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Nur ein Schritt vom Runden ins Eckige

Die Wallfahrtskirche „Kappel“ beeindruckt durch meisterhafte barocke Rundungen – bis man das Kirchenschiff betritt.
Von Reinhold Willfurth, mZ

  • Pater Friedhelm Foto: Willfurth
  • Außen rund, innen ein gleichschenkeliges Dreieck: Die „Kappel“ in Münchenreuth bei WaldsassenFoto: Willfurth

MÜNCHENREUTH. Als er sah, dass sein Werk fast vollendet war, schied er dahin. Nur 46 Jahre alt war der hochtalentierte Baumeister Georg Dientzenhofer, der Architekt der „Kappel“ bei Münchenreuth, als er starb. „Im Rohbau hat er die Kirche noch erlebt“, sagt Pater Friedhelm Czinczoll.

Ein kalter Wind fegt über den grünen Hügel zwei Kilometer nördlich der Klosterstadt Waldsassen im Landkreis Tirschenreuth. Der Frühling lässt sich dieses Jahr Zeit in der Nordoberpfalz. Umso schöner tritt hinter den noch kahlen Lindenbäumen der Kuppelbau der „Kappel“ zutage. Die drei großen, schlanken Türme lassen Dientzenhofers originellstes Bauwerk fast wie eine orthodoxe Kirche mit ihren verspielten Zwiebeltürmen aussehen. „Darauf werde ich immer angesprochen“, sagt der „Hausherr“ der Rundkirche.

Wer die „Kappel“ genauer unter die Lupe nimmt, kommt schnell vom Runden ins Eckige. Denn die Idee des aus Oberbayern stammenden Baumeisters Dientzenhofer für die Wallfahrtskirche des benachbarten Klosters Waldsassen war, die Dreieinigkeit Gottes in Architektur umzusetzen. Im Mittelpunkt des Kirchengrundrisses steht somit ein gleichschenkeliges Dreieck, das Gottvater symbolisieren soll. Nach einer frommen Legende soll dem Architekten die Idee beim Anblick einer Weide mit drei Stämmen am Ufer der nahen Wondreb gekommen sein: „Drei Rundtürme, die aus einem Grund wachsen, drei Gewölbe, die ein Dach bilden, drei Nischen, die zusammen ein Kirchenraum sind“, soll Dientzenhofers Gedankenblitz gewesen sein. Dann ging alles sehr schnell. Grundsteinlegung war am 12.Juli 1685, vier Jahre später stand die imposante Rundkirche. Die kirchliche Weihe durch den Regensburger Weihbischof Albert Ernst Graf von Wartenberg erfolgte aber erst 1711.

Finanzierung durch die Pilger

Warum das Zisterzienserkloster Waldsassen das Gotteshaus gerade hier, mitten in Feldern und Wiesen, erbauen ließ, dafür gibt es laut Pater Friedhelm einen ganz pragmatischen Grund: Den Mönchen, die hier das Vieh des Klosters hüteten, sei der Weg zum Gebet ins Kloster zu weit gewesen.

Deshalb hängten sie sich ein heiliges Bild in einen Baum, um dort zu beten. Der Anfang für die „Kappel“ war gemacht, und das wenige Jahre nach der Entstehung des Klosters um 1133. Auch beim Baubeginn der „Kappl“ stand bereits eine steinerne Kapelle auf der Hochfläche 600 Meter über dem Meeresspiegel bei Münchenreuth. Sie wurde überbaut, blieb aber bis zur Eröffnung des Neubaus für Pilger geöffnet. Schließlich musste das neue Gotteshaus ja irgendwie finanziert werden. „Und das haben hauptsächlich die Pilger gemacht“, erzählt Pater Friedhelm.

Wenn auch heute keine Wallfahrer mehr zur „Kappel“ pilgern: Der Andrang der Besucher aus aller Welt ist groß. Übrigens auch der Zuspruch der Gottesdienstbesucher: Wenn Pater Friedhelm an den Sonntagen zwischen Palmsonntag und Allerheiligen die Messe hält, bleibt kaum einer der rund 200 Plätze frei. Und die Besucher lassen gerne Münzen und Scheine für den Erhalt der Kirche da. „Opferstöcke haben wir genug“, sagt der Pater.

Die Wallfahrtskirche ist auch heute noch ein Ort, wo man still um Hilfe für allerlei Notlagen fleht. Bis zur letzten Renovierung hingen auch zahlreiche Zeugnisse erfolgreicher Erhörungen in der Kirche. Seit 2007 sind sie verschwunden. „Keiner weiß, wo die Votivtafeln hingekommen sind“, bedauert Pater Friedhelm.

Das Besucherbuch im überdachten „Umgang“, der den dreieckigen Kirchenraum umringt, gibt Auskunft über die Wünsche der heutigen Auto- und Buspilger. „Lass meinen Jan gesund bleiben. Deine Oma“, ist darin zu lesen. „Ich wünsche, das mei Opa da ist“, steht in kindlicher Schrift ganz oben auf einer Seite. „Lass mich bitte immer die richtigen Entscheidungen treffen“, heißt es an einer anderen Stelle. Manche Besucher wollen sich nur so verewigen, so wie die „Behinderten-, Versehrten- und Rehasportabteilung des ASV Cham“, die hier nach einem Besuch des nahen Sibyllenbads weilte, und manche machen es kurz: „Richtet dem Lieben Gott Grüße aus“. Auch ein gewisser Joseph Ratzinger, damals noch Kardinal, hat sich 1993 zusammen mit seinem Bruder Georg in das Besucherbuch eingetragen.

Pater Friedhelm, geboren in Dortmund und, wiewohl seit 1944 Oberpfälzer, treuer Borussia-Fußballfan, ist im Hauptberuf Lehrer im Spätberufenenseminar Fockenfeld bei Konnersreuth, der Heimat der „Resl“ sowie „Topmodel“-Kandidatin Laura.

„Mein Hobby ist Pfarrer“

„Mein Hobby ist Pfarrer“, sagt der 71-jährige Ordensmann schmunzelnd. Und die schmucke „Kappl, ist das seine Leidenschaft? „Ich fühle mich hier sehr wohl“, sagt Pater Friedhelm. Nur mit einem kann er sich nicht so recht anfreunden: Der Stadtrat von Waldsassen hat beschlossen, dem Namen „Kappel“ das „e“ zu amputieren. „Obwohl schon in Texten aus dem 15.Jahrhundert von einer „capella“ zu lesen gewesen ist. Der Salesianer-Pater zuckt die Achseln. Hauptsache, seine Kirche erstrahlt weiter im frisch renovierten Glanz. Die notdürftig überklebten Namen auf den offiziellen Hinweistafeln sind ein weltlicher Schildbürgerstreich.

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