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Oberpfalz
Samstag, 16. Dezember 2017 5

Geschichte

Suche nach einer neuen Gedenkkultur

Jüdische Einrichtungen beklagen Desinteresse und Provokationen. In Regensburg fühlt sich die Gemeinde dagegen gut aufgehoben.
Von Eva Krafczyk, dpa und Isolde Stöcker-Gietl, MZ

Gedenksteine für ermordete Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Rendsburg sind eine Form von Erinnerungskultur.Foto: dpa

Frankfurt.Kerzen auf Stolpersteinen und vor ehemaligen Synagogen, Gespräche von Zeitzeugen und Reden, die zum Erinnern aufrufen: Das ist mittlerweile Routine an Tagen wie dem 9. November, dem Jahrestag der Pogromnacht von 1938, oder am 27. Januar dem Internationalen Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus. Alles gut gemeint, findet Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt, aber: „Gedenken allein reicht nicht.“ Die Deutschen sehen sich zwar als „Erinnerungsweltmeister“, sagt der gebürtige Israeli. Doch die ritualisierte Gedenkkultur sei an ihre Grenzen gekommen. „Eine aktive Auseinandersetzung mit der Geschichte von Nationalsozialismus und Holocaust ist heute in Deutschland dringend gefordert“, fordert Mendel.

Angriffe über soziale Medien

Es sind nicht nur die Forderungen nach einem Schlussstrich unter die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus von AfD-Politikern, die Mendel und seinen Mitarbeitern Sorge bereiten. Auch im Alltag erleben sie Angriffe über soziale Medien oder anonyme Mails, teils mit deutlich antisemitischen Tönen. Eva Berendsen, die Sprecherin der Bildungsstätte, berichtet, auf der Frankfurter Buchmesse im vergangenen Monat habe es „gezielte Provokationen und Einschüchterungsversuche durch Vertreter der Neuen Rechten“ gegeben.

In der Jüdischen Gemeinde in Regensburg sind solche Erfahrungen bislang die Ausnahme. „Natürlich sind auch wir in diesen sich verändernden Zeiten wachsam“, sagt deren Vorsitzende Ilse Danziger. „Aber wir fühlen uns in Regensburg gut aufgenommen und erfahren auch beim Bau der neuen Synagoge eine sehr starke Unterstützung in der Bevölkerung.“ Zwar erreichen die jüdische Gemeinde „vereinzelt Mails mit wenig erfreulichem Inhalt“, aber die positiven Erfahrungen überwiegen, sagt Danziger.

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Die Erinnerungskultur in Regensburg sieht die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde auf einem sehr guten Weg. Vor allem seit die Gedenktage von der Stadtführung ausgerichtet werden. Eine Wertschätzung, die der Jüdischen Gemeinde viel bedeutet. „Wir fühlen uns hier gut aufgehoben.“ Auch an den Schulen werde viel für die Erinnerungskultur getan. So nehmen die Schüler der Otto-Schwerdt-Mittelschule in Burgweinting (benannt nach dem früheren Vorsitzenden der Jüdische Gemeinde und Holocaustüberlebenden) regelmäßig an den jährlichen Gedenkfeiern am 9. November und 27. Januar (Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus) teil. Zudem finden regelmäßig Projekte zu Themen wie Holocaust und Antisemitismus statt. „Die Schule fühlt eine Verantwortung für den Namen, den sie trägt“, lobt Danziger. Auch die Realschule am Judenstein beschäftige sich regelmäßig mit Themen rund um das jüdische Leben in Regensburg. Zum Jahrestag der Progromnacht wurde gestern am Albrecht-Altdorfer-Gymnasium eine Ausstellung eröffnet, in der die Spuren von jüdischen Schülern, die vor dem Krieg an dem Gymnasium unterrichtet wurden, nachgezeichnet werden. „Es hinterlässt einen starken Eindruck, wenn sich Schüler im Rahmen von Projekten intensiv mit dem Thema Antisemitismus auseinandergesetzt haben“, ist Danziger überzeugt.

Anne Frank verhöhnt

Ganz anders die Wahrnehmung in Frankfurt. Auch im Umgang mit der in Frankfurt geborenen Anne Frank sieht Meron Mendel Anzeichen für fehlende Sensibilität. Nur wenige Wochen, nachdem in Rom italienische Ultra-Fans mit dem Konterfei des im Konzentrationslager Bergen-Belsen an den Folgen von Hunger und Krankheit gestorbenen jüdischen Mädchens die gegnerische Mannschaft verhöhnt hatten, postete ein Mann aus Wetzlar auf der Facebookseite einer rechtsnationalen Gruppe die Fotomontage eines Pizzakartons mit deren Bild. Auf dem Karton stand: „Die Ofenfrische“. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.

Selbst die eigentlich gut gemeinte Idee der Deutschen Bahn, einen ihrer neuen ICE-Züge nach Anne Frank zu benennen, macht für Mendel eine fehlende Auseinandersetzung mit der Vergangenheit deutlich: „Anne Frank wurde schließlich in Zügen der Reichsbahn nach Auschwitz und nach Bergen-Belsen deportiert.“

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