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Geschichte

Oberpfälzischer Acker birgt Sensationen

Ein Gräberfeld voller Geheimnisse: Archäologen graben sich derzeit an der Naab durch die Geschichte der slawischen Ahnen der Oberpfälzer.
von Reinhold Willfurth, MZ

Millimeter um Millimeter ziehen Archäologen bei Iffelsdorf den Boden auf der Suche nach Spuren ab. Foto: Willfurth

IFFELSDORF.Das kleine Mädchen war drei bis vier Jahre alt, als es starb. Die Eltern verabschiedeten sich mit einer anrührenden Geste von ihm: Liebevoll schmückten sie ihr Kind mit einer Halskette aus bunten Glasperlen, und sie legten das Taschenmesser des Mädchens mit ins Grab – damit es sich auf der Reise ins Jenseits immer etwas zu essen zubereiten konnte.

Der Anblick der Glasperlen mit ihrem matten Glanz in Gold, Blau und Bronze und der Reste des Taschenmessers geht zu Herzen – auch heute noch, rund 1200 Jahre nach dem Tod des kleinen Mädchens. „Kinder mussten damals früh mit anpacken, um den Erhalt der Familie zu sichern“, sagt Hans Losert. Das kleine Mädchen bot noch keinen praktischen Nutzen für das harte Leben in der slawischen Familie. Es hatte noch keinen gesellschaftlichen Status. Aber Rituale wie diese „zeigen, dass die damaligen Eltern ihre Kinder genauso liebten wie die heutigen“.

Losert, Archäologe an der Universität Bamberg, sein Kollege Prof. Erik Szameit aus Wien und ein Grabungsteam mit Studenten aus vier Ländern untersuchen seit vier Wochen ein Gräberfeld auf einem Acker bei Iffelsdorf, das zur Stadt Pfreimd (Kreis Schwandorf) gehört. Sie haben dort nicht nur anrührende Dokumente menschlicher Liebe gefunden, sondern auch eine archäologische Sensation.

Wie die Griechen und die Römer

Bisher war immer nur vermutet worden, dass die Slawen, diese frühen Oberpfälzer mit Migrationshintergrund, ihre Angehörigen nicht nur feierlich bestatteten, sondern zum Gedenken an ihre Verstorbenen direkt am Grab Feste mit Speis, Trank und Tanz veranstalteten. „Da ging es oft lustig zu“, sagt Losert. Ein Ritual, das sich bis heute im orthodoxen Kulturkreis, etwa in Serbien und Russland, wo man beim Feiern am Grab nicht mit Wodka und Slivovitz knausert, erhalten hat – aber beispielsweise auch im tiefkatholischen Mexiko. Im Oberpfälzer Iffelsdorf aber gelang nun der Beweis für das Feier- und Opferritual der ersten Oberpfälzer slawischer Herkunft. Archäologe Losert nimmt an, dass die aus Südosteuropa zugewanderten Slawen das Feiern am Grab ihrer Angehörigen von mediterranen Kulturen, sprich von Griechen und Römern, übernommen haben. Die Oberpfälzer Zuwanderer „waren wohl schon christianisiert, aber es haben sich noch heidnische Riten erhalten“.

Spurensuche begann in Regensburg

Über die sogenannten „Naabwenden“, wie die neuen Siedler aus Südosteuropa genannt werden, war bislang so gut wie nichts bekannt. Jahrzehntelang wurden diese Zuwanderer ignoriert, auch von der Wissenschaft, vor allem in der Zeit der Nationalsozialisten, als Slawen als „Untermenschen“ diffamiert wurden, aber auch in der Forschung nach 1945. Hans Losert gilt heute als Spezialist für diese Bevölkerungsgruppe, die sich nach der Einwanderung „extrem schnell“ mit den anwesenden bajuwarischen Stämmen vermischt haben. Viele Oberpfälzer Ortsnamen (z. B. mit der Endung „itz“) deuten noch heute auf slawische Gründungen.

Rund um die Kindergräber von Iffelsdorf finden sich Tongefäße mit der typischen slawischen Wellenband-Dekoration und weiteren eindeutigen Merkmalen. Hans Losert war vor zehn Jahren im Regensburger Historischen Museum auf einige dieser Gefäße gestoßen, die bereits in den fünziger Jahren beim Bau einer Straße in Iffelsdorf gefunden wurden. „Da muss noch mehr sein“, dachte sich der Wissenschaftler – und wurde jetzt für seinen Spürsinn reichlich belohnt. „Bei der ersten Durchsicht im letzten Jahr haben wir gleich am zweiten Tag vollständig erhaltene Gefäße gefunden“, berichtet Losert. Mit dem Segen der Grundbesitzer, der Familie Reil aus Iffelsdorf, arbeiteten sich dann in diesem Sommer Dutzende Archäologen Schicht für Schicht durch den sandigen Boden zwischen einem Osthang mit Quelle und der ruhig dahinfließenden Naab.

Neben Trink- und Essgefäßen, Silberringen und Glasperlenketten fanden sich vor den nach Osten ausgerichteten Gräbern immer wieder Reste von Holzkohle: Hinweise auf Feuerstätten. Von den Leichen sind fast nur mehr die Gebisse erhalten – der sauere Sandboden hat im Lauf der Jahrhunderte die Knochen zersetzt. Am vergangenen Freitag kurz vor Feierabend arbeiteten die Archäologen dann das Prunk- und letzte Beweisstück der Grabungskampagne aus der Erde heraus: Eine tönerne Bratpfanne kam zutage, ein kostbares archäologisches Dokument. Das Loch für den Holzstiel ist noch sehr gut erhalten. „Das ist absolut einzigartig“, jubelt Hans Losert.

Das sind hoch interessante Neuigkeiten – nicht nur für die Leser der Fachzeitschrift „Das archäologische Jahr in Bayern“, in der das aufsehenerregende Errgebnis der Grabung demnächst veröffentlicht wird. Die Bewohner ringsum sind begeistert von den Spuren ihrer einstigen slawischen Nachbarn – oder Ahnen. „Das ist schon fast eine Sucht“, sagt ein Bewohner, der jeden Tag bei der „archäologischen Wundertüte“ in seiner Heimat vorbeischaut. Der Mann hat auch mit dafür gesorgt, dass zwei ortsansässige Lions Clubs die finanziell mager ausgestattete Grabungskampagne mit 5000 Euro unter die Arme greift.

Das „heidnische“ Ritual der Opferfeste mit Tanz vor dem Grab der Lieben hielt sich noch recht lange bei den slawischen Zuwanderern. Die Kirche sah es nicht gern – auch deshalb, weil die Feste nach ein paar Bechern geistiger Getränke wohl auch in regelrechte Gelage mündeten, wie Hans Losert vermutet. Jedenfalls sah sich der Bischof von Würzburg im 10. Jahrhundert gezwungen, Opfer und Opfermahlzeiten auf Friedhöfen zu verbieten. Trauerfeiern mit fröhlichen Anklängen findet man fortan nicht mehr auf Friedhöfen. Die sprichwörtliche „schöne Leich’“ findet heutzutage meist hinter den verschlossenen Türen eines Wirtshaussaals statt.

Grabungen enden bald

Langsam neigen sich die Grabungen bei Iffelsdorf dem Ende entgegen. Ende der Woche reist der Forschertrupp aus Bamberg und Wien wieder ab. In den vergangenen Tagen beförderten die Archäologen noch einmal herausragende Funde ans Tageslicht: In einem Grab stießen sie auf den Schädelknochen eines Kindes. In einem anderen Grab fanden sie eine vollständig erhaltene „Hirtenschelle“, die einem Mädchen als glückbringendes Amulett umgehängt worden war. Losert machte gleich den Test: Sogar nach rund 1200 Jahren, die es in der Erde verborgen war, erklingt das kleine Glöckchen noch. Und nicht nur das: Auch vom Leinenbändchen, an dem die Schelle befestigt war, sind Spuren vorhanden. Teile davon seien am Glöckchen anoxidiert, berichtet der Wissenschaftler begeistert, „das ist einfach irre!“

Die Stadt Pfreimd ist von den Zeitzeugnisse, die in ihrem Gebiet zutage befördert wurden, so beeindruckt, dass sie die Funde unbedingt behalten möchte. „Wir möchten gerne ein Museum über die Geschichte der Slawen in der Oberpfalz einrichten“, erzählt der Bürgermeister Arnold Kimmerl. Zu entscheiden haben das der Eigentümer der Grabungsstelle und die Universität Bamberg. Denn archäologische Funde gehören zu gleichen Teilen dem Grundstückseigentümer und demjenige, der sie freigelegt hat.

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