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Montag, 25. Juli 2016 30° 8

Religion

Mit der Kippa in den Biergarten

Rachel Christina Slawik bekennt sich in der niederbayerischen Diaspora zum orthodoxen Judentum. Das ist nicht immer einfach.
Von Josef König

Rachel Christina Slawik lebt mit ihren Söhnen Aramis (9) und Jethro (6) den jüdischen Glauben – in der Schule genauso wie im Biergarten. Foto: König

Tann.Verwundert blicken die Gäste auf, wenn sie einen traditionellen Rottaler Biergarten betreten: Eine Frau und ihre zwei kleinen Buben tragen die jüdische Kippa als sei es die natürlichste Kopfbedeckung der Welt. „Jude ist man im Herzen und zeigt es auch“, sagt Rachel Christina Slawik (45), die mit ihren Söhnen Aramis (9) und Jethro (6) im niederbayerischen Tann (Lkr. Rottal-Inn) jüdisch lebt.

Fremde Religionen werden im erzkatholischen Landstrich in der Nähe von Marktl, 20 Kilometer vom Geburtsort des emeritierten Papstes Benedikt XVI., kritisch beäugt. „Die Gesellschaft akzeptiert nicht, was fremd ist“, meint Christina Slawik. Es gebe vor Ort keinen Dialog zwischen lebendigem Judentum und den Christen. Umso mehr fällt auf, wer sich offen mit der kreisförmigen Mütze in der Bevölkerung bewegt. Zur orthodoxen Kopfbedeckung tragen die Söhne zudem die Tzitzit: Die Schaufäden am Unterhemd sind ein Gebot, das sie „mit Liebe“ erfüllen.

„Die Kippa hat alles verändert“, sagt die seit rund 16 Monaten orthodox-jüdisch lebende Frau, die „Rachel“ genannt wird. Die Regeln geben vor, aus Gottesfurcht und Bescheidenheit nicht mehr als 2,40 Meter mit entblößtem Haupt zu gehen. Für die ehemalige Bundeswehr-Zeitsoldatin ist die Kopfbedeckung in der Öffentlichkeit nichts Ungewöhnliches. Als sie beruflich für einige Jahre in Amerika lebte, hätten konservative jüdische US-Armee-Freundinnen jederzeit die Kippa getragen.

Fehlende Antworten des Christentums

Das Befreiungserlebnis zu einem „toleranten Glauben“ kam für die Witwe über ihren älteren Sohn Aramis. Er wurde in einem Münchner Krankenhaus aus einer Lage zwischen Leben und Tod gerettet. Nach seiner Genesung habe er von einem Traum erzählt, der ihn zur Klagemauer nach Jerusalem geführt habe. Fehlende Antworten im bisherigen evangelisch-lutherischen Glauben führten bei der Mutter zum jüdischen Bekenntnis. Toleranz ist für Rachel Christina Slawik die wichtigste Erfahrung: „Basis ist kein Papier, sondern Ahavas Yisroel – die Liebe zu jedem Juden – und Simcha – das Gebot der Freude.“

Die Großeltern von Christina Slawik stammten aus dem heutigen Brno (CZ) und waren dort in das jüdische Leben integriert. Nachweise gebe es allerdings nicht, da in den Kriegswirren alle Papiere verloren gegangen seien. Die Familie des Vaters sei über das heute slowakische Bratislava und über Passau ins Rottal nach Pfarrkirchen gekommen. Der Vater war zunächst römisch-katholischer Konfession, vor der Hochzeit trat er zum evangelisch-lutherischen Glauben über.

Zum jüdischen Glauben gehört für Christina Slawik die koschere Lebensweise nach den 613 Geboten und Verboten. „Es ist aufwändig, aber es macht Freude“, sagt sie. Die jüdischen Speisegesetze haben ihr Fundament in der Tora, den fünf Büchern Mose. „Es wird unterschieden, ob es sich um erlaubte und nicht erlaubte Tiere handelt.“ Verbunden damit sei das Verbot des Blutgenusses. Die Lebensmittel werden in „fleischig“, „milchig“ und „neutral“ eingeteilt. Nach diesen Regeln sind nur Tiere koscher, die zweigespaltene Hufe haben und Wiederkäufer sind, also Rinder, Schafe, Ziegen und Damwild.

Getrennte Waschbecken

Im Haushalt spiegelt sich die Lebensweise in den Hygieneregeln wider: Es gibt verschiedene Waschbecken, einen unterteilten Kühlschrank und zwei separate Herdplatten. Koschere Lebensmittel bestellt Rachel Christina Slawik online oder holt sie im 120 km entfernten München. Schwieriger verhalte es sich beim Essen außerhalb des Hauses. Vegetarische Gerichte auf der Speisekarte und in der Schule helfen, die Regeln einzuhalten.

Seit ihrem Bekenntnis besucht Christina Slawik alle vier Wochen die jüdische Gemeinde in München und fühlt sich in der Synagoge am Jakobsplatz heimisch. „Es macht mich unglaublich glücklich“, sagt Rachel Christina Slawik, „das Sukkot (Laubhüttenfest) mit der Gemeinde zu feiern.“

Die Kippa dient auch als Erkennungszeichen konservativer Jüdinnen. Andere Glaubensschwestern würden auf Hebräisch mit „Schalom“ grüßen. Mit dem Tragen der traditionellen Kopfbedeckung vermitteln sie die gleiche Botschaft: „Fürchtet euch nicht – es gibt keinen Grund, euch zu verstecken, wir sind Teil der deutschen Gesellschaft.“ Wenn es gefährlich werden sollte, ihren jüdischen Glauben auszuüben, würde Rachel Christina Slawik ihren Blick nach Israel wenden.

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