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Missbrauch

Echte Aufarbeitung dauert lange

Der Unabhängige Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung spricht über die Domspatzen und die Gefahren des Schweigens.
von Christine Straßer, MZ

Neue Enthüllungen zum Missbrauchsskandal bei den Regensburger Domspatzen haben für großes Aufsehen gesorgt. Foto: dpa-Archiv

Regensburg.Vor drei Wochen haben neue Enthüllungen um den Missbrauchsskandal bei den Regensburger Domspatzen hohe Wellen geschlagen. Waren Sie überrascht?

Es ist erschreckend, wie viele Kinder bei den Regensburger Domspatzen sexuelle Gewalt erfahren mussten. Es überrascht mich aber nicht, dass sich erst jetzt durch die Arbeit eines unabhängigen Ermittlers so viele Betroffene gemeldet haben. Viele Betroffene vertrauen den Institutionen nicht mehr, in denen sie Gewalt erlitten haben. Insofern fand ich die Entscheidung des Bistums, für die Regensburger Domspatzen einen unabhängigen Ermittler einzusetzen, sehr richtig und begrüße dies grundsätzlich in allen Aufarbeitungsprozessen, dass externe Experten einbezogen werden.

Lesen Sie hier den Zwischenbericht zum Missbrauchsskandal bei den Regensburger Domspatzen im Wortlaut.

Sie haben gerade die Mitglieder für eine unabhängige Aufarbeitungskommission Kindesmissbrauch berufen. Warum sind unabhängige Ansprechpartner so wichtig?

Das allerwichtigste ist Transparenz und die Sicherheit für die Betroffenen, dass eine verlässliche Möglichkeit geschaffen wird, ein sicherer und geschützter Raum, in dem sie sich anvertrauen können. Der Vertrauensverlust gegenüber den Einrichtungen, in denen der Missbrauch stattgefunden hat, ist meist groß und wird bei mangelnder Aufklärung und Information weiter verstärkt.

Die bekannten Missbrauchsfälle bei den Domspatzen liegen so weit zurück, dass sie aus juristischer Sicht verjährt sind. Was kann eine öffentliche Aufarbeitung des Skandals leisten?

Johannes-Wilhelm Rörig ist der Unabhängige Beauftragte der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs. Foto: Christine Fenzl

Sie kann das Unrecht, das Betroffenen angetan wurde, auch außerhalb von Gerichtssälen, anerkennen. Diese gesellschaftliche Anerkennung, die sich auch die unabhängige Kommission zum Ziel setzt, ist für die Betroffenen immens wichtig. Wir dürfen nicht vergessen, dass vielen Betroffenen nicht geglaubt wurde, dass sie nie jemanden hatten, dem sie sich anvertrauen konnten. Und es ist wichtig, dass nicht nur einzelne Institutionen sondern auch die Gesellschaft Verantwortung übernimmt, gerade bei den vielen Fällen von Missbrauch, die in der Familie und im sozialen Umfeld stattgefunden haben und stattfinden. Wir müssen Strukturen und Dimensionen von Missbrauch aufdecken und verstehen lernen, warum dieses entsetzliche Ausmaß sexueller Gewalt an Kindern so möglich war.

Die in Bereichen der Kirchen bekannt gewordenen Missbrauchsfälle haben für sehr großes Aufsehen gesorgt. Hat die Kirche genug bei der Aufarbeitung getan? Tut sie genug?

Die Fälle bei den Regensburger Domspatzen oder die neuen Enthüllungen im Bistum Hildesheim zeigen, dass auch die katholische Kirche in ihren vielen Strukturen mit der Aufarbeitung von Missbrauch noch lange nicht am Ende ist. Aufarbeitung ist ein langer Prozess – auch wenn es immer noch einzelne Bistümer oder Kirchenmenschen gibt, die Aufarbeitung gerne im Expresstempo erledig und dann schnell wieder zur Tagesordnung übergehen würden. Die Erfahrungen von anderen Kommissionen in Irland oder auch in Australien und USA zeigen, Aufarbeitung ist ein langer und auch sehr schmerzhafter Prozess für eine Gesellschaft und sie muss diesen Weg mit hoher Empathie für die Betroffenen und einem starken Interesse am Opferschutz gehen.

Nächste Woche treffen sich Vertreter der Opfer, die Domspatzen-Leitung und der Regensburger Bischof an einem Tisch. Wie wichtig sind solche Begegnungen?

Solche Begegnungen sind sehr wichtig und es ist gut, wenn die Institutionen sie nicht scheuen. Es geht einmal darum, dass man aufarbeitet, um die Vergangenheit auszuleuchten. Es geht aber bei der Aufarbeitung auch darum, dass Erlebte in sein Leben zu integrieren, um dann persönlich einen Weg zu finden, damit leben zu können. Und die Institution – hier in der Zuständigkeit der Kirche – muss mit Betroffenen zusammenarbeiten, um die Präventionsmaßnahmen in ihren Strukturen zu verbessern, damit es nicht zur Wiederholung dieser tragischen Verbrechen kommt. Aufarbeitung, Prävention, Verbesserung der Hilfen, Forschung – es ist wichtig, dass wir mit Betroffenen und nicht über sie hinweg arbeiten und Entscheidungen treffen. Empathie, Partizipation und ein transparenter Umgang auf Augenhöhe sollten immer gewährleistet sein.

Lesen Sie hier ein Interview mit Domkapellmeister Roland Büchner zum Missbrauchsskandal.

Wie groß ist die Dimension sexuellen Kindesmissbrauchs heute in Deutschland?

Sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen ist immer noch ein Grundrisiko einer Kindheit in Deutschland. Wir haben leider keine Anhaltspunkte dafür, dass die Fallzahlen zurückgehen. Es gibt weiterhin pro Jahr mehr als 12 000 Ermittlungs- und Strafverfahren. Die Fachleute der Beratungsstellen sagen mir immer wieder, dass wir von einer Dunkelziffer von 100 000 Fällen pro Jahr ausgehen müssen. Neben der Aufarbeitung, die ja den Blick auf die Gefährdung von Jungen und Mädchen verbessern soll, ist es deshalb wichtig, dass mehr in den Schutz der Kinder und Jugendlichen investiert wird.

Rat und Hilfe

  • Hilfetelefon:

    Am Hilfetelefon unter der Rufnummer 0800 22 55 530 hören Fachkräfte zu und helfen weiter. Das Hilfetelefon ist kostenfrei und anonym. Auch Fachkräfte können sich bei Fragen zu Prävention und Intervention an die Experten wenden.

  • Hilfeportal:

    Das Hilfeportal Sexueller Missbrauch unter www. hilfeportal-missbrauch.de ist die erste Anlaufstelle für Menschen, die sexuelle Gewalt in ihrer Kindheit oder Jugend erlitten haben, sowie für Angehörige und Fachkräfte. Dort gibt es auch eine Datenbank mit Beratungsstellen und weiteren Hilfsangeboten vor Ort.

Wie können wir Kinder besser schützen?

Weil Missbrauch vornehmlich in der Familie und im sozialen Nahfeld stattfindet, muss mehr darin investiert werden, dass Kinder, die Missbrauch erleiden, in Schulen, in Kitas und auch im kirchlichen Kontext oder in Sportvereinen, vertrauensvolle Ansprechpersonen finden, die die Signale von Kindern erkennen und Wege zu professioneller Hilfe aufzeigen können.

Viele Kinder erleiden sexuelle Gewalt in der Familie. Das ist bekannt, aber es wird wenig darüber geredet.

Meistens kennen die Kinder die Täter sehr gut. Durch ein nahes Vertrauensverhältnis ist es für ein Kind besonders schwer darüber zu berichten, wenn die Grenzen von Nähe und Distanz überschritten werden. Wenn alles normal verläuft, hat ein Kind zunächst ein natürliches Grundvertrauen in seine Eltern und seine Familie und kann dann oft überhaupt nicht einordnen, dass etwas Unrechtes geschehen ist. Es ist das Schrecklichste, was passieren kann, wenn eine nahestehende Person dieses Vertrauen ausnutzt, missbraucht und zerstört. Diese Situation ist für das Kind hoch ambivalent. Kinder oder auch Mitwissende haben oft Angst, dass sie die eigene Familie sprengen, wenn sie über das, was passiert ist, sprechen. Deswegen ist es so wichtig, dass sie darüber Bescheid wissen, auch an wen sie sich wenden können. In der Schule erreichen wir alle Kinder, deshalb liegt dort unser Schwerpunkt für mehr Prävention.

Worauf können Eltern bei Schulen, Freizeitgruppen und Vereinen achten?

In allen Einrichtungen, in denen Kinder Erwachsenen anvertraut werden, müssen Schutzkonzepte eingeführt, zum Beispiel Regeln für das Verhältnis von Nähe und Distanz aufgestellt werden. Einrichtungen müsse sich die Frage stellen: Wie nah ist zu nah? Oder wer hilft mir eigentlich helfen im Verdachtsfall? Eltern sollten nachfragen, ob man sich in der Einrichtung um mögliche Gefahren für Kinder und Jugendliche kümmert. Sexuelle Gewalt findet vor allem dort statt, wo zu dem Thema geschwiegen wird - aus falscher Scham, Peinlichkeit oder Unwissen. Missbrauch ist auch dadurch zu bekämpfen, dass man transparent mit diesen Fragen umgeht. Die Fachkräfte brauchen ein Grundwissen zum Thema sexueller Gewalt. Sie müssen wissen, welche Signale Kinder aussenden und wie man darauf reagiert.

Was ist gute Prävention?

Für mich ist Prävention ein wichtiges Qualitätsmerkmal einer Einrichtung. Wir müssen dahin kommen, dass Eltern, wenn sie hören, dass man sich um den Schutz vor sexueller Gewalt in der Schule kümmert, nicht denken, die Schule ist jetzt besonders gefährlich. Es muss Eltern beruhigen, wenn die Schule die Gefahren beleuchtet. Die Täterstrategien sind so perfide, dass man sie nicht gleich erkennen kann, aber es nicht so, dass man in Einrichtungen nichts tun könnte! Schutzkonzepte gegen sexuelle Gewalt tragen Wissen und Sensibilisierung in die Einrichtung - und schrecken auch Täter ab, wenn diese zum Beispiel merken, dass das Thema hier bereits bei der Personalauswahl offen angesprochen wird. Man kann auch klare Verhaltensregeln aufstellen wie ein Fotografierverbot in der Dusche. Man kann dafür sorgen, dass die Toilettenräume abschließbar sind. Man kann Regeln aufstellen, dass bei einer Schülerfreizeit der Lehrer nicht in dem Zelt mit den Jugendlichen schlafen darf. Durch solche Regeln können Einrichtungen große Sicherheit schaffen und entsprechend reagieren, wenn jemand dagegen verstößt. Es ist wichtig, dass die Gesellschaft, jede und jeder Einzelne, beim Schutz der Kinder vor sexueller Gewalt aufmerksam ist und nicht wegsieht. Beim Schutz der Kinder vor sexueller Gewalt gibt es Nulltoleranz.

Lesen Sie hier, was ein Domspatz, eine Mutter und ein Opfervertreter zur Situation heute bei den Domspatzen sagen.

Kommentare (3) Regeln Unsere Community Regeln

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  • AO
    Angelika Oetken
    28.01.2016 20:07

    Die Verantwortlichen versuchen durch allerlei Tricks vom Eigentlichen abzulenken. Das ist der Grund, warum die einzige echte unabhängige Aufklärung und Aufarbeitung bisher von den Opfern selbst, den Mitbetroffenen, den Whistleblowern aus den Institutionen, einigen wenigen ExpertInnen und den Medien betrieben wurde. Abgesehen davon unterscheiden sich Institutionen und Familien, die Missbrauch zulassen oder sogar noch fördern gar nicht so groß voneinander. Ihre Dysfunktionalität und das psychosoziale Scheitern, was sich darin offenbart, sind in ihren Erscheinungsformen ziemlich ähnlich. Abgesehen von milieubedingten Unterschieden.

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  • AO
    Angelika Oetken
    28.01.2016 20:03

    Welchen Zweck das Bistum Regensburg mit dem, was sie aktuell tut und als "Aufarbeitung" bezeichnet überhaupt verfolgt, wissen wir nicht genau. Hinter den Domspatzen stecken eine einflussreiche Stiftung, ein sehr großer Förderverein, eine mehr als 400jährige Geschichte, regionale und überregionale VIPs und mächtige Kirchenpolitiker. Wer glaubt, dass es bei der an den Domspatzeneinrichtungen jahrzehntelang betriebenen sexuellen Ausbeutung von Kindern und Jugendlichen ausschließlich um Missbrauch ging ist naiv. Wie an vergleichbaren institutionellen Tatorten auch (Bsp. Aloisiuskolleg, Odenwaldschule, Korntal) geht die Missbrauchskriminalität mit anderen Übertretungen einher.

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  • AO
    Angelika Oetken
    28.01.2016 19:55

    An Anfang jeder Aufarbeitung muss die Aufklärung dessen stehen, was an Unrecht geschehen ist. Im Falle der Missbrauchskriminalität, die von Priestern, Ordensfrauen und anderen Kirchenangehörigen begangen wurde, benötigt man dafür Durchgriffsrechte. Institutionen wie die Katholische Kirche, die über lange Zeiträume hin Täter nicht nur geschützt, sondern sie oft sogar protegiert haben, werden aus eigenen Stücken nie ehrlich und offen aufarbeiten. Bestes Beispiel: der Serienpriestertäter Peter R. (Hildesheim, Berlin). Angelika Oetken, Berlin-Köpenick, eine von 9 Millionen Erwachsenen in Deutschland, die in ihrer Kindheit und/oder Jugend Opfer schweren sexuellen Missbrauchs wurden

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