mz_logo

Oberpfalz
Freitag, 15. Dezember 2017 3

Klinik

Der letzte Rettungsanker

In Regensburg eröffnet die erste Jugendforensik in Bayern, in der psychisch kranke junge Straftäter therapiert werden sollen.
Von Isolde Stöcker-Gietl, MZ

Sozialministerin Emilia Müller ließ sich die modernen Therapieeinrichtungen zeigen. Foto: Lex

Regensburg.Ein Tisch, ein Bett, ein Schrank. 20 Quadratmeter Privatsphäre inklusive Nasszelle. Eine kleine Welt. Für diejenigen, die hier einziehen werden, soll es vor allem ein Hafen werden. Ein Ort, an dem sie sich sicher fühlen können und wo sie Hilfe erfahren. Gleichzeitig ist es aber auch ein Ort, an dem die Menschen auf der anderen Seite der Gitter geschützt werden sollen. Vor psychisch kranken Jugendlichen und jungen Erwachsenen, in deren Leben schon Vieles schief gelaufen ist und für die ein Richter die „ultima ratio“, die letzte Option gewählt, hat: die Unterbringung in der Jugendforensik. Am Montag wurde die erste Einrichtung dieser Art in Bayern in Regensburg eingeweiht. Am kommenden Montag ziehen die ersten Patienten ein.

Hohe Zäune sichern die Gebäude der Forensik – sie dienen dem Schutz der Bevölkerung. Foto: Lex

Dr. Christian Schlögl, der kommissarische Ärztliche Direktor der Einrichtung mahnt die Gäste aus Politik, Justiz und Polizei, die das moderne Gebäude am Montag besichtigen dürfen, zur Eile. Nach 90 Sekunden müssen die Türen zwischen den Schleusen geschlossen sein, sonst erklingt ein lautes Warnsignal. Das Sicherheitssystem in der Jugendforensik, sowie im angrenzenden Erweiterungsbau der Erwachsenenforensik ist ausgeklügelt. So sind die Personal-Leitstände der Stationen eng miteinander vernetzt – auch durch eine Wendeltreppe. In einer Gefahrensituation ist das Personal geschützt, in einer Notsituation kann es ohne die Schleusen zu passieren zur Hilfe eilen.

Der jüngste Patient ist erst 14

20 Einzelzimmer werden für die jungen Patienten zur Verfügung stehen. Mit dem Startschuss habe man sofort eine nahezu volle Auslastung der Einrichtung, sagt Dr. Dorothea Gaudernack, die Leiterin des Amts für Maßregelvollzug am Zentrum Bayern Familie und Soziales. Der jüngste Bewohner, der ab kommender Woche in Regensburg im Rahmen von Therapieprogrammen, Bildungs- und Erziehungsangeboten auf ein straffreies Leben vorbereitet werden soll, ist erst 14 Jahre alt.

Hier sehen Sie, wie die Jugendforensik von innen aussieht:

Jugendforensik

Erfahrungen, wie lange ein solcher Resozialisierungsprozess dauern kann, gibt es bislang nur aus anderen Bundesländern. Man geht von einer durchschnittlichen Unterbringung von rund zwei bis drei Jahren aus. In der langen Zeit soll neben den Therapieprogrammen die Schule mit einem Abschluss beendet und vielleicht auch eine Ausbildung begonnen werden.

Hier lesen Sie ein Interview mit dem Leiter der Jugendforensik. Dr. Christian Schlögl spricht über die Unterschiede der Jugendforensik zur Erwachsenenforensik.

Bayerns Sozialministerin Emilia Müller (CSU) dankte dem Bezirk Oberpfalz und insbesondere Bezirkstagspräsident Franz Löffler, dass man bereit gewesen sei, sich der großen Herausforderung zu stellen. Sie sprach von einem „Meilenstein“. Erfahrungen im Bereich des Maßregelvollzugs bei Jugendlichen haben die Medizinischen Einrichtungen des Bezirks (medbo) bereits mit der Fachklinik für forensische Psychiatrie und Psychotherapie in Parsberg sammeln können, wo suchtkranke junge Straftäter behandelt werden. Zusammen mit der Jugendforensik in Regensburg ist die Oberpfalz nun in Bayern die einzige Anlaufstelle für diese von Gerichten angeordnete Unterbringung. Bundesweit gibt es elf Standorte.

20 Einzelzimmer auf zwei Stationen stehen für die Jugendlichen zur Verfügung. Foto: Lex

Erfolge sind keine Schlagzeilen

Wie Bezirkstagspräsident Löffler sagte, habe er vor den Planungen intensive Gespräche mit dem damaligen Regensburger Stadtoberhaupt geführt. „Eine solche Einrichtung, die ja ein gesamtgesellschaftlicher Auftrag ist, muss offen kommuniziert werden.“ Löffler spricht damit den Schutz der Bevölkerung an. „Wenn die therapeutische Arbeit mit einem Patienten erfolgreich abgeschlossen wurde, bekommt das außerhalb des Behandlungsteams oft niemand mit. Schlagzeilen machen Misserfolge wie Lockerungsmissbräuche“ Diese seien aber höchst selten, betont er. „Im vergangenen Jahr lag die Prognosegenauigkeit bei 99,99 Prozent.“

Dr. Dr. Helmut Hausner, Vorstand der medbo, dankte insbesondere den Mitarbeitern, die sich dieser Aufgabe in Zukunft stellen werden. „Es ist ein schwieriger Spagat zwischen Sicherung und menschlicher Zuwendung, der hier bewältigt werden muss.“

Eine weitläufige Außenanlage mit Relax- und Sportmöglichkeiten steht für die Patienten bereit. Foto: Lex

Insgesamt 40 Millionen Euro hat der Freistaat Bayern am Klinikstandort Regensburg investiert – zwölf Millionen für die Jugendforensik und weitere 28 Millionen für den Neubau sowie die Erweiterung der Erwachsenenforensik.

Die vier Gebäudetrakte, die die Hanglange des Grundstücks aufnehmen, erschließen sich über Treppen. Sie sollen auch symbolisch für die vielen Schritte stehen, die es braucht, bis die psychisch kranken Straftäter wieder in die Gesellschaft eingegliedert werden können. Bei der Architektur habe man auch großen Wert darauf gelegt, dass trotz der Sicherungsmaßnahmen „zumindest ein bisschen Atmosphäre der Offenheit“ entsteht, sagt Schlögl. Die Fenster in die Welt draußen lassen sich öffnen. „Und irgendwann sieht man die Gitter auch nicht mehr.“

Weitere Geschichten aus Regensburg und der Region lesen Sie hier.

Aktuelles aus der Region und der Welt gibt es über WhatsApp direkt auf das Smartphone: www.mittelbayerische.de/whatsapp

Zahlen und Fakten

  • Patienten in Bayern:

    2 bis 3 Patienten unter 18 Jahren wurden bislang in Bayern im Jahr aufgrund einer psychischen Erkrankung in jugendforensische Einrichtungen überwiesen.

  • Plätze in der Jugendforensik:

    20 Plätze bietet die erste Jugendforensik in Bayern in Regensburg. Hier werden junge Straftäter mit psychischen Erkrankungen behandelt. Für Delikte, die aufgrund von Suchterkrankungen begangen wurden, gibt es eine Fachklinik in Parsberg.

  • Behandlungsdauer:

    2 bis 3 Jahre dauert in etwa eine Unterbringung von psychisch kranken jungen Straftätern. Neben der Therapie erhalten sie Unterricht und Ausbildungsmöglichkeiten.

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht