mz_logo

Oberpfalz
Sonntag, 25. Juni 2017 27° 5

Festival

Das Theater bricht auf in wilde Zeiten

Der Regensburger Intendant Jens Neundorff verrät seine Festival-Favoriten – und welche Pannen im „Wilden Bayern“ passieren.
Von Marianne Sperb, MZ

Welcome im „Wilden Bayern“: Intendant Jens Neundorff freut sich, wenn die Bayerischen Theatertage am Samstag endlich beginnen. „Bisher ist das wie Trockenbaden“. Foto: altrofoto.de

Regensburg.Seit Wochen sind die Theatertage, die am Samstag beginnen, DAS Thema. Es ist gar nicht so einfach, Sie noch etwas Neues zu fragen.

Jens Neundorff von Enzberg: Ja – aber es passiert ja auch jeden Tag wieder was.

Zum Beispiel?

Zuletzt haben wir jetzt erfahren, dass der Fassanstich zur Eröffnung am Samstag doch im Neuhaussaal stattfinden kann, trotz denkmalpflegerischer Bedenken. Weil unser Verwaltungsratsvorsitzender OB Joachim Wolbergs das Fass anstößt, der kann das.

Das Fass anstoßen? Ein Bayer sind Sie nicht.

Haben Sie recht. Aber ernsthaft: Ich bin überrascht, wie wenig Pannen bisher passiert sind. Das spricht für die Begeisterung aller Akteure hier.

Sie zeigen in der aktuellen Spielzeit 31 Premieren, alle arbeiten am Limit. Sie sitzen außerdem in der Jury für den Deutschen Theaterpreis „Der Faust“, für den Sie sich bis 7. Juni 50 Vorstellungen bundesweit anschauen müssen – und da heben Sie – freiwillig – die Hand für die Bayerischen Theatertage. Man könnte fragen: Ja, ist der denn verrückt geworden?

Ja. Ist er. Ehrlich: Wenn ich gewusst hätte, welcher Aufwand nötig ist, hätte ich den Finger wahrscheinlich langsamer gehoben ….

Mehr über die Theatertage lesen Sie hier.

Sie haben einen externen Mitarbeiter engagiert – Aurel Thurn – und stemmen alles andere aus eigenem Saft. Hat die Stunde für Theaterleute 300 Minuten?

Natürlich ist die Belastung außerordentlich hoch. Wir versuchen, einen Ausgleich zu finden. Aber es wird einiges an Überstunden auflaufen.

Wahrscheinlich ist es am Ende wie eine Geburt: Wenn das Kind da ist, sind die Strapazen vergessen.

Ich muss sagen, ich bin wirklich froh, wenn es am Samstagabend endlich losgeht. Der ganze Vorlauf, das ist bisher wie Trockenbaden.

Die Fassade des Theaters Regensburg im Bayern-Look: Hier ist ab Samstag das Hauptquartier des „Wilden Bayern“.Fotomontage: Theater Regensburg

Wie wollen Sie die Regensburger mitnehmen ins „Wilde Bayern“? Wie viele der 16 000 Karten sind verkauft?

Die Mitarbeiterinnen aus Ausstattung und Marketing haben dafür gesorgt, dass die BTT in der Stadt richtig gut präsent sind. Und mit knapp 11 000 verkauften Tickets, Stand: Mittwochmittag – bin ich sehr zufrieden. Aber das Ganze wird noch einen Schub bekommen mit der Eröffnung, denk’ ich, und wenn sich die Stadt nach den Ferien wieder füllt.

„Ich habe tatsächlich die Hoffnung, Menschen für das Theater zu verführen, die nicht zum Standard-Publikum gehören.“

Jens Neundorff

Ein Ziel der Theatertage ist auch: neues Publikum erschließen. Wird das gelingen?

Ich habe tatsächlich die Hoffnung, Menschen für das Theater zu verführen, die nicht zum Standard-Publikum gehören. Auch mit den Vor- und Nachgesprächen, die einen in Kontakt mit aufregenden Menschen bringen, und mit dem kostenlosen Rahmenprogramm, das bis nachts Leben ins Haus bringt. Ich würde mich freuen, wenn die Theatertage den Impuls in die Stadt geben: Theater ist mehr als „Die Räuber“ oder „Aida“. (Anm. d. Red.: Beide Inszenierungen waren verrissen worden).

Wir haben über Rahmen und Zahlen gesprochen. Was lockt künstlerisch ins „Wilde Bayern“?

Wenn man etwas über die Arbeit am Theater, auch über ernüchternde Seiten, erfahren will, müsste man „Das Vorsprechen“ anschauen. Das Stück der Kammerspiele gibt realistischen Einblick, welchen Situationen junge Schauspieler ausgesetzt sind.

Über die Bajuwarisierung des Stadttheaters lesen Sie hier.

Eine Art Real-Drama also. Was lockt in Ihren Augen noch?

„Der Prozess“, unsere eigene Produktion. Regisseurin Mélanie Huber hat eine ganz eigene Handschrift. Die Schauspieler da zu erleben, wird hochinteressant. Und natürlich werde ich „Gefährliche Liebschaften“ anschauen. Das Musical aus dem Gärtnerplatz-Theater hat fünf Preise bekommen und ist in Regensburg das letzte Mal zu sehen. Intendant Josef Köpplinger kommt!

Der Auftakt im „Wilden Bayern“

  • Kafka zur Eröffnung:

    Die Bayerischen Theatertage starten mit „Der Prozess“, einer Regensburger Produktion. Regisseurin Mélanie Huber inszeniert Kafkas Roman-Fragment mit Josef K. als einer Art tragischem Tollpatsch im Mittelpunkt. Unter das Premierenpublikum mischt sich zahlreiche bayerische Intendanten. Vorab werden im Neuhaussaal Reden geschwungen, nach der Vorstellung wird im Foyer Neuhaussaal gefeiert; der Almost Heart-Chor singt. Der Eintritt ist frei. Für den „Prozess“ gibt noch Hörplätze, ausverkauft ist die Lesung „Die Känguru-Chroniken“ am Samstag im Theater am Haidplatz. Termin: Samstag, 28. Mai, 19.30 Uhr, Theater am Bismarckplatz

  • Ein Quertreiber:

    Das Residenztheater München gastiert mit „Wir sind Gefangene“, einer Inszenierung von Robert Gerloff. Oskar Maria Graf verfasste seinen autobiografischen Roman als Chronik einer Zeit und als Anklage. In dem Bäckerssohn Oskar formen die in der Kindheit erlittenen Schläge den Wunsch, die eigene Stimme zu erheben. Er agitiert gegen den 1. Weltkrieg und zieht 1918 mit revoltierenden Massen durch München, um endlich eine gerechtere Gesellschaft zu erschaffen. Ein Quertreiber zeigt Haltung. Termin: Sonntag, 29. Mai, 19.30 Uhr, Theater am Bismarckplatz

  • Das Kind im Mann:

    Peter Pan, der Junge, der nicht erwachsen werden wollte und zum Mythos wurde: Das Theater Wasserburg zeigt das Stück von James M. Barrie in einer Inszenierung von Uwe Bertram. „Peter Pan“ erzählt von einem Mann jenseits der Lebensmitte, der mit seiner Frau voll Freude und Kindlichkeit in eine Altersnostalgie flieht, und von einem Kind, das in einem Abenteuerland lebt. Dieses „Niemandsland“ wirkt von außen reizvoll, aber das Kind darin ist zutiefst einsam. Im Anschluss an die Vorstellung redet das Publikum über die Inszenierung. Termin: Sonntag, 29. Mai, 19.30 Uhr, Velodrom

  • Ein Problembär:

    Familie Pavian, die Mufflons und das Murmeltiermädchen leben zufrieden im Zoogehege – bis ein neuer Bär geliefert wird. Der stellt unbequeme Fragen über die merkwürdigen Wesen auf der anderen Zaunseite und fasst schließlich einen folgenschweren Plan. – „Was das Nashorn sah, als es auf die andere Seite des Zauns schaute“, das Stück von Jens Raschke, zeigt das Theater an der Rott in einer Inszenierung von Markus Steinwender. Vorab gibt es eine Einführung. Termin: Sonntag, 29. Mai, 14 Uhr, Einführung: 13.30 Uhr, Theater am Haidplatz

Zu „The Black Rider“ mit Musik von Tom Waits am Ende der Theatertage haben Sie ja besonderen Bezug.

Ja. Ich fragte Tom Waits 2000 – ich war damals in Bonn – an, ob er nicht ein Musical für uns schreiben könnte. Er druckste rum und schickte mir dann eine Einladung: nach Kopenhagen zur Uraufführung von „Woyzeck“. Da wurde klar, warum er für Bonn nicht zugesagt hatte – weil er mit dem „Woyzeck“ beschäftigt war. War aber eine tolle Woche in Kopenhagen.

Das Kinder- und Jugendtheater ist mit rund 20 Vorstellungen ein Schwerpunkt. Welche Inszenierungen reizen Sie?

Man denkt bei den Theatertagen ja nicht automatisch an Kinder. Aber hier ist zwei Wochen lang ein richtiger Theater-Parcours für Familien geboten. „Der Kleine Prinz“ wird sicherlich sehr interessant. „Supergute Tage“ fällt leider aus: ein Ensemble-Mitglied hat sich den Arm gebrochen.

Das Festival eröffnet mit „Der Prozess“ – mehr dazu hier.

Ein Armbruch ist ja kein Beinbruch. Bei mehr als 50 Vorstellungen gibt es reichlich Alternativen. Haben Sie auch noch einen wilden Tipp für das Rahmenprogramm?

Das Klassik-Karaoke finde ich witzig. Ich habe schon geprobt: die Arie des Papageno. Schwierig!

Was machen Sie am Tag 1 nach den BTT?

Da gibt’s zwei Optionen: Ich könnte zur deutschen Meisterschaft der Theaterfußballmannschaften in Mannheim – aber ich muss nicht antreten, weil ich mir vor drei Wochen eine Rippe gebrochen habe – oder zur Verabschiedung von Intendant Günther Beelitz nach Düsseldorf. Er kuratiert ja 2017 in Regensburg die Reihe „Große Namen lesen große Texte“. Aber vielleicht schlaf’ ich auch einfach mal aus.

Hier geht’s zu Beiträgen aus der Kultur.

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Anmelden

Hinweis: Bitte schützen Sie Ihr Konto auf öffentlichen Geräten, indem Sie sich nach der Nutzung im Profil-Bereich abmelden.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht