mz_logo

Oberpfalz
Montag, 11. Dezember 2017 3

MZ-Serie

Als Babysitter taugt der Fernseher nicht

Die MZ setzt die erfolgreiche Erziehungsreihe mit Ludwig Haas fort. Dieses Mal geht es um fernsehen als Erziehungsmittel.

Wer seine Kinder vor dem Fernseher parkt, tut ihnen keinen Gefallen. Als Gemeinschaftserlebnis für die Familie am Abend sieht das anders aus. Foto: dpa

Regensburg.Es ist Wochenende. 7 Uhr morgens. Antje (5) und ihr Bruder Carlo (4) sind schon wach, wollen unterhalten werden, ihre Eltern dagegen ausschlafen. Dafür gibt es eine einfache Lösung. Sie erlauben den Kids, den Fernseher einzuschalten. Vier von zehn Eltern von unter Sechsjährigen erlauben dies laut einer Umfrage der Gesellschaft für Konsum-, Markt- und Absatzforschung (GfK) in Nürnberg. Sechs von zehn Eltern finden es recht angenehm, die Kinder mal eine halbe Stunde vor der Glotze zu parken.

Vielenorts hat sich eingeschlichen, den Fernseher als Babysitter zu benutzen. Ist das Wetter schlecht oder das Kind krank, ist es praktisch, das nervende Kind vor den Fernseher zu setzen. Auch ist es verlockend, wenn man endlich einmal Zeit und Ruhe für sich hat oder ohne Kind am Rockzipfel im Haushalt etwas erledigen kann, das Kind vor dem Fernseher beschäftigt und quasi ruhig gestellt weiß. Für viele ist dieses „Bildschirmparken“ ganz normal, wenn sie selbst so aufgewachsen sind, nichts Schadvolles darin sehen oder einfach selbst zu wenig Energie haben, mit den Kindern etwas zu unternehmen.

Eigenaktivität der Kinder leidet

Unbestritten ist, dass bei den Vielsehern unter den Kindern die Eigenaktivität leidet, der natürliche Bewegungsdrang eingeschränkt wird. Sie erleben Abenteuer, Natur oder Sport nur mehr passiv, also aus zweiter Hand, die echte Interaktion und Kommunikation mit Eltern, Geschwistern und anderen Kindern kommt zu kurz. Auch das miteinander Reden, Streiten, Lachen und sich Freuen bleibt auf der Strecke. Das Sozialverhalten und die Kommunikation mit den Eltern oder Freunden können sich nicht richtig entwickeln, wenn jeder allein daheim vor der Glotze dahinlebt und dabei jedes Mal verstummt. Kommen Bewegungsmangel, ständiges Naschen und lange Fernsehzeiten zusammen, ist es kein Wunder, wenn die Zahl der übergewichtigen Kinder steigt.

Zu viel fernsehen schadet auch der normalen Gehirnentwicklung, weil Vorschulkinder die Informationen nicht verarbeiten können. Der Gehirnforscher Manfred Spitzer sagt, dass das Fernsehen die Sinneswahrnehmung der Umwelt durch das Kind nicht fördert, sondern stark hemmt. Denn: „Fernsehen riecht nicht, schmeckt nicht, ist nicht greifbar, man hört und sieht nur. Eigene Erfahrungen kann das Kind nicht machen. Die Entwicklung des Gehirns ist somit beeinträchtigt“, ist sich Spitzer sicher, „weil die Form der Informationsvermittlung dem kindlichen Hirn nicht gerecht wird, denn die zweidimensionale Welt des Fernsehens kann die Wirklichkeit nicht ersetzen“.

Amerikanische Studien beweisen, dass vor allem Kleinkinder von den Filmen nicht profitieren. Bei Vielsehern ist bereits im Grundschulalter eine deutliche Beeinträchtigung der kognitiven Fähigkeiten festzustellen, da die Sprach-, Rechen- und Leseleistungen, die Konzentrationsfähigkeit und Aufmerksamkeit deutlich eingeschränkt sind, die Quote an Sprachstörungen mit der höheren Stundenzahl an Fernsehkonsum pro Tag zunimmt.

Auch mit Gewaltdarstellungen können Kinder Probleme haben, wenn sie beim Fernsehen allein gelassen werden. Fernsehgewalt kann zu innerer Abstumpfung gegen Aggression führen, Angst und irreale Fantasien fördern oder Alpträume und Schlafstörungen hervorrufen.

Auf körperliche Reaktionen achten

Dass ein Kind mit der Verarbeitung einer Sendung emotional und geistig überfordert ist, erkennt man oft an den körperlichen Reaktionen. Es wird unruhig, angespannt, ängstlich und nervös, hält sich Augen und Ohren zu, beißt Nägel, versteckt sich hinter dem Sofa oder geht einfach aus dem Raum. Überforderungen sind nach der Sendungen nicht vergessen, sondern arbeiten im Kinderhirn weiter. Vor allem jüngere Kinder können noch nicht abstrahieren, können Bilder und Szenen nicht verarbeiten, erleben gewalttätige Inhalte fast immer als Wirklichkeit.

Auch mit der Werbung haben Kinder Probleme. Erst ab dem vierten Lebensjahr erkennen sie den Unterschied zwischen Werbung und Sendung. Die Verkaufsabsicht der Werbung durchschauen erst Grundschulkinder. „Erst mit acht Jahren können Kinder langsam zwischen Realität und Fiktion unterscheiden“, weiß Medienpädagoge Gottfried Kühnel. Durch Werbung wird Kindern zudem die falsche Botschaft vermittelt, dass man durch die richtigen Produkte Erfolg haben, Beliebtheit, Freundschaft und Glück erlangen kann, dass es für alles eine schnelle Lösung gibt. Die Wirklichkeit sieht dagegen oft anders aus als die Glitzerwelt der Werbung, was Kinder oft unzufrieden werden lässt.

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht