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Oberpfalz
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Lyrik

Die Sehnsucht eines toten Mädchens

Schauspielerin Iris Berben und Pianist Martin Stadtfeld hüllen das Audimax in Gedichte von Selma Meerbaum-Eisinger.
Von Marianne Sperb, MZ

Iris Berben am Pult, Martin Stadtfeld am Piano: Zusammen gestalteten sie im Audimax einen Abend über Selma Meerbaum-Eisinger. Foto: Förtsch

Regensburg.Selma wurde nur 18 Jahre alt. Aber ihre Gedichte, die auf abenteuerlichen Wegen gerettet werden konnten, sind bis heute gültig. Das jüdische Mädchen fasste ihren Lebenswillen, die Kraft der Natur, Momente von Verzweiflung und Todesahnung und die erste zarte Liebe in schlichte, berührende Worte. „Weltliteratur, die die Welt nicht kennt“, beschrieb Dichter-Kollegin Rose Ausländer das schmale Werk der jungen Frau.

1942 starb Selma Meerbaum-Eisinger im Zwangsarbeitslager Michailowka in der Ukraine an Fleckfieber. Am Samstagabend, 75 Jahre nach ihrem Tod, erklangen ihre Gedichte wieder, gesprochen von der samtig-rauen Stimme von Iris Berben.

Die Schauspielerin ist seit ihrem ersten Israel-Besuch 1968 eine Geschichtsbewegte. Sie hat sich der Tagebücher von Anne Frank und Joseph Goebbels angenommen, hat Lesungen zu „Hitlers Tischgespräche aus dem Führerhauptquartier und Holocaust-Opfern“ veranstaltet, Hörbücher eingesprochen. Aktuell ist sie – an ihrer Seite der Pianist Martin Stadtfeld – mit dem Programm „Ich bin in Sehnsucht eingehüllt“ auf Tour. Weicher, weniger schmerzgesättigt, tritt sie hier gegen das Vergessen ein.

Ihre gesellschaftspolitische Botschaft in Zeiten von Rassismus und Rechtsextremismus bringt Iris Berben ins Regensburger Audimax mit. „Lassen Sie uns gegen den Hass antreten“, fordert sie. „Wir dürfen nicht in Sprachlosigkeit erstarren. Viel zu viele sind stumm.“ Das Publikum geht mit, spendet spontan Applaus.

Schreiben gegen das Morden

„Ich möchte leben. / Ich möchte lachen und Lasten heben / und möchte kämpfen und lieben und hassen / und möchten den Himmel mit Händen fassen / und möchte frei sein und atmen und schrein. / Ich will nicht sterben. Nein! / Nein.“ Selma Meerbaum-Eisinger ist ein waches, sensibles Mädchen von 16 Jahren, als sie mit diesen Zeilen auf das Morden in iher Heimatstadt Czernowitz in der Bukowina reagiert. „Blütenlese“, ihre Sammlung von 58 Gedichten, wurde durch den Krieg gerettet und, auch dank der Lyrikerin Hilde Domin, schließlich verbreitet.

Iris Berben und Martin Stadtfeld in ihrem Programm „Ich bin in Sehnsucht eingehüllt“: hier im Video

Auch von der Domin liest Iris Berben ein Gedicht („Nur eine Rose als Stütze“), und auch von Paul Celan, Selmas Großcousin („Todesfuge“). Mit ihrer dunklem Timbre gelingt ihr, die Zuhörer zu bannen. Erstaunlich glaubwürdig gelingt der 66-jährigen das Porträt einer 15-, 16-, 17-Jährigen. Eindringlich liest sie, leise, auch wild, manchmal zu expressiv – wenn sie nicht mit dem Mikro kämpfen muss.

58 Gedichte

  • Dichterin:

    Selma Meerbaum-Eisinger (1924-1942) begann im Alter von 15 Jahren, Lyrik zu schreiben. Sie hinterließ 58 Gedichte, mit Füller auf Einzelseiten geschrieben und unter dem Titel „Blütenlese“ zu einem Album gebunden. Heute zählt ihr Werk zur Weltliteratur.

  • Projekte:

    Iris Berben hat die Gedichte unter dem Titel „Ich bin in Sehnsucht eingehüllt“ als Hörbuch eingesprochen. Interpreten wie Xavier Naidoo, Reinhard Mey und Ute Lemper haben Vertonungen gesungen. Seit 2010 wird der „Selma-Meerbaum-Eisinger-Literaturpreis“ verliehen.

Eine Gedenkstunde, eine Literaturveranstaltung, eine empathische Lektion in politischer Willensbildung, ein Klavierkonzert: Der Abend von Odeon-Concerte ist keiner Gattung eindeutig zuzuordnen. Die Mischung hätte leicht misslingen können. Das Programm ist riskant; es nimmt in Kauf, entweder die Musikliebhaber zu verprellen, die wegen des Pianisten gekommen sind, oder die Lyrikfreunde, die Iris Berben hören wollen.

Töne wie Diamanten

Die Gratwanderung gelingt im Audimax souverän. Das liegt auch an Martin Stadtfeld. Der Pianist, mehrfacher Echo-Preisträger, spielt seinen Part sensibel und versiert, vor allem Franz Schuberts Sonate B-Dur und Kompositionen von Johann Sebastian Bach. Stadtfeld spielt mit allerzartestem Anschlag, innig, weich auf die Tasten gestreichelt, oder so kristallin, dass die Töne wie Diamanten funkeln. Manche Passagen kostet er quälend lange aus. Man meint, die Zeile aus Selmas letztem Gedicht zu hören: „...dass man wie Rauch ins Nichts verfließt.“

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