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Oberpfalz
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Gesundheit

Ein alte Krankheit meldet sich zurück

Die Tuberkulose war lange auf dem Rückzug. Doch die Fallzahlen steigen. Gezielt danach gesucht wird nur bei Flüchtlingen.
Von Dagmar Unrecht, MZ

Menschen, die in Deutschland Zuflucht suchen, werden medizinisch versorgt. Dazu gehört auch eine Röntgenuntersuchung der Lunge. Foto: dpa

Regensburg.Während sich die Grippeviren erst allmählich ausbreiten, rückt eine fast vergessene Infektionskrankheit neu in den Fokus. Das ergibt ein Blick in die Statistik des Bayerischen Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL): So gab es demnach in den ersten drei Januarwochen in Bayern 92 Fälle von Tuberkulose. Zum Vergleich: Im Jahr 2015 waren es im gleichen Zeitraum nur 32. 2014 wurden in Bayern 7o7 Tuberkulosefälle erfasst, 2015 waren es 1093. Auch die deutschlandweiten Zahlen des Robert-Koch-Institut zeigen einen Aufwärtstrend. 2015 wurden dort 5814 Fälle gemeldet, im Jahr davor waren es 4488.

Karl Schenkel, Infektionsexperte vom Deutschen Zentralkomitee zur Bekämpfung der Tuberkulose (DZK) in Berlin, ist daher ein gefragter Gesprächspartner. Das DZK wurde 1895 und damit in einer Zeit gegründet, als die Tuberkulose noch eine Volkskrankheit war. Schenkel beantwortet Fragen gern, denn ihm ist daran gelegen, keine Panik aufkommen zu lassen. „Es gibt keine akute Seuchengefahr“, stellt er klar. Tuberkulose werde durch Tröpfchen beim Husten übertragen. „Masern, Windpocken oder Grippe sind viel ansteckender.“ Hoch sei das Ansteckungsrisiko erst, wenn sich ein Infizierter zusammen mit anderen Menschen stundenlang in ungelüfteten Räumen aufhalte. Die Hauptansteckungsgefahr besteht laut Schenkel derzeit innerhalb der Migranten. Viele kämen aus Ländern mit einem hohen Tuberkuloserisiko. Dazu käme der Stress der Reise, der den Durchbruch der Krankheit begünstigen könne.

Röntgen ist Pflicht

Für alle Asylsuchenden, die das 15. Lebensjahr vollendet haben, ist in Deutschland das Röntgen der Lunge Pflicht und wird im Rahmen eines Gesundheitschecks durchgeführt. „Damit kann man eine akute Tuberkulose-Infektion erkennen“, so Schenkel. Kinder und Schwangere werden mit Hilfe eines Bluttests untersucht. Betroffene würden isoliert und mit mehreren Antibiotika behandelt. Die Therapie könne bis zu sechs Monaten dauern. „Die meisten werden gut geheilt“, sagt der Experte. Dass sich die einheimische Bevölkerung vermehrt anstecken könnte, glaubt Schenkel nicht. „Die Übertragung durch einen sporadischen Kontakt, zum Beispiel im Bus, ist sehr unwahrscheinlich.“ Allerdings müssten Ärzte geschult werden „Die Tuberkulose ist hierzulande über Jahrzehnte in Vergessenheit geraten“, sagt Schenkel, „wir müssen den Anstieg im Auge behalten“.

Tuberkulose

  • Volkskrankheit

    Anfang des letzten Jahrhunderts war die Tuberkulose („Schwindsucht“) eine Volkskrankheit ohne Heilungschancen. Den Nachweis, dass die Tuberkulose eine Infektionskrankheit ist, erbrachte Robert Koch 1882. Vorher glaubte man, es handele sich um eine Erbkrankheit.

  • Impfung

    Eine Impfung gegen Tuberkulose wird von der Ständigen Impfkommission am Robert Koch-Institut seit 1998 nicht mehr empfohlen. Der Impfstoff hatte vergleichsweise viele Nebenwirkungen und war gleichzeitig nicht sehr wirksam.

  • Globale Lage

    Tuberkulose ist die weltweit am häufigsten zum Tode führende behandelbare bakterielle Infektionskrankheit. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat sich die Zahl der weltweiten Todesfälle durch Tuberkulose in den vergangenen 25 Jahren zwar fast halbiert, 2014 sind dennoch 1,5 Millionen Menschen daran gestorben.

  • Probleme

    Ein besonderes Problem stellt die multiresistente Form der Tuberkulose (MDR-TB) dar. Weltweit erkrankten laut WHO geschätzte 480 000 Menschen daran. Besonders betroffen waren China, Indien und Russland.

Laut Robert-Koch-Institut (RKI) kamen im Jahr 2014 auf 100 000 Einwohner in Deutschland 5,6 Neuerkrankungen, im Vergleich zum Vorjahr ein Plus von 3,9 Prozent. „Deutschland steht in der Tuberkulosekontrolle vor neuen Herausforderungen“, heißt es in einem RKI-Bericht. Der lange Jahre rückläufige Trend sei beendet. Das bestätigt auch Matthias Pregler, Leiter des Regensburger Gesundheitsamtes. Im Großraum Regensburg gebe es wieder mehr Tuberkulose-Fälle. Betroffene würden meist im Krankenhaus Donaustauf behandelt.

Die „aktuelle Migrationsbewegungen“ ist laut RKI eine der Ursachen für den Anstieg. „Allerdings wird bei Flüchtlingen auch gezielt danach gesucht“, gibt eine RKI-Sprecherin zu Bedenken. Generell sind laut RKI Ausländer und Menschen mit Migrationshintergrund häufiger von Tuberkulose betroffen, sie tragen das erhöhte Risiko aus ihren Heimatländern in sich. Männer erkranken wiederum häufiger als Frauen.

Grippewelle erst am Anfang

Während die Tuberkulose für Unruhe sorgt, herrscht an der Grippefront noch Ruhe. Nach Auskunft des Bayerischen Landesamtes für Gesundheit hat die diesjährige Grippewelle zwar Mitte Januar begonnen. „Bislang ist die Aktivität der akuten Atemwegserkrankungen in ganz Bayern aber nur geringfügig erhöht.“

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