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Verlassene Orte
Donnerstag, 19. Oktober 2017 19° 4

MZ-Serie

Das Waldkulturerbe im Frauenforst

1964 verließ der letzte Förster das Forsthaus Irlbrunn. Bereits knapp 100 Jahre zuvor hatten vier Landwirte der einsamen Gegend den Rücken gekehrt.
von Isolde Stöcker-Gietl, MZ

  • Das einstöckige, aus Kalksteinen errichtete Forsthaus, dessen Dach mit Kalksteinschiefer belegt war, steht heute unter Denkmalschutz. Fotos: ig; Sammlung Schwaiger
  • Das Ölgemälde von Kurt Gerwien zeigt das Inhaus.
  • Studiendirektor a. D. Dieter Schwaiger hat den Ort Irlbrunn erforscht.
  • Eine Aufnahme des Forsthauses aus dem Jahr 1912.

Irlbrunn.Als der Förster Johann Funk im Februar 1964 die Tür zum Forsthaus Irlbrunn zum letzten Mal schloss, da war das der Mittelbayerischen Zeitung einen Bericht über „das verwunschene Forsthaus im Märchenwald“ wert. 50 Jahre ist das nun schon wieder her. Irlbrunn wurde zur „Wüstung“ und das einzige noch verbliebene Haus zu einem „verlassenen Ort“, wenngleich es die Bayerische Staatsforsten noch für Veranstaltungen nutzt und hin und wieder ein Jäger dort übernachtet. Der pensionierte Studiendirektor Dieter Schwaiger nennt das unter Denkmalschutz stehende Haus mit den markanten grünen Fensterläden ein „Waldkulturerbe“, das unbedingt schützenswert ist. Schließlich ist die einst bewohnte Lichtung im Frauenforst, die zwischen Haugenried und Kelheim liegt, voller Geschichte und Geschichten. Sogar ein Mord hat sich hier abgespielt.

Stundenlanger Schulweg

Schwaiger macht eine weite Handbewegung über die Wiesen voller Goldruten. „Dort hinten lagen die Höfe, aber von dem ursprünglichen Weiler Irlbrunn ist fast nichts mehr übrig geblieben. Nur noch ein paar Mauerreste kann man sehen.“ Jahrelang hat Schwaiger, der unter anderem Geschichte am Gymnasium in Rohr unterrichtete, über den Ort und seine Bewohner geforscht. So konnte er in seinem im vergangenen Jahr erschienenen Buch „Irlbrunn. Glashütte – Forstsiedlung – Wüstung“ dokumentieren, was für ein Leben voller Entbehrungen und Widrigkeiten die Menschen in dieser Abgeschiedenheit führten. „Die Kinder gingen morgens zwei Stunden nach Painten in die Schule und mittags wieder zurück. Zum Gottesdienst mussten die Menschen nach Kelheimwinzer und dort wurden auch ihre Toten begraben“, berichtet er über den schwierigen Alltag.

Dass sich in Irlbrunn überhaupt Menschen ansiedelten geht auf eine Glashütte zurück. 1714 wurde sie an der damals hier verlaufenden Grenze zum Herzogtum Pfalz-Neuburg errichtet. Das Damenstift Niedermünster, damals im Besitz des Frauenforstes, überließ für die Glashütte zwölf Tagwerk Wald- und Wiesengründe auf Erbrecht. Neben dem Schmelzofengebäude wurden Holzhäuser errichtet, in denen die Arbeiter lebten, erläutert Schwaiger. Die Glashütte mitten in den Wald zu bauen, hatte vor allem praktische Gründe. Man brauchte sehr viel Holz. Daneben gab es in den Juraausläufern auch Kalksteine, Sand, Ton – und Wasser. Beste Voraussetzungen also für eine Produktion ohne lange Rohstofftransporte. Etwa 50 bis 80 Personen lebten in den Unterkünften der Glashütte, hat Schwaiger ermittelt. Daneben siedelten sich vier Hofstellen an, die 1729 erstmals urkundlich erwähnt wurden. Bereits 1741 wurde die Glashütte wieder stillgelegt. Die Hütten der Glasbläser und Tagelöhner wurden abgerissen. Die Landwirte blieben zurück.

Die Bewohner wollten nur noch weg

Um 1831 lebten in Irlbrunn 20 Einwohner. Dass sie das nicht besonders gerne taten, zeigten die Bestrebungen im Jahr 1841 die Häuser und landwirtschaftlichen Flächen an den bayerischen Staat, der nun im Besitz des Frauenforstes war, zu verkaufen. „Wir sind ohnehin nicht zu beneiden, dem Weiler Irlbrunn anzugehören, wo man sozusagen von der Welt abgeschlossen ist und um sein weniges Hab und Gut der täglichen Gefahr ausgesetzt ist“, schrieben sie an das Rentamt.

Tatsächlich war das Leben mitten im Wald nicht ungefährlich. Denn auch Schwaiger stieß bei seinen Recherchen auf eine Bluttat, die sich im Frauenforst ereignete und den Förster Baron von Pilgram das Leben kostete. Er war einem Holzfrevler auf die Schliche gekommen. Dieser hatte drei Fichtenstämme geschlagen und gestohlen. Als der Förster den Mann im Wald überführen wollte, verschwand von Pilgram. Seine Leiche wurde nie gefunden. Solche schlimmen Nachrichten bestärkten die Irlbrunner in ihren Umsiedelungsgedanken. Trotzdem scheiterten zunächst die Verhandlungen über einen Verkauf der Anwesen. Man konnte sich nicht über die Kaufpreise einigen.

Das Leben ging also weiter wie bisher. Sonntags ging man in die Kirche nach Kelheimwinzer, werktags wanderten die Kinder inzwischen in die Schule nach Walddorf (heute Ihrlerstein), was nicht mehr ganz so strapaziös war.

Trotzdem packten die vier Familien auf den Höfen 1873 ihre Koffer und verließen den Ort. Die Häuser wurden aufgelassen und abgetragen. Das Gelände wurde aufgeforstet. Zurück blieb nur noch das 1867 neu errichtete Forsthaus sowie das angrenzende sogenannte Inhaus. Im Forsthaus gab es eine Schankerlaubnis. Hier kehrten nun die Holzhauer und Holzfuhrleute ein. „Und die ersten Wanderer entdeckten die schöne Gegend“, ergänzt Schwaiger. Sie kamen mit Zügen von Alling oder dem ehemaligen Bahnhof Eichhofen (heute Undorf) und machten bei ihren Wanderungen in Irlbrunn Brotzeit.

Schon als Kind habe ihn die Geschichte des Forsthauses Irlbrunn fasziniert, sagt Schwaiger, der ganz in der Nähe, in Undorf, aufgewachsen ist. Auch deshalb verfolgt der pensionierte Studiendirektor sehr aufmerksam, welche Pläne die Bayerischen Staatsforsten für das Gebäude in Zukunft haben. Es wird renoviert, eine Wasserleitung wurde verlegt, eine Kläranlage gebaut, ein Generator sorgt für Strom. Wohnen wird hier mitten im Wald aber wohl nie mehr jemand.

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