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Bayern
Freitag, 30. September 2016 24° 1

Abzocke

Unseriöse Geschäfte mit Altkleidern

Illegal aufgestellte Sammelcontainer für Altkleider überschwemmen Niederbayern und die Oberpfalz. Unseriösen Firmen geht es um das schnelle Geld.
Von Fritz Winter, MZ

Altkleider und Schuhe sollte man nur in Container werfen, die von seriösen Hilfsorganisationen aufgestellt worden sind. Foto: Fotolia

Regensburg.Für den Regensburger Rechtsreferenten Wolfgang Schörnig ist es ein „regelrechter Tsunami“. Seit Monaten werden die Städte und Landkreise in Bayern von illegal aufgestellten Sammelcontainern für Altkleider und für Schuhe überschwemmt. In ganzen Straßenzügen stellen dubiose Firmen Sammelkörbe oder Pappkartons auf und betteln um gebrauchte Kleidung.

Skrupel haben die Sammelunternehmen nicht. Sie platzieren ihre Container auf Privatgrund oder auf dem Grund der Städte und der Landkreise, ohne zuvor um Erlaubnis zu fragen. Wer sich darüber beschweren will, läuft ins Leere. „Die Firmen beantworten keine Briefe, am Telefon läuft höchstens ein Anrufbeantworter, wir können nicht einmal Bescheide zustellen“, sagt Schörnig.

Die Spenden kommen nicht an

Die Container stehen vor Kirchen oder bei Altpapier-Sammelstellen, neben Kindergärten oder Feuerwehrhäusern. Geworben wird damit, dass Kinder in Rumänien oder in Afrika mit Kleidern und Schuhen unterstützt werden. Doch bei den Bedürftigen kommen die Spenden nie an. Vielmehr verkaufen die geschäftstüchtigen Unternehmen die gebrauchten Sachen in die ganze Welt. Mittlerweile steckt hinter Altkleider-Sammlungen ein Millionen schwerer Markt. Das Geschäft boomt.

Auf rund 600000 Tonnen Altkleider bringen es die Deutschen pro Jahr. Ein gutes Drittel davon ist nach Schätzungen in tragbarem Zustand. Wer Kleider spendet, schafft nicht nur Platz in den Schränken, er hat auch das Gefühl, ein gutes Werk getan zu haben. Das wird ausgenutzt. Eine Tonne Schuhe bringt den illegalen Kleidersammlern rund 1000 Euro, eine Tonne Altkleider je nach Qualität zwischen 300 und 450 Euro. Der Gesamtmarkt wird auf 350 Millionen Euro im Jahr geschätzt. Viele der Kleider werden auf afrikanischen Märkten verkauft.

Vorschub geleistet hat der illegalen Abzocke nach den Worten von Wolfgang Schörnig eine Novellierung des Kreislaufwirtschaftsgesetzes. „Wer eine gewerbliche Altkleidersammlung durchführen will, braucht dafür heute keine Genehmigung mehr“, sagt er. Eine Anzeige genügt. Davon seien in den ersten Monaten des Jahres schon mehr als 40 bei der Stadt Regensburg eingegangen. Ob die Sammlung überhaupt durchgeführt werde, wisse man nicht. „Wir haben keinen Außendienst, der das kontrollieren könnte“. Viele Container und Körbe würden auch illegal aufgestellt. Bis die Stadtverwaltung dies merke, sind sie laut Schörnig häufig schon wieder weg. Container, die ohne Sondernutzungsgenehmigung aufgestellt würden, könne man zwar entfernen lassen. Aber das kümmert die Altkleider-Haie nicht. Im schlimmsten Fall, so klagen die Kommunen, bleibe man dann auch noch auf den Transportkosten sitzen, weil die Betreiberfirmen nicht greifbar seien. „Die nehmen diesen Schwund einfach hin, weil sich die Sammlung schon gelohnt hat“, sagt ein Insider, der die Branche kennt.

Jüngstes Beispiel: Über Nacht wurde auf dem unbebauten Grundstück der Familie P. (Name geändert) neben dem Feuerwehrhaus von Büchelkühn (Stadt Schwandorf) ein illegaler grüner Sammelcontainer für Altkleider und Schuhe aufgestellt. Ein Aufkleber weist auf die Firma KSB in Berlin hin. Von diesem Unternehmen hatte die Familie noch nie etwas gehört. Sie war auch nicht um Erlaubnis gefragt worden. Mehrfach rief Josef P. die angegebene Telefonnummer an. Jeweils vergeblich. Auch die Polizei konnte nicht helfen. Einschreiten könne man nur, wenn Gefahr in Verzug sei. Man riet der Familie, der Firma schriftlich eine Frist zum Abtransport des Containers zu setzen, ihn dann notfalls selbst entfernen zu lassen und die Kosten in Rechnung zu stellen.

Auch die Stadt Schwandorf selbst ist betroffen. Ein Sammelbehältnis steht in Dachelhofen, bestätigte Pressesprecher Lothar Mulzer. Man werde den Container nach angemessener Frist entsorgen lassen. Den Bürgern riet Mulzer, nichts einzuwerfen. „Es gibt genug seriöse Sammelstellen.“

Geld fehlt seriösen Organisationen

Den etablierten Hilfsorganisationen sind die Altkleider-Abzocker ein großer Dorn im Auge, so Sepp Zenger, BRK-Kreisgeschäftsführer in Regensburg. Alleine im Landkreis kenne man 13 Standorte illegal aufgestellter Container, darunter in Neutraubling, Nittendorf, Lappersdorf, Donaustauf, Wenzenbach oder Barbing. Für die Stadt habe man keine konkreten Zahlen, es seien aber nicht wenige.

Das Rote Kreuz, die Johanniter, der Arbeiter- und Samariterbund und andere Organisationen wirtschafteten nicht in die eigene Tasche, so Zenger. Ein Teil der gesammelten Bekleidung gehe in die Kleiderkammern oder werde auf Flohmärkten verkauft. Die Erlöse aus dem Verkauf oder dem Recycling fließen ausschließlich in die ehrenamtliche Tätigkeit. Vor allem Ausrüstung für die Helfer werde von dem Geld angeschafft.

Die Hilfsorganisationen registrieren eine deutliche Umsatzeinbuße bei der Altkleidersammlung. Dies sei auf Recyclingsysteme von Unternehmen, aber auch auf die illegalen Sammlungen zurückzuführen. Der Erlös jedes Kleidungsstücks, das nicht seriösen Sammlern gespendet werde, fehle den Hilfsorganisationen bei der ehrenamtlichen Arbeit.

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