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Oberpfalz
Dienstag, 27. September 2016 24° 1

Missbrauchsskandal

Domspatzen: Weitere Opfer melden sich

Die begonnene Aufklärung wird laut Rechtsanwalt Weber angenommen. Ein Laienvertreter fordert personelle Konsequenzen.
von Christine Straßer, MZ

Von 1981 bis 2013 war im Kloster Pielenhofen die Vorschule der weltberühmten Regensburger Domspatzen untergebracht. Foto: dpa

Regensburg.Knapp 20 weitere Opfermeldungen sind seit Freitag bei Rechtsanwalt Ulrich Weber eingegangen. Die Reaktionen auf seinen Zwischenbericht zur Untersuchung der Misshandlungs- und Missbrauchsfälle bei den Regensburger Domspatzen seien sehr positiv, sagte Weber auf MZ-Anfrage am Montag. Weber war vom Bistum Regensburg und dem Chor mit der Klärung des Skandals beauftragt worden. „Es zeigt sich, dass die begonnene Aufklärung angenommen wird“, stellte Weber fest. Er sei gerade dabei, die Termine für die nächsten Opfergespräche zu vereinbaren. Bistumssprecher Clemens Neck sagte: „Wir haben den Eindruck, dass Herr Weber seine Arbeit gut gemacht hat.“

Rechtsanwalt Ulrich Weber legte am Freitag seinen Zwischenbericht vor. Foto: altrofoto.de

Am Freitag hatte Weber erste Ergebnisse seiner Arbeit vorgestellt. Er legte dar, dass von 1953 bis 1992 mindestens 231 Kinder von Priestern und Lehrern misshandelt worden seien. Zudem seien mindestens 60 Kinder auch Opfer sexueller Gewalt geworden. „Die sexuellen Übergriffe reichten von Streicheln bis zu Vergewaltigungen.“ Die meisten Misshandlungen seien in der früheren Vorschule der Domspatzen in Etterzhausen und dann in Pielenhofen bei Regensburg begangen worden. Die Dunkelziffer der misshandelten Kinder liegt Webers Einschätzung nach aber wohl noch deutlich höher. Er geht davon aus, dass etwa jeder Dritte der rund 2100 Vorschüler zwischen 1953 bis 1992 unter körperlicher Gewalt litt – das wären bis zu 700 Opfer. Für den Zeitraum nach 1992 liegen noch vereinzelte Meldungen vor, denen Weber derzeit intensiver nachgeht.

Laienvertreter ruft nach personellen Konsequenzen

Generalvikar Michael Fuchs wird kritisiert. Foto: altrofoto.de

Am Montag wird zudem der Ruf nach dem Rücktritt von Generalvikar Michael Fuchs laut. Fritz Wallner, stellvertretender Vorsitzender der Laienverantwortung Regensburg, sieht jetzt Bischof Rudolf Voderholzer gefordert. „Es spricht für ihn, dass er das Gespräch mit Opfern gesucht hat“, räumte Wallner ein. „Doch jetzt muss er personelle Konsequenzen ziehen, um die Domspatzen aus der Schusslinie zu nehmen und er muss klar erklären, dass für das – im Anschluss an die schlimmen Verfehlungen vor Jahren – entstandene Desaster nicht die heutige Domspatzenführung die Verantwortung trägt, sondern die Leitung der Diözese Regensburg.“ Fuchs müsse zurücktreten, weil er in besonderer Weise für das „System Müller“ stehe. Dieses System des ehemaligen Regensburger Bischofs und jetzigen Kardinals Dr. Gerhard Ludwig Müller habe sich selbst für allmächtig erklärt. Wallner führte aus: „Fuchs trägt als Vertreter des Bischofs Mitverantwortung dafür, dass die Aufklärung der Missbrauchsfälle über Jahre hinweg verzögert oder sogar verhindert wurde, obwohl dem Vernehmen nach die heutige Leitung des weltberühmten Chores schon vor Jahren auf Aufklärung gedrängt hat.“ Mit dem Rückzug des Generalvikars würde für die Öffentlichkeit klar, dass das heutige „Schlamassel“ nicht von der jetzigen Leitung der Domspatzen, sondern von der Leitung des Bistums verursacht worden sei. Diese Klarstellung der Verantwortlichkeit könne für die Domspatzen überlebenswichtig sein.

Lesen Sie hier den Kommentar von MZ-Redakteurin Christine Straßer:

Kommentar

Aufklärung fängt erst an

Der vom Bistum Regensburg und den Regensburger Domspatzen eingesetzte Gutachter hat seine Arbeit gemacht. Rechtsanwalt Ulrich Weber hat bewiesen, dass...

Das Bistum und Generalvikar Fuchs ließen die Kritik unkommentiert. Zum Auftrag Webers, der Ende April 2015 als unabhängiger Ermittler vorgestellt worden war, gehört eine Bewertung der Aufklärungsarbeit durch das Bistum – also auch der Arbeit von Generalvikar Fuchs. In seinem Zwischenbericht hat Weber dazu noch keine Einschätzung vorgenommen.

Domspatzen-Leitung wiederholte Entschuldigung

Der Vorstand der Stiftung der Regensburger Domspatzen um Domkapellmeister Roland Büchner äußerte sich am Freitag „froh und dankbar“ darüber, dass Rechtsanwalt Weber „mit seiner verantwortungsvollen Arbeit bei der Aufarbeitung mit Betroffenen offenbar gut vorankommt, von den Opfern als Gesprächspartner akzeptiert wird und sich ein unabhängiges Bild machen kann“. Darüber hinaus drückte der Vorstand seine tiefe Erschütterung über die im Zwischenbericht genannten Opferzahlen aus und erneuerte die Entschuldigung gegenüber allen Opfern von Missbräuchen und Misshandlungen in Einrichtungen der Domspatzen. Der Zwischenbericht möge als Baustein dazu dienen, sich einen differenzierten Einblick in die Geschehnisse verschaffen zu können.

Nach Angaben des Chormanagers Christof Hartmann werden derzeit rund 330 Domspatzen am Gymnasium unterrichtet, rund 110 Jungen besuchen die Grundschule. Zu möglichen Nachwuchsprobleme sagte er am Freitag: „Jede Schule wirbt um Nachwuchs.“ Seit 2010 seien verschiedene Präventionsmaßnahmen eingeleitet worden. „Die Eltern stehen hinter uns“, gab sich Hartmann gewiss. Pädagogisch sei man heute so aufgestellt, dass die Schüler sagen: „Das ist eine coole Schule.“

Georg Ratzinger weist Anschuldigungen zurück

Georg Ratzinger leitete die Regensburger Domspatzen von 1964 bis 1994. Foto: dpa

Der Chefaufklärer Weber hatte in der Pressekonferenz am Freitag zudem betont, dass Georg Ratzinger – der Bruder des emeritierten Papstes Benedikt XVI. – von den Vorgängen gewusst haben muss. Ratzinger leitete die Regensburger Domspatzen von 1964 bis 1994. Ratzinger bestritt am Wochenende in einem Interview mit der Passauer Neuen Presse, von Missbrauchsfällen gewusst zu haben. Er hatte bereits in einem früheren Interview betont, nicht einmal gerüchteweise von Missbrauchsfällen gehört zu haben. Damals räumte er aber auch ein, bis Ende der 70er Jahre hin und wieder Ohrfeigen ausgeteilt zu haben. Nun sagte er: „Schläge, das heißt Ohrfeigen, waren nicht nur bei den Domspatzen, sondern in allen Erziehungsbereichen wie auch in den Familien üblich. Bei den Domspatzen hatten sie keine andere Bedeutung als in den genannten Bereichen auch.“

Kommentare (5) Regeln Unsere Community Regeln

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  • PW
    Paul Winkler
    11.01.2016 18:44

    Bischof Voderholzer muss dafür sorgen, dass Georg Ratzinger zu seinem Fehlverhalten steht. Kein Mensch glaubt, dass er keine Ahnung von den Vorgängen bei den Domspatzen hatte. Rechtsanwalt Weber hat dies deutlich zum Ausdruck gebracht. Also Herr Bischof, wenn Sie wirklich auf Seiten der Opfer stehen, dann müssen Sie jetzt handeln, sonst ist alles nur Blabla.

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  • PW
    Paul Winkler
    11.01.2016 18:44

    Bischof Voderholzer muss dafür sorgen, dass Georg Ratzinger zu seinem Fehlverhalten steht. Kein Mensch glaubt, dass er keine Ahnung von den Vorgängen bei den Domspatzen hatte. Rechtsanwalt Weber hat dies deutlich zum Ausdruck gebracht. Also Herr Bischof, wenn Sie wirklich auf Seiten der Opfer stehen, dann müssen Sie jetzt handeln, sonst ist alles nur Blabla.

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  • AO
    Angelika Oetken
    11.01.2016 18:34

    Was ist eigentlich aus den Schülern geworden, die in Etterzhausen und Pielenhofen einsaßen? Wie viele Entscheidungsträger in der Region Oberpfalz sind Absolventen der Domspatzenschulen? Welche der Schüler wurden später Priester? Was machen diese Männer heute? Inwieweit ist die Sterblichkeitsrate unter Männern, die Domspatzeneinrichtungen besucht haben erhöht? Wer aufklären will, muss auch den gesamten Kontext analysieren, in dem die Missbrauchskriminalität betrieben wurde. Soweit ich informiert bin, existieren Jahrbücher, in denen die Schüler namentlich aufgelistet sind.

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  • AO
    Angelika Oetken
    11.01.2016 17:09

    "Für den Zeitraum nach 1992 liegen noch vereinzelte Meldungen vor, denen Weber derzeit intensiver nachgeht." Und was passiert, wenn Rechtsanwalt Weber feststellt, dass es unter diesen Fällen welche gibt, die nicht verjährt sind, bzw. bei denen die Verjährungsfrist unterbrochen sein könnte? Zum Beispiel, weil die Täter ihren Opfern Betäubungsmittel und/oder Alkohol verabreicht haben, um sie noch leichter sexuell ausbeuten zu können? So wie, Johann Meier und seine Mittäter offenbar in Etterzhausen und Pielenhofen schon vorgegangen sind?

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  • AO
    Angelika Oetken
    11.01.2016 17:03

    "das wären bis zu 700 Opfer." "Unerwartet eingetretene Gefahrensituationen, Unfälle oder Katastrophen, die mit großer seelischer Angst oder körperlichen Verletzungen verbunden waren, können eine "Posttraumatische Belastungsstörung" (PTBS, amerikanisch PTSD) zur Folge haben, und zwar sowohl bei den direkt betroffenen Opfern als auch bei den Zeugen." http://www.psychotherapie-prof-bauer.de/gewaltundtrauma.html Wir müssen also davon ausgehen, dass auch viele der ehemaligen Schüler der Domspatzeneinrichtungen, die "nur" Zeugen von Gewalt und Übergriffen wurden traumatisiert wurden. Damit könnte die Zahl an unmittelbar und mittelbar Geschädigten noch höher liegen.

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