mz_logo

Oberpfalz
Freitag, 30. September 2016 24° 1

Untersuchung

Mehr Missbrauchsfälle bei den Domspatzen

Opferanwalt Ulrich Weber legt einen Bericht vor. Demnach wusste Papst-Bruder Georg Ratzinger von den Vorkommnissen.
Von Christine Straßer, MZ

Rechtsanwalt Ulrich Weber legte einen Zwischenbericht zu seiner Untersuchung der Missbrauchsfälle bei den Regensburger Domspatzen vor. Foto: altrofoto.de

Regensburg.Mit Spannung wurde erwartet, welche Ergebnisse der Rechtsanwalt Ulrich Weber am Freitag vorlegt. Schon vorab war bekannt geworden, dass die Zahl der Missbrauchsfälle bei den Regensburger Domspatzen wesentlich höher liegt, als bislang bekannt. Webers Recherchen zufolge wurden von 1953 bis 1992 mindestens 231 Kinder von Priestern und Lehrern des Bistums verprügelt und außerdem mindestens 60 Kinder sexuell missbraucht. „Die sexuellen Übergriffe reichten von Streicheln bis zu Vergewaltigungen“, betonte der Rechtsanwalt.

216 Meldungen von Gewalttaten beziehen sich auf die Vorschule der Domspatzen in Etterzhausen/Pielenhofen, zehn Meldungen betreffen das Internat in Regensburg, weitere fünf Meldungen beide Einrichtungen. Der Bruder des emeritierten Papstes Benedikt XVI., Georg Ratzinger, muss nach Ansicht des Opferanwalts von den zahlreichen Missbrauchsfällen gewusst haben. Er war 30 Jahre lang – bis 1994 – Domkapellmeister und Leiter des weltberühmten Knabenchors. Auf die konkrete Frage, ob dem heute 91-jährigen Ratzinger die Missstände bekannt gewesen seien, sagte der vom Bistum Regensburg eingesetzte Anwalt, der seine Untersuchung unabhängig führen soll, wörtlich: „Davon muss ich ausgehen.“ Der Papst-Bruder war am Freitag für Nachfragen nicht zu erreichen. MZ-Informationen zufolge hält er sich gerade in Rom auf.

Was sexuellen Missbrauch betrifft, liegen Weber für den Zeitraum bis 1992 für Etterhausen/Pielenhofen zwölf Opfermeldungen vor. Für Regensburg nennt Weber 50 Opfer, die sich bei ihm gemeldet hätten. Er stellt ein Konzentration auf die Zeitspanne bis Mitte/Ende der 70er Jahre fest. Ihm liegen aber auch weitere Opfermeldungen aus den 1990er Jahren und den Nullerjahren vor.

Georg Ratzinger müsse von den Vorfällen gewusst haben, heißt es in dem Bericht. Video: TVA

In seinem Zwischenbericht skizzierte Weber einige Fälle, um darzulegen, wie Verantwortliche mit den Vorkommnissen umgingen. So fand Weber heraus, dass während der Direktoratszeit von Johann Meier, konkret 1966, ein Schüler in Etterzhausen/Pielenhofen so stark verletzt wurde, dass seine Mutter Anzeige erstattete. Konsequenzen – beispielsweise aus einer polizeilichen Ermittlung – sind nicht dokumentiert. Weber führte aber aus, dass Gespräche, die er mit Opfern geführt habe, nahelegen, dass eigens hierfür abgestellte, befragte Schüler gedrängt wurden, über einen Treppensturz zu berichten.

Ins Auge stach dem Aufklärer Weber auch das Jahr 1975. Damals signalisierte der Stiftungsvorstand Regensburg dem Direktor Meier, dass Prügel und übermäßige Gewalt gegen die Schüler nicht mehr gebilligt würden. Meier sah Weber zufolge den Umgang mit den Schülern allerdings als angemessenen Erziehungsstil und forderte, Regensburg möge sich an Etterzhausen orientieren und nicht umgekehrt. Darüber hinaus wurde Direktor Meier 1987 vom Gesamtstiftungsvorstand 1987 mit erheblichen Vorwürfen konfrontiert. Diese bestritt er jedoch. Personelle Konsequenzen blieben aus.

Ein „System der Angst“

Rechtsanwalt Ulrich Weber bei der Pressekonferenz Foto: altrofoto.de

Weber schließt aus diesen Beispielen, dass die Vorfälle intern bekannt waren und auch kritisiert wurden. Personelle Konsequenzen oder gar einen strukturellen Umbau habe es allerdings nicht gegeben. Weber sagte: „Hier stellt sich ganz klar die Frage nach Strukturen und deren Mängel.“ Mindestens bis 1992 sei ein „System der Angst“ in Etterzhausen aufrechterhalten worden.

Als nächsten Schritt kündigte Weber die Konstituierung eines beratenden Kuratoriums an. Es setzt sich zusammen aus sechs Opfervertretern, zwei Mediatoren, vier Mitgliedern des Stiftungsvorstandes der Domspatzen, dem Generalvikar Michael Fuchs und Bischof Rudolf Voderholzer.

Den Bericht von Opfer-Anwalt Ulrich Weber im Wortlaut lesen Sie hier.

Das Bistum Regensburg hatte Ende April 2015 erklärt, dass eine unabhängige Stelle das Ausmaß der Verfehlungen dokumentieren und Handlungsempfehlungen geben soll. Damit sollte der anhaltenden Kritik, das Bistum verschweige das Ausmaß des Missbrauchsskandals und halte Opfer hin, begegnet werden. Beauftragt wurde der Opferanwalt Weber, der sich beim Weißen Ring engagiert. Seine Zielsetzung beschrieb er damals so: Transparenz schaffen, Defizite im Umgang mit Missbrauchsfällen aufzeigen und die Präventionsarbeit verbessern.

Im Gespräch mit der MZ betonte Weber kurz danach, dass es ihm um die „absolute Zahl“ gehe. Die Zahl der Opfer, der Täter, der Geschehnisse und der Straftaten zu nennen – nur das sei transparent. Zu Opferzahlen war zu diesem Zeitpunkt nur bekannt, dass nach kircheninternen Ergebnissen seit 1945 etwa 80 Kinder in der Diözese Regensburg von Kirchenmitarbeitern sexuell missbraucht wurden, darunter auch Schüler der Domspatzen. Einen Zwischenbericht, der sich auf körperliche Gewalt an der Vorschule der Domspatzen konzentrierte, legte das Bistum Ende Februar 2015 vor. Damals hieß es, dass sich 72 ehemalige Schüler gemeldet hätten, die von Schlägen mit Fäusten, Stöcken und einem Schlüsselbund berichteten. Das sind deutlich niedrigere Zahlen als die, die Weber nun nennt. Mehr noch: Er müsse davon ausgehen, dass zwischen 1953 und 1992 mindestens jeder Dritte der rund 2100 Domspatzen zum Gewaltopfer geworden sei. Grund an Aussagen der Opfer zu zweifeln, habe er nicht. Wie groß das Ausmaß der sexuellen Gewalt gewesen sei, könne er zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abschätzen, sagte Weber.

Bereits Mitte November 2015 wandte sich Weber mit einer Stellungnahme an die Öffentlichkeit. Darin beschrieb er, dass die Gespräche mit Betroffenen und das Aktenstudium mehr Zeit in Anspruch nehmen, als es vorab einzuschätzen war. Er betonte zudem, dass ihn das Bistum bei der Aufklärung unterstützt habe. Auch am Freitag unterstrich er, dass er bislang keinen Zweifel daran habe, dass ihm von Seiten des Bistums alle vorhandenen Unterlagen zur Verfügung gestellt wurden.

Das Bistum schweigt

Unter Zugzwang dürften die neuen Zahlen nun das Bistum Regensburg bringen. Am Freitag wollte das Bistum aber nicht zu Webers Zwischenbericht Stellung nehmen. Bereits im Jahr 2010 waren die ersten Missbrauchsfälle bekannt geworden. Unter dem damaligen Bischof Gerhard Ludwig Müller war aber stets von „Einzelfällen“ die Rede. Sein Nachfolger Rudolf Voderholzer verurteilte in einer Predigt sexuellen Missbrauch und körperliche Gewalt und bat die Opfer um Vergebung. Versäumnisse bei der kircheninternen Aufklärung wurden inzwischen eingeräumt. Trotzdem bleibt die Feststellung, dass ein externer Gutachter in wenigen Monaten dreimal so viele Opfer ermittelte wie das Bistum in fünf Jahren. Auch bei der Zahl der Täter kommt Weber zu anderen Erkenntnissen. Vonseiten des Bistums war stets von zwei Tätern die Rede. Hinsichtlich sexuellen Missbrauchs spricht Weber von vier Beschuldigten, die in Etterzhausen/Pielenhofen tätig waren, und zehn in Regensburg. Die Vorwürfe gegen sechs dieser mutmaßlichen Täter hält Ermittler Weber „für hochplausibel“.

So kommentiert MZ-Redakteurin Christine Straßer die neuen Erkenntnisse zum Missbrauchsskandal bei den Domspatzen:

Kommentar

Aufklärung fängt erst an

Der vom Bistum Regensburg und den Regensburger Domspatzen eingesetzte Gutachter hat seine Arbeit gemacht. Rechtsanwalt Ulrich Weber hat bewiesen, dass...

Die Leitung der „Gesellschaft gegen das Vergessen“, eine Gruppe von ehemaligen Domspatzen, die auch Mitglieder in das angekündigte Kuratorium entsenden wird, wiederholte im Gespräch mit der MZ die Forderung an das Bistum, eine Aufarbeitung ähnlich dem Ettaler Modell nun endlich zuzulassen. Die Gruppe geht davon aus, dass sogar noch weit mehr als ein Drittel der Domspatzen von Gewalttaten betroffen waren. An dem angekündigten Kuratorium will sich die Gruppe beteiligen. Zu hohe Erwartungen hat man an dieses Gremium aber nicht. „Es kann auch sein, dass wir nach einer Stunde schon wieder gehen werden.“

Der Vorstand der Stiftung Regensburger Domspatzen um Domkapellmeister Roland Büchner meldete sich am Freitagnachmittag zu Wort. Die im Zwischenbericht genannten Opferzahlen „erschrecken uns und wir möchten betonen, dass uns jeder einzelne Fall im Innersten berührt, zutiefst erschüttert und auch sprachlos macht“, heißt es in der Stellungnahme. Die Entschuldigung gegenüber allen Opfern von Missbräuchen und Misshandlungen in Einrichtungen der Domspatzen wird wiederholt. Insbesondere begrüßt der Vorstand, dass sich Anfang Februar das Beraterkuratorium konstituieren wird. Chormanager Christof Hartmann sagte auf Nachfrage der MZ, dass man auf einen guten Austausch mit den Opfern hoffe, um zu erfahren, „wo die Thematiken brennen“. Er verwies darauf, dass Präventionsmaßnahmen bereits seit 2010 eingeleitet und umgesetzt wurden. Das Domspatzen-Gymnasium besuchen derzeit Hartmann zufolge rund 330 Schüler, an der Grundschule sind es 110 Buben. Auf Nachwuchsprobleme angesprochen sagte er: „Jede Schule wirbt mittlerweile um Nachwuchs“. Der Stiftungsvorstands sei sich gewisse, dass „die Eltern hinter uns stehen“. Und von gegenwärtigen Domspatzen bekomme man die Rückmeldung, dass dies „eine coole Schule“ sei.

Mehr Nachrichten aus dem Ressort Bayern lesen Sie hier!

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

  • AO
    Angelika Oetken
    10.01.2016 13:48

    Unabhängige Untersuchungen können Kommissionen, die vom Staat eingesetzt und beaufsichtigt werden am allerbesten leisten. Bei ihrer Einsetzung werden etwaige Interessenkonflikte genauestens dargelegt. Irland und Australien haben schon vorgemacht wie das geht. Überlässt man dagegen die Aufklärung den Institutionen, die in die Missbrauchsgeschehen involviert sind, ggf. davon sogar profitiert haben, wäre es so, als ob Dow Chemical in Eigenregie die Katastrophe von Bophal aufklären soll. Was mag da rauskommen? Angelika Oetken, Berlin-Köpenick, eine von 9 Millionen Erwachsenen in Deutschland, die in ihrer Kindheit und/oder Jugend Opfer schweren sexuellen Missbrauchs wurden

    Missbrauch melden
  • AO
    Angelika Oetken
    10.01.2016 13:42

    Dass der Rechtanwalt Ulrich Weber, vom Weißen Ring entsandt, eine erste Untersuchung anstellt, ist ein wichtiger Teilschritt. Eine von der verantwortlichen Institution in Auftrag gegebene Aufklärung kann dabei nur Bestandteil einer wirklich unabhängigen Erforschung der Hintergründe sein. Und die muss im multiprofessionell besetzten Team unter Einbezug von ErfahrungsexpertInnen (Betroffenen) erfolgen.

    Missbrauch melden
  • AO
    Angelika Oetken
    10.01.2016 13:40

    Wenn Prävention wirken soll, dann setzt das voraus, Ursachen und Wirkungen so genau wie möglich zu untersuchen. Wie vertrauenswürdig eine Einrichtung wirklich ist, lässt sich anhand ihres Umgangs mit Krisen und Widersprüchen viel besser ablesen, als auf ihrer Homepage oder an einem ihrer Tage der offenen Tür.

    Missbrauch melden
  • JP
    Johann Peter
    08.01.2016 16:22

    Hallo ein Verwanter hat einen Sohn bei den Domspatzen der lies mich mal ein Elternmail lesen (Ablauf von Schule und Auftritten u.s.w.) da blieb mir die Spucke weg ich als Erwachsener würde das nicht auf mich nehmen die Kinder haben eine 6 Tage Woche mit regelmäßigen Domdienst sogar 7 Tage wer schreibt diese Schule ist cool ..................

    Missbrauch melden
    • CH
      Christof Hartmann 09.01.2016 09:35

      Lieber Johann Peter, kommen Sie doch mal zu uns. Wir zeigen Ihnen unser Haus, erläutern Ihnen die Abläufe und können uns gerne über die Mail unterhalten. Christof Hartmann, Chormanager, chormanagement@domspatzen.de, H. 0171-65 300 83!

      Missbrauch melden
    • AO
      Angelika Oetken 10.01.2016 13:55

      Das ist der Preis, den die Kinder dafür zahlen, Zugang zu den Kreisen zu bekommen, in denen vorteilhafte Posten und Kontakte verteilt werden. Hier und da könnte sich auch eine freundschaftliche Beziehung zu Priestern entwickeln. Was sicher für das Fortkommen und die Versorgung des KIndes und seiner Eltern nicht nachteilig ist. Wobei Mutter und Vater sich m. E. keine Sorge machen müssen, dass ihr Sohn dabei physischen Schaden nimmt. Schon die alten Griechen hatten für die Gestaltung solcher Beziehungen zwischen erwachsenen Männern und Knaben klare Regeln.

      Missbrauch melden
  • Weitere Kommentare (1) laden

Anmelden

Hinweis: Bitte schützen Sie Ihr Konto auf öffentlichen Geräten, indem Sie sich nach der Nutzung im Profil-Bereich abmelden.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht