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Oberpfalz
Sonntag, 25. Juni 2017 27° 5

Interview

Gebetbuch im Auto, Engel überm Dach

Die Regensburger Rallye-Legende Walter Röhrl wird 70 Jahre alt. Doch als Testfahrer für Porsche gibt er weiter Vollgas.
Von Anna-Maria Ascherl, Martin Kellermeier, Bernhard Neumayer und Philipp Seitz, MZ

Gibt heute immer noch Vollgas: Walter Röhrl feiert seinen 70. Geburtstag. Auf unserem Foto aus dem Jahr 2004 sitzt er in einem Porsche GT. Foto: Archiv/Uwe Moosburger

Regensburg.Herr Röhrl, gab es in Ihrem Rennfahrerleben einen Moment, bei dem Sie sich gedacht haben: „Jetzt ist es vorbei“?

Den hat’s gegeben. 1984 bei der Rallye Sanremo. Ich war bei einer Sonderprüfung in den Bergen als Erster unterwegs. Alles war trocken, sternenklare Nacht. Dann kam ich zu einer Stelle, wo ein Bach unter der Straße durchgeleitet worden war. Blätter hatten den Durchlauf verstopft und das Wasser hatte sich aufgestaut.

Aquaplaning.

Genau. In unserem „Gebetsbuch“, also unserer detaillierten Streckenanalyse, hat es geheißen: rechts, drei Mal voll, bergab. Nach der zweiten Kurve ist das Wasser kniehoch gestanden. Ich bin bei 180 km/h und 8000 Umdrehungen furchtbar abgeflogen. Und ich wusste, dass es rechts ungefähr 100 Meter runter geht. Bei den Überschlägen ist mein Leben vor meinem inneren Auge abgelaufen.

Angst? Panik?

Ich habe nur noch auf den Schlag gewartet und gewusst, wenn ich unten ankomme, muss es zu Ende sein. Und ich dachte mir: Schade, dass es bei einem Blödsinn passiert, für den ich nichts kann.

Im Video sehen Sie Walter Röhrl beim Interview in unserem Medienhaus:

Drei Fragen an Rallye-Legende Walter Röhrl

Tatsächlich? Sie konnten in so einem Moment noch daran denken, dass Sie keinen Fahrfehler gemacht hatten?

Ja, Fehler sind für mich noch heute das Schlimmste, was es gibt.

Der ehemalige Rallye-Weltmeister Walter Röhrl, hier auf einem Archivbild vom 12.02.1990. Der gebürtige Regensburger, dessen Karriere 1987 mit zwei Weltmeister-Titeln endete, lebt in Ostbayern. Foto: Archiv/dpa

Letztendlich sind Sie dann gar nicht abgestürzt.

Ich hatte das Glück, dass ich – was ich in der Nacht nicht gesehen hatte – erst einmal 100 Meter den Berg hochgeflogen bin. Dann gings wieder runter und ich bin auf derselben Straße zum Liegen gekommen.

Haben Sie sich bei dem Unfall verletzt?

Mein Audi war sehr stabil, die Fahrgastzelle war vollkommen in Ordnung. Aber es war kein Reifen mehr auf der Felge, keine Felge mehr am Auto – das ist alles in den Bergen rumgelegen. Ich hab mir den Kopf ein bisschen angeschlagen am Überrollbügel.

Und ihr Beifahrer?

Der war zum Glück unverletzt und konnte die anderen Fahrer warnen – sonst wäre das ein Massengrab geworden.

Hat Sie dieser Unfall zum Zweifeln gebracht ob das, was Sie da treiben, das Richtige ist?

Ich bin 60 Minuten im Auto gesessen und habe gewartet, bis alle 60 Autos durch waren. Erst dann ist der Teamarzt gekommen. Ich habe mich gefragt: Was wäre passiert, wenn ich eine offene Wunde gehabt hätte? Das war das erste Mal, dass ich darüber nachgedacht habe, ob das alles so schlau ist – und ob es das Risiko wert ist, das ich eingehe.

Zu Ihrer Rennfahrzeit waren die Sicherheitsvorkehrungen schlechter als heute.

Und in Italien erst recht. Da wurde alles lockerer gehandhabt. Der Veranstalter ist normalerweise dafür verantwortlich, dass es ausreichend Streckenposten gibt. Von diesem Zeitpunkt an habe ich immer im Vorfeld dem Veranstalter auf die Finger geklopft und gefragt: Sind genug Ärzte am Start?

Und heute?

Heute ist alles perfekt geregelt. Die FIA (der internationale Dachverband des Automobils, d. Red.) hat Anzeigen, auf denen sie sieht, wo jedes Auto fährt. Sobald ein Auto länger als eine Minute steht, wird sofort unterbrochen und ein Arzt losgeschickt.

Der gebürtige Regensburger Walter Röhrl und sein Beifahrer Christian Geistdörfer wurden mit ihrem Opel Ascona Rallye-Weltmeister 1982.Fotoo: dpa/obs/Adam Opel AG

Mussten Sie Ihre Fahrweise an die schlechteren Sicherheitsvorkehrungen anpassen?

Klar. Ich bin immer vernünftig gefahren und kein unnötiges Risiko eingegangen. Ein Baum geht halt beim Rallyefahren nicht auf die Seite. Es liegt immer an mir und meinem rechten Fuß, ob ich noch da bin.

Hatten Sie je Angst, Fans, die zum Teil dicht am Straßenrand stehen, zu verletzen oder gar zu töten?

Wenn ich heute Videos von den Rennen sehe, sage ich selbst: Das ist unvorstellbar. Ich habe mir damals wohl gedacht: Die sind gestern auf die Seite gesprungen, also werden die es auch heute tun. Unter dem Druck des Wettbewerbs habe ich diese Gefahr irgendwie verdrängt.

Walter Röhrl, der zweimalige Rallye-Weltmeister, ist noch heute bei verschiedenen Veranstaltungen ein gefragter Gast. Das Foto stammt aus dem Jahr 2004. Foto: Archiv/dpa

Sie haben sich nach dem Unfall sofort wieder ans Steuer gesetzt. Gab es keine persönlichen Konsequenzen?

Konsequenzen hätte ich nur gezogen, wenn es einen Unfall gegeben hätte, bei dem ich mich in meiner Geschwindigkeit verschätzt hätte. Dann wären Selbstzweifel gekommen. Aber technische Fehler, die passiert sind, konnte ich innerhalb einer Stunde abhaken.

Hat Sie in Ihrem rasanten Leben ein Schutzengel begleitet?

Ja, aber auf den wollte ich mich nicht verlassen. Ich habe immer gesagt: Es ist gut, dass mir mein Schutzengel beisteht, aber mir muss klar sein, wo die Grenzen sind. Ich hatte etliche Kollegen, denen ich den Tod vorausgesagt habe, und der ist dann auch eingetreten.

Seine ersten Versuche im Auto machte Walter Röhrl mit neun. Noch heute hat die StVO für ihn mehr Empfehlungscharakter. Lesen Sie hier ein weiteres Interview, das Walter Röhrl unserem Medienhaus gegeben hat.

So wie dem Finnen Henri Toivonen, der 1986 bei einem Unfall auf Korsika ums Leben kam.

Henri Toivonen war jemand, der keine Angst hatte und sich immer wieder in einen Geschwindigkeitsrausch fuhr. So etwas kann nicht gut gehen. Zu denken, man sei unsterblich. Wenn ein Mensch keine Angst und keinen Respekt hat, dann geht das auf die Dauer nicht gut.

Sie haben von Ihrem Glauben und Ihrem Schutzengel gesprochen. Gibt es denn in Ihrem Alltag ein Ritual, bei dem Ihr Glaube zum Ausdruck kommt?

Ich bete jeden Abend, schon seit der Kindheit. In die Kirche gehe ich aber nur noch, wenn Beerdigungen oder Hochzeiten sind. Von März bis November gibt es keinen Sonntag, an dem ich zu Hause bin. Außerdem habe ich als Kind so viel in die Kirche gehen müssen, dass ich da einen Vorsprung von 30 Jahren habe.

Rallye-Weltmeister Walter Röhrl am Steuer eines KR 201 Foto: Archiv/Geisler

Haben Sie einen Talisman?

In der Geldbörse trage ich den Fingerrosenkranz meines verstorbenen Bruders immer bei mir.

Ihr älterer Bruder starb mit 28 Jahren bei einem Autounfall. Wie hat Sie dieses Ereignis geprägt?

Vier Jahre danach habe ich mit dem Rennfahren begonnen. Das hat meine Mutter sehr getroffen: Sie hatte den Tod meines Bruders nie überwunden. Ich habe mir damals aber gesagt: Ich darf ihr nie zumuten, dass sie noch einen Sohn verliert. Diesen Gedanken hatte ich beim Fahren immer im Hinterstübchen.

Walter Röhrl am Steuer. Foto: Archiv/Nicklas

Aber gefahren sind Sie.

Ja, aber nicht um jeden Preis.

Sie mussten Ihre Mutter am Anfang ja sogar ein bisschen anflunkern...

Bei den ersten Rallyes habe ich gesagt, dass ich nur zum Zuschauen hingehe. Weil ich wegen technischer Fehler nie ans Ziel gekommen bin, hat sie es anfangs auch geglaubt.

Und dann haben Sie plötzlich gewonnen.

Als mein erster Sieg in der Zeitung stand, musste ich natürlich beichten. Meine Mutter war nicht begeistert: Jede Rallye, zu der ich gefahren bin, war für sie der endgültige Abschied. Bei einem Rennen war sie nie dabei. Im Gegenteil: Sie fand das asozial.

1980 in der MZ-Redaktion nach dem ersten Sieg von Walter Röhrl in Monte Carlo. Foto: MZ-Archiv

Als Testfahrer für Porsche sind Sie noch immer Vollgas unterwegs, absolvieren viele Termine. Wie feiern Sie denn Ihren 70. Geburtstag – auch Vollgas?

Vollgas schon, aber nicht auf der Straße. Ich werde mir meine Ski anschnallen und einen Berg hinaufrennen, dass die Fetzen fliegen.

Wo?

In Österreich. Ich bin ja ein begeisterter Ski-Touren-Geher. Alle letzten Geburtstage habe ich mit Ski-Touren verbracht. Wenn jemand von meinen Freunden der Meinung ist, dass er mithalten kann, darf er gern mitgehen. Die meisten haben aber eingesehen, dass es wenig Sinn macht.

Das klingt nach einem einsamen Geburtstag.

Zumindest am Berg bin ich einsam. Wenn ich runterkomme, dann wird es nicht zu vermeiden sein, dass ein paar Leute vorbeikommen.

Gibt es dann in der Heimat einen kleinen Empfang?

Das will ich ja umgehen. Ich hoffe nur, dass sie nicht alle vor der Haustür stehen, wenn ich heimkomme.

Im Video gewährt Walter Röhrl einen Einblick in seine Garage:

Rallye-Legende Walter Röhrl wird 70

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