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Freitag, 15. Dezember 2017 3

Serie

„Tabula rasa“ im Münchner Untergrund

München verändert das Gesicht: An U-Bahnhöfen und Verkehrsknotenpunkten nagt der Zahn der Zeit. Die Modernisierung ist komplizierter als ein Neubau.
von Katia Meyer-Tien, MZ

Licht und Platz: So soll das Zwischengeschoss am Münchner Marienplatz ab kommendem Jahr aussehen. Simulation: SWM/MVG / Allmann Sattler Wappner

München.Ein winziges Stück einer der wichtigsten Baustellen Münchens hat es aus dem Untergrund bis über die Dächer geschafft: Drei Metallplatten, eine grau, eine blau, eine schwarz, lehnen unscheinbar an der Wand. Seltsam fehl am Platz wirken sie in diesem großen Büro im Glasbau mit Alpenblick, in dem Gunnar Heipp, Leiter des Bereichs Strategische Planung bei den Münchner Stadtwerken, viele Tage und Nächte über der Zukunft des Münchner Nahverkehrs brütet. Die drei Metallplatten gehören zu seinem aktuellen Projekt: Die Renovierung der Münchener U-Bahnhöfe.

Überraschungen lauern überall

Die ist bitter nötig. Denn die Fassade, mit der sich München an seinen zentralen Plätzen bisher Touristen und Einheimischen präsentierte, ist mehr als vierzig Jahre alt. Und damit nicht nur unmodern und teilweise unansehnlich, sondern vor allem auch marode und veraltet. Beispiel Marienplatz: Das Streusalz von dreiundvierzig Wintern hat sich hier durch den Beton gefressen, Feuchtigkeit ist in die Mauern gekrochen, die gesamte Technik ist veraltet. Nur mit einem halben Lächeln erzählt Heipp von den Überraschungen, die sich während der Bauarbeiten hinter den Wandverkleidungen fanden – nichts bedrohliches, beschwichtigt er, aber eben doch deutliche Schäden an der Tragkonstruktion und am Beton. Die hätte man nach und nach renovieren können, sagt Heipp. Doch dann wäre immer irgendwo Baustelle gewesen. Statt dessen jetzt: „tabula rasa“. Drei Jahre Großbaustelle. Und dann Ruhe für die kommenden Jahrzehnte.

Und so stehen die Touristen, die ins Münchner Zentrum wollen, derzeit erst einmal vor weißen Trennwänden. Stapfen zum Dröhnen der Presslufthämmer hindurch unter herabhängenden Kabeln und suchen sich den Weg nach draußen durch das Untergeschoss eines Kaufhauses.

„Scharch-Baustelle“, nannte die Münchner BILD-Zeitung das Zwischengeschoss am Münchner Marienplatz unlängst, schrieb von Chaos-Monaten und davon, dass Dauerbaustellen wie diese einer Metropole wie München nicht würdig seien. „Aber wir können ja nicht einfach einen Zaun um den Marienplatz stellen und alles auf einmal fertig machen“, sagt Gunnar Heipp.

Aus Sicherheitsgründen darf immer nur ein Zugang zum Zwischengeschoss gesperrt sein. Die restlichen fünf müssen offen bleiben, damit die täglich mehr als 150 000 Menschen, die hier ankommen, umsteigen und abfahren, ihren Weg nach draußen finden. Deswegen wird immer nur ein Teilabschnitt abgesperrt und saniert. Und was einfach klingt, ist hochkompliziert: „Kilometerlang“ sind die Pläne, auf denen im Detail festgelegt wird, was wann wo von wem gemacht wird, erzählt Heipp. Schließlich kann man, beispielsweise, einen Fahrkartenautomat nicht einfach mal in eine andere Ecke schieben: da müssen Datenkabel neu verlegt und die Stromversorgung sichergestellt werden. Fahrstühle, Rolltreppen, Zuganzeigen, all das muss – zumindest teilweise – jederzeit zugänglich sein. Und funktionieren.

Auch können Baustellengerät und Ersatzteile nicht einfach durch die Fußgängerzone und über den belebten Marienplatz gebracht werden, das geht nur nachts und auch nur auf einer kleinen Fläche. „Ein kompletter Neubau wäre viel einfacher. Und schneller“, sagt Heipp und seufzt ein wenig. Aber nur ein wenig, denn die BILD -Zeitung ist mit ihrer Kritik recht allein: Die meisten, erzählt Heipp, hätten Verständnis. Und freuten sich sogar über die Renovierung. Denn am U-Bahnhof Münchner Freiheit und am Hauptbahnhof kann man schon erahnen, wie sich das Sperrengeschoss am Marienplatz künftig präsentieren wird. Die beiden Bahnhöfe sind bereits fertig saniert, modern, hell und offen. Und bekommen viel Lob, auch von Fachleuten. Was Heipp sehr stolz macht: Die Urkunde vom letztjährigen „European Rail Congress“, bei dem der Gesamtplan für den Umbau der Münchener U-Bahnstationen ausgezeichnet wurde, steht neben seinem Schreibtisch.

Planer wollen Licht und Platz

Auch am Marienplatz setzen Heipp und sein Team auf viel Licht und Platz: Dort, wo vorher viele kleine Buden standen, entsteht jetzt unter einer orangeroten Decke ein offener Raum, die Verkaufsflächen rücken an die Seiten. Im kommenden Jahr soll alles fertig sein, bisher läuft es gut, Heipp ist voll im Zeit- und Kostenplan. 30 Millionen Euro kostet der Umbau.

Und das ist wenig, verglichen mit dem nächsten Projekt, dass Heipp schon jetzt beschäftigt: Die Metallplatten, die in seinem Büro an der Wand lehnen, sind Muster für die neue Wandverkleidung am U-Bahnhof Sendlinger Tor. Hier kreuzen sich zehn Linien von U-Bahn, Tram und Bus, die Fahrgastzahlen haben sich seit 1980 verdreifacht. In etwa drei bis vier Jahren soll hier der Startschuss für eine neue Mega-Baustelle fallen: Auf drei Ebenen wird die Station modernisiert, barrierefrei ausgebaut und umgestaltet.

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