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Oberpfalz
Samstag, 18. November 2017 5

Mythen

Dracula war blutiger als ein Vampir

Vlad III, der echte Dracula, war ein Graf mit kaum stillbarer Mordlust. Ein Regensburger Forscher geht seinem Mythos nach.
von Emma Miesler, MZ

Seine Grausamkeit machte ihn berühmt: Fürst Vlad III Foto: dpa

Regensburg.Blutrote Lippen, die strahlendweißen spitzen Zähne gebleckt, gierige Augen wandern über das leblose Opfer: ein Vampir. Ob die Lamien und Wrykolakas in der griechischen Mythologie, die Asanbosam von der Elfenbeinküste oder die Baobhan-Sith in Schottland – seit jeher ist der Blutsauger ein fester Bestandteil des Aberglaubens in aller Welt. Der bekannteste ist eine Schöpfung des irischen Schriftstellers Bram Stoker von 1897: Dracula, der transsilvanische Graf mit unstillbarem Blutdurst. Sein Namensgeber Vlad III. Draculea stammte aus Rumänien – hatte mit dem Hollywoodvampir aber nur die Mordlust gemein.

Über eine Schrift des englischen Konsuls William Wilkinson hat Bram Stoker von Vlad erfahren und seinen Namen, der auf Rumänisch „Teufel“ bedeutet, für seine Zwecke genutzt. Albert Weber, Historiker am Institut für Ost- und Südosteuropaforschung in Regensburg, kennt die Vorgeschichte so gut wie kein anderer. Mit weiteren Forschern arbeitet er am „Corpus Draculianum“, eine als vierbändige Dokumentensammlung geplante Abhandlung über den „echten Dracula“. Der zweite Band ist gerade im Harrassowitz Verlag erschienen.

Auch Webers Dissertation beschäftigt sich mit dem Fürsten und stellt den Versuch einer Biografie an. Sein großes persönliches Interesse an der historischen Figur Vlad ist eine Motivation für das gewichtige Grundlagenwerk zu Dracula. Ebenso die Tatsache, dass mit diesem Namen immer der Vampir assoziiert wird. Wissenschaftler und vor allem die Rumänen störe das gewaltig, sagt Weber.

Albert Weber, Regensburger Rumänien- und Dracula-Forscher fühlt dem Vampir auf den Zahn. Foto: Miesler

Die rumänische Geschichtsschreibung müsse überdacht werden, sagt Weber. Sie heroisiere nicht selten ihre grausamen Fürsten, macht aus ihnen Helden, die nur zum Wohl der Heimat so viel Blut fließen ließen. Manchmal werde Dracula zum Opfer eines eroberungswütigen Osmanischen Reichs stilisiert. Dass auch Vlad selbst Krieg gegen die Osmanen geführt hat, fällt da gerne unter den Tisch. Die Vergangenheit wird verzerrt, manchmal schöner, manchmal auch grausamer dargestellt, als sie war. Deshalb sei es an der Zeit, die Figur Dracula von vorne zu deuten. Schließlich sei es erste Pflicht der Wissenschaft, die „Gesellschaft mit reflektiertem Wissen zu versorgen“.

Verheerender Ruf zu Lebzeiten

Kurioserweise war Vlads Ruf zu Lebzeiten noch weitaus schlimmer als heute. Denn im 15. Jahrhundert war es laut Weber durchaus üblich, seine politischen Gegner mit erfundenen Geschichten in ein besonders schlechtes Licht zu rücken. Bei Vlad waren es vor allem die Osmanen und Ungarn, die sich an seinem ständigen Wechsel der politischen Seiten störten.

Das Dracula-Projekt der Wissenschaftler – neben Weber sind daran auch Wissenschaftler aus München und Gießen beteiligt – war anfangs eine Feierabendrecherche und wurde von den Forschern aus eigener Tasche finanziert. Nach der Veröffentlichung des ersten Bandes fanden sich Sponsoren: Die Deutsche Forschungsgemeinschaft unterstützt das Vorhaben, deren erste Geldspritze ermöglichte die Vor-Ort-Recherche in Rumänien.

Dort, aber auch in Archiven unter anderem in Spanien, Istanbul und dem Vatikan, durchforstete das Forscherteam jahrelang Briefe, Berichte und Notizen – es waren pro Woche bis zu 1000 Stück, die gelesen und ausgewertet werden mussten. „Der Großteil der Bibliotheken und Archive in Osteuropa ist längst verbrannt worden – worauf wir noch zugreifen können, das sind höchstens zwei, drei Prozent der eigentlichen Quellen“, erklärt Weber.

Grausam und blutrünstig: Vlad ließ seine Gegner lebendig auf langen Holzpfählen aufspießen – diese Art der Hinrichtung brachte ihm den Spitznamen „Tepes“, der Pfähler, ein. Foto: dpa

Nachdem zuletzt im 19. Jahrhundert in solchem Umfang zu Dracula geforscht wurde, ging es den Wissenschaftlern jetzt vor allem darum, neue oder noch nicht publike Quellen zwischen den bereits bekannten Dokumenten aufzustöbern. Und sie wurden fündig.

Die neuen Quellen belegen, dass Vlad, zumindest in der Ausführung seiner Strafen, wiederum noch grausamer und zynischer war, als bislang vermutet wurde. Seinen Beinamen „der Pfähler“ trug der Fürst völlig zu Recht. Dass er seine Feinde bei lebendigem Leibe aufspießen und ausbluten ließ, war bekannt. Doch es fanden sich auch Geschichten darüber, dass Vlad türkischen Gesandten, die sich weigerten, ihre Kopfbedeckung abzunehmen, den Turban am Kopf festnageln ließ. Eine andere Geschichte erzählt, dass er Armen und Kranken versprach, sie von ihren Leiden zu befreien – und sie kurzerhand hinrichtete.

Vampirismus fasziniert zu jeder Zeit

Als die Wissenschaftler aus zahlreichen Archiven Dokumente zusammen getragen hatten, wurde transkribiert, übersetzt, bewertet und in den historischen Zusammenhang gesetzt. Unlesbare Handschriften und Texte in 17 verschiedenen Sprachen, wie unter anderem Altkirchenslawisch, Serbisch und Alttürkisch, machten das zu einer anspruchsvollen Aufgabe. Weber spricht zwar selber sieben Sprachen, aber ohne die Unterstützung eines großen Übersetzerteams wäre die Arbeit unmöglich gewesen.

Das „Corpus Draculianum“ beschäftigt sich auch mit Vlads markantem Gesicht in der Kunst. Besonders in der Renaissance nutzten Maler gerne den buschigen Schnurrbart, die stechenden Augen und den prunkvollen Kopfschmuck des Fürsten, um boshafte Figuren darzustellen. Das reichte von den Peinigern des Heiligen Sebastian mit Pfeilen in der Hand bis zu begeisterten Zuschauern bei Jesu Kreuzigung oder Pontius Pilatus selber. Bei Wikipedia finden sich mehrere solcher Bilder. Man braucht bei einigen reichlich Fantasie, um das Gesicht des Rumänen darin zu erkennen. Vor dieser Wikipedia-Seite warnt Weber aber ohnehin: Sie sei „Müll“ und stecke voller Unsinn über Vlad.

Handgemalte Vlad-Porträts, Vampir-Zähne zum Ankleben und Essen, Führungen durch Schloss Bran: In Rumänien, besonders in Transsilvanien, boomt der Vampirtourismus. Foto: dpa

Der brutale Pfähler wird heute von seinen eigenen Landsleuten nach Kräften ausgeschlachtet: Ein regelrechter Dracula-Tourismus mit Schlossbegehungen und tausenderlei Souvenirs wie etwa Gummibärchen-Gebissen hat sich in den letzten Jahren vor allem in Transsilvanien entwickelt. Doch nicht nur als Symbol für Kommerz sieht man das Gesicht Vlads überall im Land: In Bukarest schwenkten Demonstranten Dracula-Banner und -Figuren, um gegen die umfassende Korruption im Land zu protestieren. Denn Vlad war zeitlebens ein bekennender Gegner von Bestechung und hat – man ahnt es – korrupte Beamte pfählen lassen. Sein erbitterter Kampf gegen das Osmanische Reich brachte ihm zudem den Ruf eines Türkenfeinds ein, weshalb Vlad auf Transparenten neben Präsident Erdogan mit buschigem Schnurrbart und wallender Mähne düster in die Menge blickt. Auch die nationalistische Partei PRU (Partei für ein vereintes Rumänien) trägt den Fürsten in ihrem Wappen.

Für den Großteil der westlichen Welt steht „Dracula“ für das blutrünstige Wesen und den Vampir schlechthin. Allerdings ist er nicht mehr der einzige erfolgreiche Untote mit Blutdurst: Die Liebesgeschichte um Edward und Bella aus Stephanie Meyers „Twilight“-Saga stand jahrelang auf Bestsellerlisten weltweit. Schon vorher fand Vampirjäger van Helsing weibliche Unterstützung, als ab 1997 das Mädchen Buffy nicht nur gegen Prüfungsangst und Highschool-Fieslinge, sondern auch gegen Blutsauger kämpfte. Und der Erfolg der Horrorserie „Penny Dreadful“ auf Netflix zeigt, dass sich Vampire auch nach dem Ende des großen „Biss“-Hypes noch gut verkaufen lassen.

Mehr als 200 Filme über den Vampir sind bereits erschienen – das bekannteste Dracula-Gesicht ist aber das des britischen Schauspielers Christopher Lee aus dem Film „Dracula“ von 1958. Foto: Warner Columbia

Die Begeisterung für diese Wesen geht zuweilen so weit, dass einige ganz Enthusiastische ebenfalls Durst nach Blut verspüren. In einem „Interview mit einem Vampir“ berichtet eine Boulevardzeitung von einem Regensburger, der von den Vorzügen von „frischgezapftem“ Blut der Blutgruppe AB negativ schwärmt. In Foren im Internet tauschen sich selbsterklärte Vampire über die besten Techniken aus und suchen nach Blutspendern – Donatoren genannt. Das Bluttrinken ebenso wie das Abzapfen erfolge selbstverständlich immer auf freiwilliger Basis, heißt es dort.

Vlad-Spezialist Weber bleibt bei der trockenen Wissenschaft. Er hat noch nicht einmal Bram Stokers Roman gelesen: „Er schlummert noch ungelesen auf meinem iPad. Ich habe aber einige Filme gesehen – und als Historiker großen Spaß bei den für mich offensichtlichen Fehlern gehabt.“

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