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Oberpfalz
Sonntag, 29. Mai 2016 28° 8

Tiere

Pferdeseuche sorgt weiter für Aufregung

Viele Westernreiter sagten die Teilnahme bei der EM in Kreuth ab – auch weil Gerüchte kursierten. Tierärzte warnen vor Panik.

Etliche Teilnehmer sagten ihren Start bei der Europameisterschaft für Westernreiter in Kreuth ab. Foto: MZ-Archiv

Kreuth.Seit mehr als einer Woche ist die Verunsicherung nicht nur unter Oberpfälzer Pferdefreunden groß. Anfang August erwischte die Meldung, die Pferdeseuche Equine infektiöse Anämie (EIA) habe die Oberpfalz erreicht, beispielsweise die Veranstalter der 26. Europameisterschaft für Westernreiter in Kreuth (Lkr. Amberg-Sulzbach) kalt und obendrein unmittelbar vor Turnierbeginn am 7. August. Der Veranstalter, die Federation of European Quarter Horse Associations (FEQHA), hielt Rücksprache mit dem Amberger Veterinäramt und entschied sich, von den Teilnehmern eine amtstierärztliche Bescheinigung zu verlangen, wonach die Pferde nicht aus einem Risikobereich kommen. Am 6. August wurde eine dementsprechende Mitteilung veröffentlicht.

Eigentlich eine Maßnahme, die das Gefühl der Sicherheit bestärken sollte, aber im Nachhinein betrachtet, befeuerte sie bereits kursierende Gerüchte wohl noch zusätzlich. Insbesondere auf Facebook machte sich nach dem Bekanntwerden des EIA-Falles im Landkreis Schwandorf Hysterie breit. Von einer hochinfektiösen Krankheit war die Rede und von einem Seuchengebiet. Die Konsequenz: ein gravierender Startereinbruch bei der noch bis Sonntag andauernden Europameisterschaft. Laut Showmanagerin Michaela Kayser waren ursprünglich rund 350 Pferde gemeldet. Letztlich angetreten seien nur 145 Pferde.

Für die Veranstalter, die wie Kayser erläutert unmittelbar nach einer Europameisterschaft schon wieder mit den Planungen für das nächste Jahr anfangen, ist der Rückzug derart vieler Starter mehr als bedauerlich. Kayser betont, dass die FEQHA sich immer nur auf die fundierten Aussagen von Fachleuten verlassen wollte – und nicht auf irgendwo heraufbeschworene Horrorszenarien. Von Seiten des Veterinäramts habe es zu keinem Zeitpunkt die Auskunft gegeben, dass das Turnier abgesagt werden müsse, weil eine Gefahr für die Tiere bestehe. Immer weiter hochgeschaukelt habe sich die Situation durch wilde Spekulationen auf Facebook. „Die Leute wussten wenig über den Infektionsweg“, stellt Kayser fest.

Die Mühe, sich fachlich zu informieren, konnten oder wollten sich einige offenbar aber auch nicht machen. Stattdessen zogen Statements, die panisch vor einer vermeintlich grassierenden Seuche warnten, schnell Kreise. Aus den Facebook-Diskussionen lässt sich ablesen, dass sich Beschimpfungen, über Reiter, die dennoch in Kreuth starten wollten, regelrecht ergossen. Der Tenor: Wer dort hingeht, ist ein Tierquäler.

Dabei treten EIA-Fälle in Deutschland immer wieder vereinzelt auf. Der Ausbruch im Landkreis Schwandorf sei von den Westernreitern allerdings „schon sehr bewusst“ wahrgenommen worden, ist Kaysers Eindruck. Dass Teilnehmer unsicher gewesen seien, ob sie tatsächlich nach Kreuth fahren sollen, könne sie nachvollziehen. Andererseits habe es auch Zuspruch gegeben, die Show abzuhalten. Für Kayser steht fest: „Es gab keine richtige Entscheidung.“ Anders gesagt: Auch wenn die Europameisterschaft abgesagt worden wäre, hätte es Kritik gehagelt.

Risiken sorgsam abwägen

Im Landkreis Schwandorf wurde um zwei Reithöfe ein Sperrbezirk eingerichtet. Foto: dpa-Archiv

Viele Veranstalter von Turnieren, Ritten oder Märkten in Ostbayern stehen derzeit vor einer ähnlichen Herausforderung. Sie müssen Risiken abwägen. Einerseits ist die EIA nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Die Krankheit ist anzeigepflichtig. Infizierte Tiere müssen getötet werden und über betroffene Höfe wird eine Quarantäne verhängt. Im Landkreis Schwandorf errichtete das Veterinäramt Sperrbezirke im Umkreis von einem Kilometer rund um zwei Reiterhöfe – einer in Trausnitz, der andere in Oberviechtach. Insgesamt drei Pferde wurden eingeschläfert. Doch Tierärzte warnen andererseits auch vor Panik. Dr. Jan-Alrik Sichert, einer der Leiter der Schierlinger Tierklinik, gehört dazu. Ihm zufolge ist das Risiko einer Ansteckung trotz der bekannten Fälle auch aktuell nicht größer als zu jeder anderen Zeit des Jahres. In den vergangenen Jahren habe es in Deutschland immer einige Fälle der infektiösen Anämie gegeben – die seien aber immer auf Importpferde zurückzuführen gewesen. Sichert fügt hinzu, das die EIA auch nicht hoch ansteckend sei, wie es oft suggeriert werde.

Equine Infektiöse Anämie

  • Verbreitung:

    „Die Equine infektiöse Anämie (EIA) oder auch Infektiöse Blutarmut der Einhufer ist eine weltweit verbreitete, virusbedingte Erkrankung der Pferde. Sie tritt regional gehäuft in Nord- und Südamerika, Afrika sowie Süd- und Osteuropa auf. In Deutschland ist das Virus nicht heimisch. In Bayern wurden 2011 zwei und 2015 bislang drei Fälle registriert (Stand 4. August 2015). Auslöser waren höchstwahrscheinlich importierte Pferde aus Osteuropa und Russland.“

  • Übertragung:

    „Die Übertragung von Pferd zu Pferd findet vor allem durch blutsaugende Insekten wie Bremsen oder Stechmücken statt. Das Virus vermehrt sich in den Insekten nicht und bleibt maximal 30 Minuten in den Mundwerkzeugen infektiös. Die zur Infektion notwendige Virusmenge wird erst durch mehrere Stiche erreicht. Eine Distanz ab 180 Meter verringert die Übertragungsgefahr wesentlich. Infizierte Pferde bleiben ein Leben lang Träger der Infektiösen Anämie.“

  • Krankheitsverlauf:

    „Wurde ein Pferd mit dem Anämievirus infiziert, dauert es zwei bis sechs Wochen, bis sich erste Symptome zeigen. Es gibt eine akute und chronische Verlaufsform. Bei der akuten Erkrankung zeigen die Pferde Fieber, raschen Gewichtsverlust, Teilnahmslosigkeit, Schwäche, Blutungen an Schleimhäuten und eine Anämie im Blutbild. Manche Pferde sterben. Erkrankt das Pferd chronisch, zeigen sich Fieberschübe und Anämie – das Pferd stirbt nicht, bleibt lebenslang infektiös.“

  • Konsequenzen:

    „In Deutschland ist die Equine infektiöse Anämie anzeigepflichtig und darf nicht behandelt werden. Wurde die Infektion mit dem Coggings-Test nachgewiesen, müssen betroffene Pferde getötet werden. Ist die Krankheit in einem Stall aufgetreten, wird dieser gesperrt. Die Sperre wird wieder aufgehoben, sobald alle infizierten Pferde getötet wurden und alle übrigen Pferde zweimal im Abstand von drei Monaten negativ auf EIA getestet wurden. (Quelle: Tierklinik Schierling)

Auch in ihrer ersten Mitteilung zu der Situation am Turnierstandort in Kreuth verwies die FEQHA bereits darauf, dass nach Rücksprache mit dem Amberger Veterinäramt ein erhöhtes Infektionsrisiko weder von der Anlage noch der Umgebung zu erkennen sei. Die Turnieranlage in Kreuth ist zudem von den beiden in der Oberpfalz betroffenen Ställen mehr als 40 Kilometer entfernt. Teilnehmer aus dem Ausland müssen eine tierärztliche Bescheinigung ohnehin mitführen. Die Veranstalter rieten verunsicherten Teilnehmern außerdem, Rat bei ihren Tierärzten zu suchen. Ein EM-Teilnehmer aus Berlin erzählt, dass er genau das getan habe. Seinen Namen will er nach wilden Diskussionen, die er erlebt hat, und nachdem es bei Teilnehmern bereits „Drohanrufe“ gegeben habe, lieber nicht in der Zeitung lesen. Er sagt, dass er, nachdem er von den Pferdeseuche-Fällen in der Oberpfalz gehört habe, ein Wechselbad der Gefühle durchlebt habe. Zuerst habe er die EM-Teilnahme absagen wollen. Dann habe er mit seinem Tierarzt gesprochen und habe sich umentschieden. Aus seiner Sicht war es die richtige Entscheidung, nach Kreuth zu kommen. Die Europameisterschaft sei für viele Westernreiter das „i-Tüpfelchen auf eine Saison“. Und: „Der Turnierplatz ist so sicher wie jeder andere auch“, ist er überzeugt. Er bedauert, dass Unwahrheiten, die insbesondere auf Facebook verbreitet worden seien, eine so große Macht entfaltet haben. Er will aus Kreuth aber auch etwas Positives mitnehmen. Er, der schon lange Jahre an der Europameisterschaft teilnehme, habe hier einmal wieder eine EM mit einem ausgesprochen familiären Charakter erlebt. „Es lief hier so ab wie eine EM vor 25 Jahren“, sagt er. Entspanntere Zeitpläne, mehr Gespräche, hoher Zusammenhalt unter den Westernreitern.

Zwischenzeitlich hat auch das Veterinäramt eine Stellungnahme für Reitsportveranstaltungen im Landkreis Amberg-Sulzbach veröffentlicht. Unter anderem heißt es dort: „Geografisch gesehen besteht zwar eine relative Nähe der Seuchenbetriebe zum Reitsportzentrum im Kreuth (Ostbayernhalle), ein Ansteckungsrisiko für Pferde, welche dort an Turnieren teilnehmen, ist jedoch als eher gering einzustufen.“ Zudem verweisen die Tierärzte darauf, dass die Entscheidung, ob Pferdehalter auf eine Turnierteilnahme verzichten sollten oder nicht, nicht durch das Veterinäramt übernommen werden könne, sondern diese müsse jeder Teilnehmer für sich selbst treffen. Im August finden in Kreuth noch ein Spring- und Dressurturnier sowie die European Point Horse Championship statt.

Schwierige Entscheidungen für Veranstalter

Die Veranstalter des Kötztinger Rosstags sehen bislang keinen Grund, die Veranstaltung abzusagen. Foto: kbd/MZ-Archiv

Eine schwierige Situation, denn andererseits können auch Veranstalter wiederum ihre Entscheidung nur auf der Grundlage von Auskünften seitens der Veterinärämter treffen. Und bei etlichen Veranstaltern spielt auch die Furcht vor Schadenersatzforderungen eine Rolle. Die Pferdefreunde Neuhaus (Lkr. Cham) sagten ihren für Sonntag angesetzten Pferderitt kurzfristig ab. Bei der Pferdeschau am Montag auf dem Neumarkter Jura-Volksfest werden heuer erstmals die Pferdepässe überprüft. Beim Kötztinger Rosstag am letzten Augustwochenende sollen rund 400 Pferde zusammenkommen. Aber für eine Absage sehen die Veranstalter von der Pferdezüchtervereinigung noch keinen Grund.

Am Donnerstag gab es immerhin schon einmal eine gute Nachricht. Die Schwandorfer Veterinäre gaben vorsichtig Entwarnung: Alle Tiere in Oberviechtach und Trausnitz wurden negativ getestet. Es gibt bislang keinen neuen EIA-Fall in der Oberpfalz. (ct)

Vergangene und aktuelle Fälle der Pferdeseuche in der Oberpfalz:

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