mz_logo

Oberpfalz
Donnerstag, 18. Januar 2018 9

Ausstellung

Die Geschichte einer Region liegt brach

Wackersdorf ist für die Oberpfalz ein bedeutsamer Ort. Sein Museum steckt voller Schätze. Ein Plädoyer dafür, sie zu heben.
Von Gabriele Mayer

Ein Zeitdokument aus dem Heimat- und Braunkohlemuseum Steinberg: Das Bild von 1906 zeigt, wie mühevoll damals die Kohle zutage gefördert wurde. Foto: MZ-Archiv

Wackersdorf.Jeder kennt den Namen Wackersdorf. 2018 kommt sogar ein Spielfilm über den Widerstand gegen die Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf bundesweit in die Kinos. Aber kennt man damit schon die gesamte spektakuläre, für Ostbayern maßgebliche Geschichte dieses Ortes? Wie alle Geschichten hat auch diese ihre Vorgeschichte. Ohne sie wären weder die WAA noch der Widerstand dagegen, auch nicht der heutige Industriestandort und das große Erholungsgebiet Wackersdorf mit seinen groß angelegten Seen möglich geworden.

Im versteckt liegenden Heimat- und Industriemuseum Wackersdorf kann man sich ein wenig auf die Spuren dieser umwälzenden Geschichte begeben. In zahlreichen kleinen, oft unbeschrifteten Fotos, in Tabellen und anderen, eher spröden Dokumenten ab 1906 zeichnet sie sich ab, dazu in ein paar mächtigen Maschinenteilen, einem Stellwerk, in Fossilien, erdgeschichtlichen Tafeln, in Knappen-Uniformen, Modellkästen und etlichem anderen.

Krater wie Mondlandschaften

Das Museum ist ein bis an den Rand vollgestopftes Archiv mit Schätzen, die wohl auch noch woanders lagern und auf ihre eigentliche Bergung und Bearbeitung warten. Untergebracht ist es im ehemaligen Laborgebäude des einst weitläufigen Verwaltungs-, Werkstätten- und Brikettfabrik-Geländes der Bayerischen Braunkohlen Industrie (BBI) Wackersdorf, südlich des Ortes.

Über den Widerstand gegen die WAA in Wackersdorf wird aktuell ein Film gedreht: „Filmreifer Stoff: Die Wunde Wackersdorf“

Seit 1906 wurde rund um Wackersdorf Kohle abgebaut. Doch 1982 sind die riesigen Vorkommen erschöpft. Der ideale Standort für eine WAA: Denn von den zahlreichen arbeitslos gewordenen Industriefachkräften erwartet die Staatsregierung erklärtermaßen keinen Widerstand gegen einen neuen Arbeitgeber WAA. Dabei ist die WAA, für die Wackersdorf noch heute wie ein Synonym steht, nur ein Beispiel für die vielen Aspekte der eminenten Industrie-, Technik- und Energie-Geschichte, der Sozial-, Kultur- und Natur-Geschichte Wackersdorfs.

Die WAA rief den Widerstand der Oberpfälzer wach. Foto: MZ-Archiv

Kilometerweit erstreckten sich tiefe Krater wie Mondlandschaften. Der Braunkohle-Tagebau garantierte durch das Bayernwerk die Energieversorgung einer ganzen Region, später erweiterte sich der Abbau zunehmend und trug zu Wirtschaftswunder und Prosperität in Bayern bei. Förderaufkommen: 185 Millionen Tonnen Kohle, das zweitgrößte Kohlevorkommen der alten BRD, die größten Schaufelradbagger Europas, die man ständig kompliziert manövrieren musste. Für den Kohleabtransport konstruierte man das längste Förderband Europas. Dies multimedial wirklich erfahrbar zu machen – darin läge die Kunst eines avancierten Museums.

Bergbau, WAA, Vereine

  • Der Ausstellungsbereich

    des Wackersdorfer Heimat- und Industriemuseums erstreckt sich über drei Etagen. Zwei Räume sind der Rekultivierung der Braunkohlegruben vorbehalten. Das Thema WAA ist in einem gesonderten Raum dargestellt. Zwei Modelle veranschaulichen die geplante Anlage sowie die Geologie im Taxöldener Forst. Das Erdgeschoss ist dem Braunkohletagebau und der bergmännischen Tradition gewidmet. Modelle von Tagebaubetrieben zeigen die Methoden des Braunkohleabbaus. Die Pflege der bergmännischen Tradition durch den Knappenverein Wackersdorf und die ehemalige Knappenmusik-Vereinigung ist Thema in weiteren zwei Räumen.

  • Im Untergeschoss

    befindet sich ein Vortragsraum. Im Obergeschoss stellen sich Wackersdorfer Industriebetriebe vor. Auch die Wackersdorfer Ortsgeschichte sowie die Ortsumsiedlung haben einen Platz in der Ausstellung. Ein Raum mit einer umfangreichen Mineralienausstellung und Sammlerstücken aus dem Bergmannsleben fügt sich in das Gesamtbild ein. Dass die örtlichen Trachtenvereine ein wichtiger Bestandteil des Wackersdorfer Vereinslebens sind, zeigen sie anhand von zahlreichen Bildern und Exponaten. Und in der Ausstellung über die Vorgeschichte im Wackersdorfer Raum zeigt das Museum bis zu 12 000 Jahre alte Fundstücke.


Ein wichtiges Thema wäre auch die Vermittlung von Konzept und Durchführung der maßstabsetzenden Rekultivierung. Wie flutet man kilometergroße Gruben zu Seen? Wie pflanzt man Millionen von Bäumen? Vorher verschwand Wackersdorf, weil auch unter dem „alten Dorf“ Kohle lag. Die Bevölkerung wurde umgesiedelt, so etwas kennt man höchstens vom Ruhrgebiet oder von China. Was hat das bei den Menschen bewirkt, worin bestand die Modernität der neuen Siedlungen? Mit welchen Interessen hing es zusammen, dass die Rekultivierung so zukunftsweisend war, dass aber keine Maßnahmen gegen die hohe Luftverschmutzung und Lärmbelästigung durchsetzbar waren? Das sind nur einige wenige aus einem Berg von spannenden Fragen und je nach Darstellung immer wieder neuen Verknüpfungen. Man muss die Vergangenheit kennen, um sich zu erinnern, zu begreifen – und daraus für die Zukunft lernen, sich selbst überhaupt einschätzen und positionieren zu können. Ein Museum sollte ein aktiver Ort sein.

Geschichte wird nicht aufbereitet

Vor dem Museum steht das stattliche frühere Direktionsgebäude der BBI in einem bis 1982 architektur- und industriegeschichtlich interessanten Areal mit Eisenbahnen zum Kohleabtransport und einem repräsentativen eigenen Gemeinschaftsgebäude. Das Museum ging erst 1997 aus einem heimatkundlichen Arbeitskreis hervor. Betrieben wird es verdienstvollerweise bis heute von einigen ehrenamtlich tätigen Personen. Das Haus gehört der Gemeinde. Es ist viel zu klein für eine zeitgemäße didaktische Präsentation.

Zwar ist auch die Geschichte der WAA, dicht gedrängt mit kleinen Fotos, Tabellen und technischem Datenmaterial, belegt – aber nicht aufbereitet. Sie ist weder optisch noch in ihrer bis heute reichenden Bedeutungsvielfalt plastisch erfahrbar.

Braunkohle aus Wackersdorf Foto: Schönberger

Geräte, Hacken stehen daneben, unbeschriftet. Die Bergleute bauten anfang die Kohle mit Hacken ab. Wie fühlte sich diese Arbeit an, wie mühsam war sie nach Menge, Gewicht, Arbeitsstunden? Multimediale Themenräume könnten auch vieles andere verlebendigen. Besucher könnten sich in einer Ecke am Kohleabbau versuchen. Nüchterne Daten könnte man in Sinnzusammenhänge stellen und sie anschaulich machen: Wie war das etwa am Beginn der BBI mit der Anwerbung und Herkunft der plötzlich benötigten Arbeiter? Gerade heute wäre diese Fragestellung untersuchenswert. Natur-, Sozial- und Politik-Geschichte sind vernetzt mit Industrie- und Energie-Geschichte.

Der Knappenverein, die Musikkapelle, die Feste: Die BBI hat das gesamte Leben geordnet und geprägt. Oral history: Eine Fülle von Einzelheiten wartet darauf, zugänglich gemacht zu werden. Eine Fortschritts-Geschichte: Die BBI ermöglichte den Kindern ihrer Beschäftigten einen fast kostenlosen Bustransport in die höheren Schulen, als aufmüpfige Studenten kamen manche zurück, um gegen die WAA zu protestieren. Vieles ist mit vielem verbunden. Wie funktionieren Umbrüche? Unter verschiedenen Perspektiven könnte dergleichen in aussagekräftigen Wechselausstellungen beleuchtet werden.

Der Braunkohlenabbau im sogenannten Nordfeld vor dem umgesiedelten Neu-Wackersdorf Foto: MZ-Archiv/Karl Jobst

Die Archiv-Schätze wären ein Dorado für Projekte der regionalen Hochschulen, nicht nur der Industrie-, Technik- und Energie-Geschichte, sondern auch für Medien-Experten, für die Geographie, Volkskunde, Wirtschafts- und Kulturgeschichte, für ein Museum als Anziehungspunkt, denkbar als Dependance des Hauses der bayerischen Geschichte, an einem Ort, an dem so vieles sich verdichtete, als Bayern von einem armen Agrarland zu einem reichen Industriestandort wurde. Wackersdorf hatte stets eine Vorreiter-Rolle, das könnte nun erneut durch einen impulsgebenden Umgang mit seiner reichen und einzigartigen Vergangenheit der Fall sein.

Lernen mitten in Kohle-Gruben

Ein zukünftiges modernes Museum vor Ort, um zu lernen, was man anderswo nicht erfährt – Anfänge dafür gibt es: einen botanischen Garten mit Bäumen, ähnlich denen, aus denen die Kohle entstand. Ein Lehrpfad führt ins kleinere Heimat- und Braunkohlemuseum in Steinberg am See, das genauso zu beschreiben ist wie das in Wackersdorf. An markanten Stellen des Pfads wird der Kohleabbau auf Schautafeln veranschaulicht, und zwar mitten auf den ehemaligen Kohle-Gruben, die bis zum geplanten WAA-Standort reichten. Man bekommt ein erstes Gefühl für Dimensionen.

Das Heimat- und Industriemuseum Wackersdorf und das Heimat- und Braunkohlemuseum Steinberg am See sind von April bis November jeweils Sonntag (14 bis 17 Uhr) geöffnet.

Hier geht es zur Kultur

Hier geht es zum Ressort Oberpfalz


Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht