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Oberpfalz
Sonntag, 17. Dezember 2017 5

MZ-Serie

Das wieder auferstandene Kleinod

Die Sanierung des Emerenz-Meier-Hauses ist ein Glücksfall. Auch das Wirtshaus trägt den Namen der ausgewanderten Dichterin.
Von Thomas Dietz, MZ

Walter und Claudia Unterleitner führen seit knapp vier Jahren das „Wirtshaus zur Emerenz“ in Schiefweg. Die Gemeinde gehört zu Waldkirchen, Lkr. Freyung-Grafenau, im Unteren Bayerischen Wald. Foto: Gabi Schönberger

Waldkirchen-Schiefweg.In diesem stattlichen Haus mitten im alten Dorfkern von Schiefweg ist sie 1874 zur Welt gekommen: die Dichterin Emerenz Meier, gestorben 1928 in Chicago. Meist nennt man sie eine Volks- oder Heimatdichterin, was bei der Originalität und der erstaunlich frischen Sprachkraft ihrer Texte etwas Herablassendes hat. Ihrem geliebten Bayerischen Wald hat sie allerdings ein fulminantes Denkmal gesetzt.

Am Rande des Vorgartens wurden echte Poller eingepflanzt und der stählerne Hinweis auf das Auswanderermuseum „Born in Schiefweg“ im Obergeschoss des Emerenz-Meier-Hauses erinnert an einen Schiffsbug mit Ankerkette. 1906 folgte die Dichterin mit ihrer Mutter – die materielle Not war wieder mal groß – via Bremerhaven ihrer Familie nach Chicago. Die jungen Männer und ihre Schwestern waren schon drüben. Doch in dieser lauten US-Großstadt ist sie nie glücklich geworden. Vor allem vermisste sie ihre vorzüglichste Inspirationsquelle: den geliebten bayerischen Wald.

Sobald man in den gewölbten Gang getreten ist, spürt man deutlich die gute Aura dieses Hauses. „Ja, so ist es uns auch ergangen“, sagt Wirtin Claudia Unterleitner (48), die mit ihrem Mann Walter (50) im April 2012 das „Wirtshaus zur Emerenz“ übernommen hat, „wir wussten sofort: das ist es.“

Nur zwei Tische passen in das Gewölbe des ehemaligen Krautkellers. Foto: Gabi Schönberger

Das Wirtshaus mit grün beleuchtetem Hausbrunnen, seinen Stuben und Gewölben hat so etwas Heimeliges. Gern lässt man sich hier nieder und will auch erst mal nicht wieder weg, schon gar nicht auswandern. Freundliche Nachbarn sitzen an den Tischen, ausgeschenkt wird das gute Hutthurmer Bier und in einiger Distanz streicht lautlos der schöne, aber scheue Haushund „Solo“ vorbei.

Historische Wirtshäuser in Niederbayern

„Nur mit Butterschmalz gebraten“

Dominierender Erbteil ist bei ihm die Siebenbürger Bracke, der „Transsylvanischer Laufhund“. „Er hat einiges durchgemacht“, berichtet Claudia Unterleitner, „und wurde vor der Tötung bewahrt. Darum ist er so zurückhaltend. Die Gäste schätzen das aber.“

Claudia Unterleitner war Bauzeichnerin, bis sie ihrem Mann in die Gastronomie gefolgt ist. Der hat die berühmte Hotelfachschule Bad Hofgastein im Salzburger Land absolviert und steht im Emerenz in der Küche. „Kochen hat mir nie Spaß gemacht“, erzählt er schalkhaft – bis er von den Gästen mit Lob überschüttet wurde. Seitdem tut er’s gerne. Berühmt sind seine sagenhaften Bröselfetzen, also panierte Schnitzel, „nur mit Butterschmalz in der Pfanne gebraten.“

Denn die Fritteuse war das erste, was die Unterleitners von den Vorgängern aus der Küche warfen. „Wer Pommes frites haben will, soll zu McDonald’s gehen“, sagt der Koch ironisch.

Ebenso legendär sind seine hausgemachten Rindssuppen, Kaspressknödel und der sonntägliche, ofenfrische Schweinsbraten, „nur, so lange der Vorrat reicht“. Wie oft klingelt das Telefon: „Bitte drei Portionen aufheben, wir kommen erst um halb zwei.“ Der Skispringer Severin Freund und Ex-Fußball-Manager Heinrich Schmidhuber gehören zu den Stammgästen.

Großer Wert wird auch auf eine gepflegte Auswahl österreichischer Weine gelegt: „Das ist unsere Passion“, sagt der Wirt, „die holen wir selbst mit dem Auto von den Winzern ab.“ Ausgeschenkt wird auf Wunsch in angenehmen 1/8-Gläsern. Dazu kommt eine exquisite Auswahl an Obstbränden. Das Fleisch liefert die seit mehr als 300 Jahren tätige Metzgerfamilie Meindl aus Waldkirchen, Wild kommt von heimischen Jäger des Bayerwaldes.

Das Buch

  • Der Nachfolgeband

    „50 historische Wirtshäuser in Niederbayern“ heißt der Nachfolgeband zu den erfolgreichen „50 historischen Wirtshäusern in der Oberpfalz“. Hier werden all die Wirtshäuser beschrieben, denen es gelungen ist, mit Charme und Charakter so manchen modernen Unarten zu trotzen.

  • Der Inhalt

    Ausgestattet ist das Buch mit vielen Bildern von Gerald Richter und anderen namhaften Fotografen.

  • Die Texte stammen von Franziska Maria Gürtler, Sonja Jessica Schmid und Dr. Peter Morsbach.

  • Der Verlag

    Verlag Friedrich Pustet/Dr. Peter Morsbach Verlag, Regensburg. Hardcover, 200 Seiten, viele Fotos, 24,95 Euro.

Bewunderungswürdiger Kraftakt

Oben Museum, unten Wirtshaus: das Emerenz-Meier-Haus von außen. Foto: Gabi Schönberger

Die Unterleitners sind stolz auf ihre Vereine, ihre Bastelgruppe (bunte Filztaschen, Kissen u.a. sind käuflich und liegen im Gang aus) und ihren Damenstammtisch. Dass dieses Emerenz-Meier-Haus in seiner edlen, denkmalgerechten und topsanierten Pracht überhaupt so dasteht, grenzt an ein Wunder und ist ein Beispiel dafür, welche Großleistungen eine Gemeinde, die sich einig ist, vollbringen kann.

Das Geburtshaus der Emerenz Meier war morsch, verfallen und verfault. Georg Höltl, Gründer des Museumsdorfes Tittling, der schon manche bäuerliche Bausubstanz gerettet hat, kaufte es und ließ als erstes ein neues Dach bauen, um den Verfall zu stoppen.

Hochzeitstisch: im Museum „Born in Schiefweg“ wird auch geheiratet. Foto: Gabi Schönberger

Dann bildete sich 1997 der Emerenz-Meier-Haus-Verein, um das Haus in einem bewunderungswürdigen Kraftakt zu kaufen, zu sanieren, Museum und Wirtshaus als Ortsmittelpunkt wieder auferstehen zu lassen.

Dass nun dieses Auswanderermuseum „Born in Schiefweg“ so spannend, so modern und so gelungen ist, dürfte neben vielen Anderen auch der Agentur Atelier und Friends aus Grafenau zu verdanken sein. „Fast alle Besucher sagen: wir kommen noch mal“, sagt Karl Filsinger, der 1. Vorsitzende.

Bis 1914 wanderten 3,7 Millionen Deutsche aus. Im Freizügigkeitsvertrag von 1845 zwischen dem bayerischen Königreich und Amerika wurde festgelegt, dass jeder Auswanderer die bayerische Staatsbürgerschaft verliert. Damit er, sollte er verarmt zurückkehren, nicht versorgt werden muss ...

Alle Teile unserer Serie „Historische Wirtshäuser in Niederbayern“ finden Sie hier und auf Mittelbayerische Maps:

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