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Niederbayern
Samstag, 16. Dezember 2017 10

MZ-Serie

Vom Bayerwald nach Monte Carlo

So ein Wirtshaus wie die „Alte Post“ in Herzogsreut findet man kaum noch. Und mit der Wirtin erlebt man manche Überraschung.
Von Thomas Dietz, MZ

  • Maria Lenz-Krumenacker in ihrer gemütlichen Gaststube der „Alten Post“, die voller Antiquitäten steckt. Herzogsreut ist ein Ortsteil der Gemeinde Hinterschmiding im Landkreis Freyung-Grafenau. Fotos: Gabi Schönberger
  • Verstrahlt wohlige Wärme: der blaue Kachelofen aus den 1930er Jahren.

Hinterschmiding.„Abseits vom großen Verkehrsstrom, jedoch auf guten Straßen erreichbar, liegt das verträumte Dörfchen ,Herzogsreut‘. Die Nachsilbe ,reut‘ kommt von reuten (roden) und weist auf die Urbarmachung des Waldes hin, der noch teilweise urwaldähnlich in unmittelbarer Nähe erhalten ist. Als Erholungsort ist Herzogsreut geeignet für die ganze Familie, für Menschen, welche die wirkliche Ruhe der Natur suchen und eine Zeit das laute Vergnügen gerne missen.“ So steht es in dem kleinen Hausprospekt „Landgasthof Zur alten Post“ aus den 60er Jahren.

Das alles stimmt bis heute. Und wer – an der uralten Original-Haustür vorbei, über die mit Natursteinen ausgelegte Fletz (Hausflur) – linker Hand in die Gaststube tritt, spürt: Dies ist eines jener echten, urigen Wirtshäuser, wie man sie selbst mit Mühe kaum noch findet. In Jahrzehnten wurde erfreulicherweise nur das Notwendigste modernisiert. Außer der Gaststube gibt es einen Saal für 100 Personen.

Natürlich steht und fällt hier alles mit der bezaubernden Maria Lenz- Krumenacker (56), Wirtin in vierter Generation. Sie kocht auf einem Herd mit Holzfeuerung, auch Kochmaschine oder Küchenhexe genannt. Ihrer ist ein Erzeugnis der badischen Herdfabrik Malag-Werke Adolf Muckenfuß, die von 1937 bis 2007 bestand – aber den Kundendienst gibt’s immer noch.

Das Kochen hat sich Wirtin Maria von ihrer Mutter Lydia (2007 verstorben) abgeguckt. Etwa Schweinsbraten aus dem Holzofen mit selbst gemachter Soße (aus Knochen, Gemüse, Zwiebeln, später mit Pfeffer, Salz, Knoblauch, Kümmel, Majoran und einem Schuss Bier) oder heimisches Wild: „Das kann i, das mach’ i, und was man ned ko, soll man bleiben lassen“, sagt sie selbstbewusst.

Schwarze Schokolade für die Soße

Bei Maria wird mit Butter gebraten, „ohne Palmin oder Blockfett“. Es gibt keine Steaks und überhaupt nichts vom Grill – nur altväterliche, besser: altmütterliche Traditionsgerichte. Viele Gäste lieben das und kommen donnerstags bis sonntags von überall her angereist. In ihre Wildsoße kommt außer einem Schuss Madeira noch ein Stück schwarze Schokolade. Es gibt klassische Suppen wie Pfannkuchen- oder Leberspätzlesuppe, aber nix Süßes und keine Kuchen: „Das ist zu kompliziert“, meint die Wirtin.

Ein Dokument vom 13. Juni 1651 hält fest, dass „die öd stehend gelassene Behausung samt aller Zugehörung aus Herrschaftshänden dem Stephan Eckerl von Wallern und Magdalena, seiner Ehewirtin, um 70 Gulden verkauft“ wurde. Über die Jahrhunderte erlebte das Wirtshaus „mit Kraut- und Rübenland“ und einem „Äckerl beim Kerschbaumb“ etliche Besitzerwechsel samt akribisch aufgestellter „Jnventarliste“: „16 steinerne Maßkrüge, 1 Schlaguhr, 1 Spanleuchte. Jn der Kammer befinden sich 1 1/2 Spizl Bier im Wert von 3 Gulden, 45 Kreuzer.“

Am 20. März 1886 kaufte der Gastwirt Franz Josef Lenz das Anwesen „um 15 000 Goldmark“, 1923 folgten Johann und Katharina Lenz, 1978 Josef und Lydia Lenz. In diesem Jahr wurde das Haus in die Denkmalliste aufgenommen: „Herzogsreut Nr. 8, Gasthaus, Obergeschoß Blockbau, verschindelt, mit Flachsatteldach v. 1825.“ Maria Lenz-Krumenacker und ihr Mann Josef leiten das Haus seit 1996, sie haben zwei Kinder. Das Haus verfügt über drei Ferienwohnungen und fünf Zimmer mit insgesamt 16 Betten. Ausgeschenkt werden fast alle Biere der Passauer Hacklberg-Brauerei, fünf von ihnen bekamen 2014 bei den DLG-Prämierungen die Bestnote.

Glücklich darf sich schätzen, wem es gelingt, Maria Lenz-Krumenacker zum Plaudern zu bringen (was, wenn sie Zeit hat, durchaus möglich ist). So ist sie 2005 in der Sendung „Das Quiz“ bei Jörg Pilawa im Studio Hamburg aufgetreten und hat mit ihrem besten Freund, Stammgast Ottomar Espe („Otti“), der im vorigen Jahr gestorben ist, 50 000 Euro gewonnen. Von dem Geld sind sie nach St. Tropez geflogen, haben sich Cannes angeschaut und danach am Roulettetisch in der Spielbank von Monte Carlo – in völlig korrekter Garderobe, versteht sich – Platz genommen. Ob sie etwas gewonnen haben? Die Wirtin antwortet lässig: „Wer geht schon in ein Casino, um zu gewinnen?“ Danach konnten sie es sich nicht verkneifen, am Fürstenpalast von Monaco zu klingeln: „Aber die Grimaldis waren nicht zu Hause.“

Maria Lenz-Krumenacker arbeitet auch immer wieder gern als Statistin. So ist sie im Kinofilm „Pumuckl und der blaue Klabauter“ (1994) zu sehen. Ein Besuch in der „Alten Post“ Herzogsreut ist also in vielerlei Hinsicht vergnüglich. Nicht nur wegen des uralten Hauses, altbayerischer Küche aus dem Holzofenherd, gutem Bier, Holzboden, Täfelung, dicken Balken und dem mollig wärmenden, blauen Kachelofen. Die kleine Kapelle rechts neben dem Haus hat übrigens 1861 der frühere Wirt Franz Greiml gestiftet – weil ihm, von einem Pferdefuhrwerk überrollt, kein Haar gekrümmt wurde.

Weitere Teile unserer Wirtshaus-Serie finden Sie in unserem MZ-Spezial.

Lage des Wirtshauses

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