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MZ-Serie

Die letzten Spuren des Schanzenkrieges

Verlassene Orte: Bei Waidhaus wurde europäische Geschichte geschrieben. Heere von Tilly und Mansfeld lagen sich gegenüber.
Von Fritz Winter, MZ

  • Im Fisterholz bei Waidhaus an der bayerisch-böhmischen Grenze liegt eine Schanzanlage von Ernst Graf Mansfeld, der im Dreißigjährigen Krieg für die Protestantische Union kämpfte. Foto: Gabi Schönberger
  • Ernst von Mansfeld: Seine Waffe war beim Schanzenbau auch der Spaten. Foto: Archiv
  • Blick nach Westen: Die Schanzen Tillys liegen im Vordergrund. Foto: Archiv
  • Heimatforscher Andreas Ringholz in den Überresten der Schanze. Foto: Schönberger

WAIDHAUS.Hier im Finsterholz bei Waidhaus im Oberpfälzer Wald, ist die militärische Anlage noch gut zu erkennen. Andreas Ringholz, 2. Vorsitzender des Heimatkundlichen Arbeitskreises in der Grenzgemeinde, klettert in den Wehrgraben, der einst zur Befestigungsanlage von Ernst Graf Mansfeld gehört hatte. „Man kann sich gut vorstellen, wie hart es die Landsknechte in voller Ausrüstungen mit ihren schweren Musketen hatten, wenn sie diese Schanze erstürmen sollten“, sagt Ringholz.

Neue geschichtliche Erkenntnisse

Er weiß, wovon er spricht: In der historischen Person von Hauptmann Georg Tumbky kommandiert er das „Weydhauser Fähnlein“. Diese Truppe, die man heute als Kompanie bezeichnen würde, kämpfte im Dreißigjährigen Krieg an der Seite Mansfelds. Privat erforscht Ringholz die Schanzen von Mansfeld und seinem Kontrahenten Johann ’t Serclaes von Tilly, die sich im Jahr 1621 hier in Lünetten, Redouten, Sternschanzen und bastionierten Forts eingegraben hatten und sich eine blutige Schlacht lieferten. Reste der Schanzen sind erhalten und werden von den Waidhauser Heimatkundlern und Geschichtswissenschaftlern der Karlsuniversität Prag erkundet. Besonders auf tschechischer Seite sind die Forschungen fortgeschritten. „Die meisten Geschichtsbücher zum Thema Waidhaus 1621 müssen neu geschrieben werden“, so Ringholz.

Im Jahr 1621 war der Dreißigjährige Krieg bereits drei Jahre alt. Mit dem „Prager Fenstersturz“ wandten sich die protestantischen böhmischen Stände 1618 letztlich erfolglos gegen die Rekatholisierungsversuche des böhmischen Königs aus dem Haus Habsburg, der zugleich römisch-deutscher Kaiser war. Als Feldherr der Katholischen Liga wurde Graf von Tilly engagiert, der in der „Schlacht am Weißen Berg“ bei Prag die protestantischen böhmischen Stände bereits 1620 vernichtend geschlagen hatte.

Als Obrist stand Ernst Graf Mansfeld in den Diensten der protestantischen Union. Als profunder Kenner der niederländischen Schanztechnik und geschickter Heerführer hatte er einige Erfolge aufzuweisen: 1618 hatte er die habsburgtreue Stadt Pilsen erobert. Jetzt, 1621, verteidigte er die evangelischen Pfälzer Stammlande gegen den kaiserlich-bayerisch-katholischen Gegenschlag. Es gelang ihm, Tilly im Sommer 1621 monatelang bei Waidhaus aufzuhalten.

Riesiges Heerlager bei Waidhaus

Am 19. Juni 1621 hatte Mansfeld sein Hauptquartier nach Waidhaus verlegt. Der rechte Flügel seiner Streitkräfte reichte über die Sperrwerke bei Eslarn bis nach Waldmünchen und Cham. Die linke Verteidigungslinie sicherte die Übergänge Waldsassen, Mähring und Bärnau. 15 000 Mann zu Fuß, 8000 Reiter und der gesamte Tross, also rund 40 000 Menschen, lagerten auf Mansfelder Seite bei Waidhaus.

Zur selben Zeit zog Tilly seine Streitmacht bei Roßhaupt zusammen und ließ ebenfalls Schanzen auswerfen. Seine Kampfstärke war geringer. Er verfügte über 14 000 Mann zu Fuß und 4 000 Reiter. Im Gegensatz zum Mansfeldischen Lager, das fast ganz in der Ebene lag, verschanzten sich Tillys Truppen im bewaldeten Gelände, dessen westliche Begrenzung der Mittlerberg (565 Meter) und die Höhe östlich des Ströbl waren. Der Vorteil dieser Stellungen war, dass von ihnen aus das ganze feindliche Lager eingesehen werden konnte und für den Artilleriebeschuss offen dalag. Man belauerte und beschoss sich, Angriffen folgten Gegenangriffe, es gab Hunderte von Toten, aber die Schlacht blieb unentschieden. Die meisten Ausfälle hatten beide Seiten durch die katastrophalen hygienischen Verhältnisse in den Lagern. Durch die Sommerhitze begünstigt, breiteten sich Seuchen aus. Die Versorgungslage war katastrophal.

Die Lage änderte sich schlagartig, als Herzog Maximilian in die Oberpfalz einmarschierte. Mansfeld erkannte die drohende Gefahr der Umklammerung. Er begann zu verhandeln und gab sich den Anschein, dass er mit seinen Truppen auf die Seite der Katholischen Liga übergehen würde. Schließlich wurde vereinbart, dass Mansfeld sein Lager an Tilly übergeben werde, und er mit seinen Truppen abrücke. Am 21. September 1621 besetzte Tilly die Schanzen bei Waidhaus. Er war einer List zum Opfer gefallen: Mansfeld zog in die Rheinpfalz und kämpfte weiter gegen die Liga.

Fast 400 Jahre sind seither ins Land gezogen. Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs im Jahre 1989 können die Mansfeldischen und Tillyschen Schanzanlagen in Bayern und Böhmen gemeinsam erforscht werden. Der Heimatkundliche Arbeitskreis arbeitet dabei eng mit dem Historiker Vaclav Matoušek von der Karlsuniversität Prag und mit Dr. Pavel Hrncírík zusammen, der nach umfangreichen Vermessungsarbeiten eine Lagekarte der Schanzen in 3-D-Ansicht erarbeitet hat. Dabei wird anschaulich, welche Dimension die Lager und die Verteidigungsanlagen damals hatten.

Auch im Boden wurden Zeugnisse der Schlachten gefunden. Seit 2010 finden auf tschechischer Seite jährlich im Sommer archäologische Ausgrabungen der Karlsuniversität Prag statt, die Pistolen- und Musketengeschosse, Kanonenkugeln und sogar Mörsergranaten zu Tage förderten. Eine ähnliche wissenschaftliche Aufarbeitung auf deutscher Seite wäre laut Ringholz wünschenswert. Entsprechende Anfragen beim Landesamt für Denkmalpflege seien bisher erfolglos geblieben.

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