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Leben

Ganz normale Technik-Tücken

Wie kommt man im Alter mit digitaler Schnelllebigkeit zurecht? Viele Senioren machen sich Sorgen. Es geht aber auch mit Ruhe.
Von Jana Wolf, MZ

Die Seniorenberater nehmen sich in Einzelberatungen eineinhalb Stunden Zeit, um Gleichaltrigen Tipps für die Computer- und Internetnutzung zu geben. Foto: Wolf

Regensburg.Überall blinkt es. Ein dickes Werbebanner einer Mode-Marke wälzt sich über den Bildschirm. Darunter ploppen Nachrichten auf, Bilder wechseln im Sekundentakt. Zwischendrin die Lotto-Zahlen, 3, 7, 16, 26, 28, 35, und daneben die Wettervorhersage. Wolken, Boxen, Fenster, Kacheln. Agnes F. hat genug davon: „Ich will das hier alles nicht.“ Die 65-jährige Regensburgerin will eigentlich nur auf ihre E-Mails zugreifen. Aber wenn sie die Internet-Seite auf ihrem Laptop öffnet, geht der ganz normale Wahnsinn im Netz los.

Jetzt muss Karl Kolb helfen. Der 68-Jährige ist ein alter Technik-Tüftler und engagiert sich in der Computer- und Internetgruppe (CIG) des Regensburger Seniorenbüros. Die Gruppe von ehrenamtlichen Seniorinnen und Senioren berät und schult Gleichaltrige in Computer-Fragen. Karl Kolb war bis vor zwei Jahren als Physik- und Mathelehrer am Gymnasium tätig und hat sich sein technisches Know-how im Laufe seines Berufslebens selbst beigebracht. Er hat sich mit Agnes F. an einen Tisch im 2. Stock des Regensburger Mehrgenerationenhauses gesetzt – Kolb mit der Maus in der Hand, Agnes F. mit Zettel und Stift.

Eineinhalb Stunden nimmt sich Karl Kolb für eine solche Einzelberatung Zeit. Jeden Donnerstag findet die Sprechstunde in der Ostengasse 29 in Regensburg statt. Jeweils drei Berater stehen von 13.30 bis 15 Uhr und von 15.30 bis 17 Uhr Rede und Antwort (Anmeldung unter 0941/ 5075599). Die Gäste kommen mit Fragen zu E-Mails und Gärtner-Foren im Netz, wenn der Rechner abgestürzt ist oder ein neues Betriebssystem aufgespielt werden muss, wenn sie Urlaubsbilder bearbeiten wollen oder ein elektronisches Tagebuch anlegen wollen.

Beratung im geschützten Raum

Laut Prof. Dr. Cornel Sieber hilft Technik im Alter, um am sozialen Leben teilzuhaben. Foto: altrofoto.de

Wenn es nach Prof. Dr. Cornel Sieber geht, dann sieht genau so der Idealfall technischer Hilfestellung im Alter aus. Laut dem Chefarzt für Innere Medizin und Geriatrie am Regensburger Krankenhaus der Barmherzigen Brüder würden sich auch betagte Menschen noch auf Neuerungen einlassen. „Aber das muss in einem geschützten Rahmen stattfinden, mit Leuten, die wissen, wie man auf ältere Menschen zugeht.“ Die individuelle Zuwendung sei wichtig, damit bei Senioren nicht das Gefühl entsteht: „Ich habe einen Fehler gemacht, ich genüge nicht.“

Prof. Sieber hat jeden Tag mit älteren Menschen im Alter von 75 Jahren aufwärts zu tun. Er kennt die Probleme, die entstehen, wenn sich der verlangsamte Lebensrhythmus im Alter auf die digitale Schnelllebigkeit unserer Zeit einstellen muss. Bei Alten käme oft das Gefühl auf, mit der Veränderung nicht Schritt halten zu können. „Es entsteht eine Angst, sich dem immer rascheren Wandel zu öffnen“, sagt der Altersmediziner. Das äußere sich dann in ganz konkreten Bedenken, dass man ein technisches Gerät zum Absturz bringen oder einen falschen Knopf drücken könnte. Der spielerische Umgang, mit dem gerade Kinder neuen Geräten begegnen, würde im Alter eher der Scheu und Sorge weichen, etwas falsch machen zu können. Die Scheu siegt aber nicht immer. Viele ältere Menschen würden sich den Umgang mit neuer Technik aneignen, um den Kontakt zu den eigenen Kindern und Enkelkindern nicht zu verlieren und im Umfeld mitreden zu können, sagt Sieber. Es gebe einen gewissen sozialen Druck und auch hochbetagte Menschen mit 80 Jahren und älter könnten sich dem Wandel anpassen.

Diese Einschätzung belegen auch die Zahlen. Immerhin nutzt jeder zweite der 65- bis 85-Jährigen das Internet, wie aus der aktuellen Generali Altersstudie hervorgeht. Laut dieser Untersuchung, für die mehr als 4000 Personen befragt wurden, sind von den 65- bis 74-Jährigen sogar zwei Drittel im Netz unterwegs, bei den 75- bis 85-Jährigen ist es dagegen nur ein Drittel.

Wie ist es um die Internetnutzung im Alter bestellt. Weitere Infos sehen Sie in unserer Info-Grafik:

Digitaler Wegweiser in Amberg

Die Stadt Amberg will technischem Interesse der Senioren Rechnung tragen und das digitale Angebot für ihre älteren Bürgerinnen und Bürger erweitern. Sie erarbeitet momentan einen „Wegweiser 50 plus“, der online zur Verfügung stehen und noch 2017 veröffentlicht werden soll. Um herauszufinden, wie eine Internet-Seite gestaltet sein muss, damit ältere Menschen sich gut zurechtfinden, hat die Stadt in Kooperation mit Studierenden der Ostbayerischen Technischen Hochschule (OTH) eine Umfrage gestartet.

Die Ergebnisse sind kaum überraschend. Die Senioren wünschen sich Übersichtlichkeit und klare Strukturen, Informationen müssen einfach zu finden sein und die Seite sollte nicht zu viele Unterpunkte haben, sagt Dr. Harald Knerer-Brütting, Referent für Jugend, Senioren und Soziales der Stadt Amberg. Überraschend ist eher, dass viele Webseiten heute noch so überladen sind, blinken und ploppen wie das E-Mail-Programm von Agnes F. aus Regensburg.

Amberg will mit diesem neuen Angebot mit der Zeit gehen. Und das heißt auch: den demografischen Wandel ernst nehmen. Nach Angaben der Regierung der Oberpfalz nimmt der Anteil der Menschen mit 60 Jahren und älter im Landkreis Amberg-Sulzbach stetig zu: von 22,4 Prozent im Jahr 2000 auf 37,8 im Jahr 2030. Damit ist die Bevölkerung in diesem Landkreis noch älter als im Oberpfalz-Durchschnitt: von 22,6 Prozent im Jahr 2000 auf 35,7 Prozent im Jahr 2030.

Nutzen ältere Menschen Smartphones und wenn ja, wofür? Wir haben uns in der Regensburger Innenstadt umgehört:

Smartphone-Nutzung im Alter

Frühjahrsputz auf der Festplatte

In Regensburg sind Karl Kolb und Agnes F. mitten im Frühjahrsputz auf der Festplatte. Der Technik-Berater löscht alte Programme, die die 65-Jährige nicht mehr braucht, und installiert einen neuen E-Mail-Klienten, mit der sie die störende Werbung elegant umgehen kann. Das soll den Zugang zum privaten Postfach erleichtern. Anders als mache Gleichaltrige kennt Agnes F. keine Scheu im Internet. „Ich bin so ein Typ, ich klicke einfach immer überall drauf“, sagt sie.

Karl Kolb legt die Stirn in Falten. „Schauen Sie mal, Sie haben sich da schon etwas eingefangen.“ Der 68-Jährige meint damit einen Virus, der sich auf die Festplatte geschlichen hat. Er rät Agnes F. zu mehr Vorsicht beim Klicken und empfiehlt ein Virenschutzprogramm.

Für Senioren, die ihre Geräte nicht ins Mehrgenerationenhaus transportieren können oder in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, bietet das Regensburger Seniorenbüro auch das „Senioren@home“-Programm an. Die Berater helfen dann in den eigenen vier Wänden beim Einrichten von Routern oder Druckern weiter, beim Surfen im Netz oder beim Onlinebanking.

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