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Niederbayern
Sonntag, 17. Dezember 2017 5

MZ-Serie

Genuss auf mediterran-niederbayerische Art

Der Gasthof zur Post in Winzer ist wieder ein gastronomisches Schmuckstück. Einst war hier ein Zentrum der Korbflechter.
Von Thomas Dietz, MZ

Wirt Werner Schmitt in der gemütlich getäfelten Gaststube „Zur Post“ in Winzer (Landkreis Deggendorf): Seine Angestellten sehen es übrigens gerne, wenn er lila trägt. Im Hintergrund: Aushilfe Tina (25). Foto: Gabi Schönberger

Markt Winzer.„Solch einen Saal finden Sie kein zweites Mal in Niederbayern“, sagt der Wirt vom „Gasthof zur Post“ in Winzer, Werner Schmitt (50). Der Bürgersaal mit 25-Quadratmeter-Bühne und an drei Seiten umlaufender Galerie fasst mit Kinobestuhlung 400 Personen und ist wirklich beachtlich. Besonders gern wird hier geheiratet, so dass der Saal für 2016 mit Hochzeiten praktisch ausgebucht ist.

Die Marktgemeinde Winzer im Landkreis Deggendorf besitzt einige Attraktionen: Am bekanntesten sind wohl das Ziegel- und Kalk-Museum, die Sternwarte und die Burgruine Oberwinzer. Das einst prächtige Gemäuer wurde am 1. November 1744 während des Österreichischen Erbfolgekrieges von ungarischen Husaren unter Befehl des Franz Freiherr von der Trenck in die Luft gesprengt und nie wieder aufgebaut. Das Wirtshaus blieb verschont. Das Leben des Freischärlers wurde mindestens vier Mal verfilmt, unter anderem 1940 mit Hans Albers („Trenck, der Pandur“).

Blick von der Galerie auf die Bühne im äußerst beliebten Bürgersaal Foto: Gabi Schönberger

Als der Gasthof zur Post 2012 nach zehnjährigem Leerstand wieder öffnete, war dies eine wahre Wohltat für den Ort, die der Initiative des allseits gelobten Bürgermeisters Jürgen Roith zu verdanken ist. Die Gemeinde kaufte 2010 das historische Wirtshaus von der Arco-Brauerei und ließ es aufwendig sanieren. Roith besorgte staatliche Fördermittel, auch solche von der EU – und das muss man halt können.

Anfang des 19. Jahrhunderts entwickelte sich Winzer aus großer Armut zu einem Zentrum der Korbflechter. Aus wildwachsenden Weiden an den Ufern und in den Auen der Donau wurden Körbe geflochten („gezäunt“) und verkauft. So nannte man die Winzerer „Kerwezianer“, „Körblzäuner“. 1869 wurde hier eine später berühmte Korbflechterschule gegründet.

Moslers „prima Wäschekörbe“

So war’s früher: Händler holen Ware aus der Korbwarenfabrik Mosler. Foto: Gabi Schönberger

Direkt neben dem Gasthof zur Post steht die 2001 geschlossene Korbwarenfabrik Mosler mit dem auffälligen „Moslerturm“ und seinem Bronzeadler auf der Weltkugel. Seine fehlende linke Flügelspitze soll Bürgermeister Roith als Briefbeschwerer dienen.

Die Korbwarenfabrik Mosler, gegründet 1873 und ehemaliger königlich bayerischer Hoflieferant, fertigte in großer Vielfalt Bürsten, geflochtene Babyrasseln, Korbmöbel und Körbe aller Art, darunter die besonders beliebten „prima Wäschekörbe“. Zwischen Mosler und dem „Gasthaus zur Post“ steht seit 2012 das „Korbmacher-“ oder „Hausierer-Denkmal“, eine Arbeit des liebenswürdigen Bildhauers Josef Paleczek (74) aus Landau an der Isar. Es zeigt, wie Händler mit voll beladenem Korbwagen zur nächsten Bahnstation – vermutlich Osterhofen – aufbrechen.

Der „Gasthof zur Post“ wird zum ersten Mal 1487 als „Bierschänke“ urkundlich erwähnt. Nach der eingemeißelten Jahreszahl im Türstock dürfte das Gebäude 1827 in den jetzigen Proportionen errichtet worden sein.

1885 richtete man in Winzer eine Postagentur ein – daher wohl der Name „Gasthof zur Post“. Am 31. Juli 1932 schrieb der „Deggendorfer Donaubote“: „Zu den bekanntesten Gaststätten der ganzen Umgegend und in alter Zeit im ganzen Vorwalde bekannt und geschätzt darf der Gasthof zur Post in Winzer gezählt werden.“

Im April 1945 wurde der Gasthof von der US-Army beschlagnahmt, der dann am 19. Juli 1945 „durch Unachtsamkeit der Besatzungssoldaten“ (also fahrlässige Brandstiftung) vollständig niederbrannte. Ein Jahr später begann der vereinfachte Wiederaufbau.

Lage des Gasthofes

„Altbairisch-ehrlich wie bei Oma“

Das „Hausierer-Denkmal“ von 2012 des Künstlers Josef Paleczek Foto: Gabi Schönberger

Nach der Umgestaltung und Modernisierung 2010 bis 2012 führt Werner Schmitt, Vater von fünf Kindern, das Wirtshaus. Er ist ein erfahrener Mann. Der gelernte Koch war in Arosa (Graubünden) und in Witzigmanns Münchner „Aubergine“: „Da hat’s mir aber nicht gefallen“, sagt Schmitt.

Die Küche hier ist „altbairisch und ehrlich wie bei Oma.“ Bei dem gebürtigen Regensburger (Stadtamhof) „gibt’s kein Maggi und keine Packerl, alles kommt frisch vom Bauern“. Die „Leichtigkeit mediterraner Küche“ soll sich mit niederbayerischer Kochtradition vereinen. Auf der Speisekarte stehen etwa Leber „sauer“ und Leber „gebacken“, G’selchts mit Meerrettich, reich garniert mit Brot und Butter oder Presssack weiß mit Zwiebeln in Essig und Öl. Berühmt sind die „Gaumenschmankerl-Variationen“: Bayerisch Creme, Panna cotta und Tiramisu.

Stammgäste kommen aus Passau und Straubing, sonntags hat man ohne Reservierung „keine Chance“ auf einen Platz, 80 sind es im Gastraum, noch einmal 30 in der Wurzelstube; die Biergartensaison dürfte jetzt wohl beendet sein. Neben dem begehrten Bürgersaal gibt es im Obergeschoss noch raffiniert kombinierbare Tagungs- und Konferenzräume mit eigener Schankanlage für kurze Wege.

Wirt Werner Schmitt hält auch auf seine Eigenarten: Im Gasthof zur Post gibt es keine Musikanten, keine Vereine. „Dafür habe ich alle Geburtstage, Beerdigungen und Hochzeiten.“ Seine schwierigste Zeit war, als die Passauer Straße Baustelle war: „Da kamen die Gäste über die Feldwege hierher.“

Weitere Teile unserer Wirtshaus-Serie finden Sie in unserem MZ-Spezial.

Historische Wirtshäuser in Niederbayern

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