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Oberpfalz
Samstag, 25. März 2017 16° 3

Natur

Mit wachen Sinnen durch den Wald

Menschen jagen aus ökologischen Gründen oder in der Freizeit. Die Passion entdecken immer mehr Frauen, auch in der Oberpfalz.
Von Renate Ahrens, MZ

„Nach einem Jagdkurs geht man nie wieder so durch den Wald wie vorher“, sagt Jägerin Elisabeth Schmid. Foto: jean-michel priaux-Fotolia/Ahrens

Nittenau.Die Singdrossel ist als Erstes zu hören, bald danach zwitschern auch Rotkelchen und Amsel. „Kurz vor der Dämmerung sind alle Vögel zunächst ganz still. Dann, wenn die Sonne langsam aufgeht und am Horizont die ersten Strahlen zu sehen sind, setzen sie nach und nach ein“, erklärt Elisabeth Schmid. „Das nennen wir Jäger die Morgenandacht. Es ist die schönste Stunde des Tages.“ Die 36-Jährige versteht die Sprache der Tiere des Waldes, und das muss sie auch, denn sie gibt ihr wichtige Hinweise. Die Vögel warnen vor nahendem Wild. Diese Alarmrufe werden nicht nur in der Vogelwelt verstanden, sondern von allen Tieren des Waldes.

Für Elisabeth Schmid hat sich mit ihrem Hobby, der Jagd, eine Welt erschlossen, die dem Jogger oder Radfahrer im Wald wohl für immer verschlossen bleibt. Aber eigentlich ist Jagen kein Hobby, sondern eine Lebenseinstellung, das wird schnell klar. Jäger gehen mit allen Sinnen und mit offenen Augen durch den Wald, sehen Dinge, die andere kaum wahrnehmen. „Hier ist ein Pfad der Rehe“, sagt Schmid. Tatsächlich, auf einem schmalen gewundenen Weg zwischen den Bäumen sind die Bodenpflanzen ein wenig niedergetreten. „Und hier war noch vor ein paar Stunden eine Rehmutter mit, ich glaube zwei, Kitzen zum Wiederkäuen gelegen. Dort sind sie wieder in den Wald hineingegangen“, erklärt sie und weist auf die Spuren im feuchten Boden der Lichtung. „Bestimmt haben sie von diesen Brombeerblättern genascht, das ist ihre Lieblingsspeise.“

Der Jagdhund – ein treuer Begleiter

Immer wieder bleibt die junge Frau stehen, um eine stecknadelkopfgroße Spinne zu beobachten, einen kleinen Baum mit Verbissschaden zu begutachten und weiße und blaue Blumen zu bestaunen, eine Lilienart, wie sie erklärt. „Und da ist eine Fegestelle, wo die Rehböcke ihr Geweih scheuern“, sagt sie und deutet auf eine junge Buche. Begeistert schnüffelt Falco, ihr brauner Deutsch-Langhaar, daran. Falco ist natürlich ein ausgebildeter Jagdhund, sogar mit bestandener Meisterprüfung. Er hört auf jedes Kommando und macht keinen Laut, wenn es sein muss. Normalerweise würde auch sie im Wald ganz still sein, betont Schmid, und gar nicht reden, selbst wenn sie mit einem Jagdkollegen unterwegs sei. Die Zeiten haben sich aber verändert, die Zeiten der Rehe vor allem.

Kopfschütteln über Gedankenlosigkeit

Das Freizeitverhalten vieler gedankenloser Menschen, die abseits von Wegen mit Mopeds und Quads Lärm machen und ihre Hunde von der Leine lassen, kann sie nicht verstehen. „Selbst die Reiter verlassen die Wege“, sagt sie kopfschüttelnd. Elisabeth Schmid hat selbst zwei Pferde, überhaupt ist sie mit Tieren auf dem Land großgeworden. Der Rhythmus der Natur, der Lauf der Jahreszeiten und die Sprache des Waldes, all das ist ihr von Kindheit an vertraut. Schon ihr Großvater war Jäger und hat Jagdhunde gezüchtet. Mit ihrem Mann, dem neun Monate alten Sohn und ihren Tieren wohnt sie in der Nähe von Regenstauf. Ihren Mann hat sie, anders kann es gar nicht sein, bei der Jagd kennengelernt und wurde dabei selbst von Amors Pfeilen getroffen. „Aber ich habe vor ihm mit der Jagd angefangen“, betont sie und lacht. „Wir waren schon immer ein Jagdhaushalt. Für mich war es eigentlich selbstverständlich, selbst auf die Jagd zu gehen.“ Vor zehn Jahren hat Elisabeth Schmid schließlich den Jagdschein gemacht. Damals waren unter den 20 Kursteilnehmern drei Frauen. Seitdem ist der Wald ihr zweites Zuhause. Auf dem Hochsitz hält sie nach Wild Ausschau oder streift auf der Pirsch durchs Revier. „Jagd ist ein wichtiger Teil des Tier- und Naturschutzes“, sagt sie. Das Revier muss gehegt und gepflegt werden, und dazu gehört auch der Abschuss kranker und alter Tiere.

Monokulturen verändern Lebenswelten

„Die Natur ist sehr raffiniert“, findet Otto Storbeck, Vorstand der Jägervereinigung Nittenau. Foto: jean-michel priaux-Fotolia/Ahrens

Aber die Zeiten haben sich geändert. Mit den Monokulturen, also den riesigen Raps- und Maisfeldern, und den großen Mäh- und Zuckerrübenerntemaschinen haben es Rehe und Niederwild schwer. „Hase und Fasan bleiben bis zum letzten Augenblick in Deckung, das gehört zu ihrem Fluchtverhalten“, erklärt Otto Storbeck, Vorstand der Jägervereinigung Nittenau, wo auch Elisabeth Schmid Mitglied ist. „Wo sind denn da die Tierschützer? Früher hatten wir bei einer Treibjagd 100 Fasane vor dem Gewehr, heute sind es vielleicht fünf“, sagt er empört. Es gebe zwar ein Programm, das das Mähen vor dem 15. Juni untersage, aber das sei nicht genug. Die kleinen Kitze liegen vermeintlich sicher geschützt im hohen Gras und haben keine Chance.

Als Jäger hat man also eine große Verantwortung. Elisabeth Schmids Revier in der Nähe von Nittenau, das sie sich mit drei anderen Jägern teilt, ist 140 Hektar groß. Der Abschussplan des Amtes für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten gibt jedes Jahr die Anzahl der Rehe vor, die geschossen werden dürfen. Bei Wildschweinen gibt es keine Einschränkung, sie vermehren sich zu stark. Um sie von den umliegenden Feldern abzulenken, haben die Jäger auf einer Lichtung eine Wildackermischung gesät und Süßkartoffeln, Topinambur, Mais und Kartoffeln gepflanzt. All das macht viel Arbeit. Die Jägergemeinschaft Nittenau hat im vergangenen Jagdjahr insgesamt 686 Wildschweine geschossen. Der Hund ist bei der Jagd besonders wichtig. Er muss die angeschossene Beute schnell finden, alles andere wäre Tierquälerei. Noch vor Ort wird das Wild aufgebrochen und muss möglichst schnell in die Kühlung gebracht werden. „Es gibt kein gesünderes Fleisch“, sagen die Jäger.

Der frühe Vogel

Bei beiden kommt Wildbret jede Woche in allen Varianten auf den Teller, ob als Rehsteak vom Grill, als Schnitzel oder als Rehfleischpflanzerl – man könne es genau wie Schweinefleisch zubereiten, sagt Hobbykoch Storbeck, der schon mal ein mehrgängiges Wildmenü zaubert und gerne Neues ausprobiert. „Geräucherter Dachsschinken zergeht auf der Zunge“, schwärmt er. Das Aufbrechen und das Zerlegen mache ihr gar nichts aus, erklärt Schmid. Und das frühe Aufstehen? „Oh ja, das ist schwer“, sagt sie und lacht. Daran werde sie sich nie gewöhnen. Und ist es nicht manchmal unheimlich, so allein im dunklen Wald, trotz Gewehr? Die junge Jägerin lacht nur und setzt ihren Weg fort. „Nein, nein. Ich fühle mich nirgendwo sicherer und wohler als hier, im Wald.“

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische erstmals exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

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