Knut Teske.

Den ersten 10,0-Weltrekordlauf in Zürich musste Armin Hary wiederholen. Die Preisrichter meinten, da müsse es sich zweifellos um einen Messfehler handeln. Doch er lief auf der Stelle ein zweites Mal – wieder 10,0! – und wurde zur Sprintlegende. Ein Jahr später war die Karriere beendet: Autounfall, Knieverletzung, Schluss.

Bestes Salatbüfett weit und breit

„Über diesen Gasthof kann ich nur Gutes sagen“, meint Armin Hary, „hier haben sie das beste Salatbüfett weit und breit. Und die Wirtin ... die ist ein echter Schatz, das sehen Sie ja selbst.“ Vor 15 Jahren hat sich Hary mit seiner Frau Christina „vor dem ganzen Highlife“ ins Niederbayerische zurückgezogen. Hier spielt er Golf und widmet sich seiner Stiftung „AHA-F“ zur Förderung jugendlicher Sporttalente.

Wie alle historischen Wirtshäuser hat auch dieses bewegte Zeiten durchgemacht. Um 1280 erwarben die bayerischen Herzöge die „Veste Rotenburch“. Lange vor 1400 erschienen „Tafernwirte“ am hiesigen Marktplatz, bei denen Kaufleute, die mit ihren Fuhrwerken Weissbier zwischen den Herzogsstädten Landshut und Kelheim beförderten, Rast machten.

Rottenburg war auch dank der tüchtigen Bierbrauer ein blühendes Gemeinwesen. Es wurde nacheinander von den Ronningern, den Moosburgern und den Wittelsbachern beherrscht, bis die Schweden 1632 den Ort mit Mann und Maus, mit Adelssitz und Umgebung niederbrannten.

1666 taucht der „heiratslustige Gerichtsschreiber“ Melchior Thammer auf und lädt „zu einem guten Trunkh alten Praunpier“ bei seinem Freunde, Herrn Andreen Hueber, „Pierpreu allhier“. Nach diversen Besitzerwechseln heiratete 1848 ein gewisser Kaspar Holzapfel die Bräuerstochter Josefa Zaech – die Marktgemeinde hatte dem geborenen Schwaben „Verehelichung und Ansäßigmachung“ genehmigt.

Die Mitgift war beachtlich: es handelte sich um „das Zaechsche Bräuanwesen mit realer Bräugerechtsame und Gründen, dann zwei Marktlehen, unausscheidbar damit vermischt. Wohngebäude mit Brauhaus und Brauerei, Malzmühle, Stadl mit Stallungen, Schupfe, Backofen, Keller und Vorgebäude, Brunnen, Hof und Kugelstätte, Wurz- und Grasgarten, Heustadl, Sommerkeller mit Faßremise, Strohschupfe und Kugelstatt“.

„Ausübung des Gastwirtschaft“

Den imposanten Treppengiebel und die beiden repräsentativen Friesbänder ließ 1905 der Besitzer Max Seiderer im historisierenden Stil der Epoche anbringen. 1911 endlich bewilligte der Magistrat das Gesuch des Brauereibesitzers Franz Eigenstetter „zur Ausübung des Gastwirtschaft auf dem Anwesen HNr. 40 und zwecks Heirat mit der Witwe Maria Kerscher.“ Seit dieser Zeit ist das Anwesen in Familienbesitz.

1968 wurden die Brauerei, zehn Jahre später die Landwirtschaft aufgegeben. Heute ist Franz Eigenstetter Küchenchef, der alle üblichen bayerischen Schmankerl, vorzüglich aber wunderbare Schnitzel zubereitet. Ausgeschenkt werden Augustiner, Landshuter und Hohenthanner Biere.

Die Gaststube hat 50 Plätze. In den Saal, der auch eine passable Bühne hat, passen 250 Gäste und bis zu 100 Personen in den Biergarten. Der Zustand, in dem sich das Gasthaus heute präsentiert, geht auf eine Sanierung im Jahre 1987 zurück, als das dunkel-düstere und drückende Holz aus wilhelminischer Zeit aufgehellt wurde.

Ein Problem der 20er Jahre gibt es heute nicht mehr: Franz Eigenstetter, Brauereibesitzer/ Rottenburg, beklagt sich per Zeitungsannonce, dass „seine Bierflaschen in Haushaltungen herumliegen“ und „mit Essig, Spiritus, Petroleum etc. etc.“ befüllt werden. „Ein Zurückhalten leerer Flaschen ist strafbar!“ Die heutige Wirtin Marianne Eigenstetter hätte das mit ihrem Zauberlächeln bestimmt einfacher gelöst.

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