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Niederbayern
Samstag, 16. Dezember 2017 3

MZ-Serie

Ein Wirtshaus und kein Gasthaus

Historische Wirtshäuser: Der Grosswirt hat wenig Ähnlichkeit mit anderen Gasthöfen. Alles ist auf den Wirt zugeschnitten.
Von Thomas Dietz, MZ

Grosswirt Jürgen Stillner vor seinem historischen Gasthaus: Kurzerhand hat der EDV-Fachmann vor fünf Jahren die leerstehende Wirtschaft übernommen und ihr seinen Stempel aufgedrückt. Foto: Gabi Schönberger

Mirskofen. Warum viele Schauspieler davon träumen, eine Kneipe aufzumachen, ist nicht erforscht – das wäre mal ein Thema für Soziologen und Kulturhistoriker. Jedenfalls geht es praktisch immer schief, und die schönen, angesparten Gagen sind verloren.

Umso erfreulicher, wenn es mal richtig gut klappt: Jürgen Stillner (48) ist zwar kein Schauspieler, sondern EDV-Fachmann und Historiker, aber vor fünf Jahren war er plötzlich der „Grosswirt“ in Mirskofen (gehört zu Essenbach, nördlich von Landshut). Er hat’s richtig angepackt – unbekümmert, geradeaus – und so genoss sein eigenwilliges Wirtshaus bald Kultstatus. Es hätte auch bei Stillner schiefgehen können, ist es aber nicht.

Das Anwesen ist uralt: Schon 1395 wurde an dieser Stelle ein Haus, das zur kleinen Hofmark des alten herzoglichen Schlosses gehörte, schriftlich erwähnt, 1618 erfolgte ein kompletter Gasthaus-Neubau. Es kamen die mit den Jahrhunderten üblichen Veränderungen: wechselnde Grundherren, Erben und Wirtspächter. 1814 wird die „Wirths-Tafern“ so beschrieben: „gezimete Wohnbehausung mit Ziegl gedekt mit Anschluß des Pferdstalls, Stadl und Rindvichstall mit Strohe gedekt ganz von Holz, Stallung und Wagnschupfn mit Schindldachung, Bach- und Waschhaus gemauert“.

Die Namen wechselten vom „Gut“, über „Wirts-Tafern“, „Groll“, „Zum Großen Wirt“, „Neumayer-Wirt“, „Gruber“, „Ruis“ und „Alabama“ bis zum „Großwirt“. Ob es nun „Großwirt“ oder „Grosswirt“ heißt, scheint nicht ganz klar zu sein. Jürgen Stillner ist mit dem Wirtshausschild und seiner zackigen Schrift aus den 30er Jahren, die „Schaftstiefelgrotesk“ genannt wird, auch nicht glücklich und will es ändern lassen.

„Willi, Du machst das jetzt“

Blick in die Gaststube: Hier finden 40 Personen bequem Platz. Foto: Gabi Schönberger

Nachdem die vorherige Wirtin aufgegeben hatte, stand das Haus fast ein Jahr lang leer. Das Schild „Pizzeria“ wollte der Eigentümer – Stillners Schwager – an seinem exzellent denkmalgerecht sanierten, niederbayerischen Gasthaus mit dem kastanienbeschatteten Biergarten nicht sehen. Und so sagte eines schönen Abends Gertrud Stillner, genannt „Sigi“, zu ihrem Mann: „Du machst das jetzt.“

Ein Wort, das nahezu Gesetzeskraft hatte. Innerhalb von zwei Stunden und bei zwei Flaschen Rotwein entwickelten „Willi“ (Spitzname aus Schulzeiten) und „Sigi“ das Konzept: Wir machen kein normales Wirtshaus. Wir suchen Gäste, die zu uns passen. Mir san, wie mir san. Wir machen ein Wirtshaus und kein Gasthaus. Und in 15 Jahren wollen wir immer noch genau so gern hineingehen wie heute.

Ein kühner Plan. „Willi“ lernte kochen – er macht zum Beispiel vorzügliche Spinatknödel mit Parmesan und umwerfende Bratkartoffeln. Er holte sich bei Gaststättenverband und IHK Unterweisung in Kalkulation und in der Hackfleisch-Verordnung.

Das Wandschild klingt lustig, ganz so falsch ist es aber nicht. Foto: Gabi Schönberger

Neben dem guten Hohenthanner Bier bot er auch Unertl Weißbier aus dem oberbayerischen Haag an: „Zuvor war das Bier hier immer billiger als anderswo. Warum eigentlich?“ An der Wand liest man: „Stoppt Bierversuche! Trinkt Unertl Weißbier“. Außerdem gibt es Bier-Schmankerl von Camba Bavaria aus Truchtlaching oder vom schrägen Zombräu aus Mirskofen.

Es gibt eine ganz kleine Speisekarte mit Schmankerl. Das Fleisch stammt nicht aus dem Gastro-Großhandel, sondern vom Metzger Fleischmann, gleich nebenan aus Essenbach. Die Soße für die Currywurst mischt der Chef eigenhändig: „Mein Geheim-Rezept. Aber nur mit Heinz-Saucen“.

30 ausgesuchte Obstbrände

Dazu kommen ausgesuchte Bio-Weine und ein Zauberschrank mit 30 im aufwendigen Doppelbrennverfahren hergestellten Obstbränden: „Ohne Zusatz von Weingeist, Essenzen, Aromaverstärkern“, sagt Jürgen Stillner, „so was dürfte in niederbayerischen Gasthäusern nur selten zu bekommen sein.“

Wolpertinger Ludwig vom Verein zur Erhaltung niederbayerischer Kultur. Foto: Gabi Schönberger

Natürlich steht und fällt der Laden mit der Persönlichkeit und Begeisterungsfähigkeit des Wirtes, was man kürzlich bei „Zwischen Spessart und Karwendel“ im Bayerischen Fernsehen sehen konnte („Wirtschaftswunder“).

Immer wieder finden beim Grosswirt Kabarett, Lesungen oder Theatervorstellungen statt, im Biergarten oder im Saal – alles handverlesen natürlich. „My Fair Lady“ auf Bayerisch war ein gewaltiger Erfolg. Es gab ein Leonard-Cohen-Tribute Konzert, es kamen Veronika Bittenbinder und die ARNS aus Mirskofen, die „Willi“ gefördert hat und die fast schon berühmt sind.

Einmal hatte Jürgen Stillner kein Service-Personal. Da bedienten sich alle Gäste selbst und räumten wieder ab: „Der schönste Abend seit langem“, sagten sie. Nur beim Grosswirt gibt es Großwirtfahrten – Bus-Ausflüge mit Stammgästen: in die Wasserburger Bierkatakomben, zur Isar-Floßfahrt oder zu einem LaBrassBanda-Konzert. Manchmal wird danach improvisiert: „,Smoke On The Water‘ oder ,Take 5‘ mit Gitarre und Akkordeon morgens um 4, das ist einmalig“, schwärmt der Wirt. Das Schild „Die Gäste haben sich so zu verhalten, dass der Wirt sich wohlfühlt“ hat also seinen Sinn.

Lage des Gasthauses

Historische Wirtshäuser in Niederbayern

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