mz_logo

Amberg
Dienstag, 17. Oktober 2017 21° 4

Jahresrückblick

Modetraum in Trümmern

Eine Textilfabrik in Bangladesch wurde im April für mehr als 1100 Menschen zur Todesfalle. Doch westliche Modeketten hatten teils ganz andere Sorgen.
von Kristina Hartung, MZ

Es sind vor allem Frauen, die in Bangladesch billige Kleidung für westliche Modefirmen nähen – und dafür einen hohen Preis bezahlen. Der Einsturz einer Textilfabrik im April hat immerhin ein Abkommen für mehr Sicherheit angestoßen. Foto: dpa

Dhaka.Die Betonböden stapeln sich wild übereinander wie schlecht sortierte Legoplatten. Eine zerstörte Treppe liegt nutzlos im Schutt aus Stahl, Steinen und Stoffballen. Wenige Meter entfernt ziehen zwei Helfer an den Füßen eine Leiche aus den Trümmern – es ist eine von 1133. Die meisten Opfer sind Frauen, die Kleidung für Europa und die USA nähten. Der Einsturz des neunstöckigen Gebäudes „Rana Plaza“ in Bangladesch ist der traurige Höhepunkt einer Serie und das schlimmste Fabrikunglück in der Geschichte des Landes. 2500 Menschen werden bei der Katastrophe am 24. April verletzt.

Der Textilindustrie schadete das nicht. Sie ist der wichtigste Wirtschaftszweig im Niedriglohnland Bangladesch. 50 Euro pro Monat beträgt der Mindestlohn in der Branche, in der vor allem Frauen arbeiten. „Der Export von Textilien wird weiter ansteigen, weil die Arbeitskosten hier so niedrig sind“, sagt Atiqul Islam, Präsident des Verbandes der Textilproduzenten und -exporteure in Bangladesch. Die Zahlen geben ihm Recht: Im dritten Quartal 2013 stieg der Wert der Ausfuhren an Strickwaren und Webwaren um jeweils etwa ein Viertel im Vergleich zum Vorjahreszeitraum an.

Texitilindustrie wird transparenter

Die schweren Unglücke haben immerhin ein Abkommen für Brandschutz und Gebäudesicherheit (Accord on Fire and Building Safety in Bangladesh) angestoßen. Am 13. Mai wurde es unterzeichnet. Accord, so heißt auch die Institution, die darauf achtet, dass das Abkommen umgesetzt wird. Sie führt nun eine genaue Liste. Name, Adresse, Telefonnummer, Stockwerke, Anzahl der Beschäftigten: Auf 33 Seiten werden rund 1600 Textilfabriken genannt – die Arbeitsstätten von mehr als zwei Millionen Menschen, die bisher einem großen Sicherheitsrisiko ausgesetzt waren. Das Verzeichnis ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu mehr Transparenz in der Lieferkette. „Die Liste zeichnet eine Karte der Textilindustrie in Bangladesch, wie es sie bisher nicht gab“, sagte Sean Ansett, der Interimschef des Accord, im Oktober.

Bei der Auswahl der Fabriken, die seitdem von Sicherheitsexperten inspiziert wurden, spielt die Liste eine Schlüsselrolle. Mindeststandards wurden festgelegt, internationale Inspektorenteams zusammengestellt. Die Tageszeitung Dhaka Tribune berichtete im November, dass derzeit alle exportorientierten Textilfirmen des Landes auf Sicherheitsmängel untersucht würden. Auch aus den Abnehmerländern wurde Druck auf die Produzenten erzeugt. Europäische Firmen wie H&M, Primark, C&A, Aldi, Lidl und Kik stellten sich hinter das verbindliche Abkommen. Andere blieben außen vor, etwa Gap oder der weltgrößte Einzelhandelskonzern Walmart.

Der tiefe Fall des Labels A&F

Ganz andere Sorgen hatte in den vergangenen Monaten die US-Firma Abercrombie & Fitch (A&F). Sie unterzeichnete zwar das Abkommen für mehr Arbeitssicherheit in Bangladesch, sorgte aber abgesehen davon vor allem für negative Schlagzeilen: A&F erlitt durch fragwürdige Geschäftspraktiken einen massiven Image-Schaden – und kassierte im Herbst die Quittung: Der Umsatz schrumpfte um 12 Prozent im Vergleich zum Vorjahresquartal auf 1 Milliarde Dollar (740 Millionen Euro). Die Aktie ging auf Talfahrt. Die jungen Käufer hätten sich zurückgehalten, erklärte Firmenchef Mike Jeffries. Ausgerechnet auf die hat es das Unternehmen abgesehen: Jung, schlank und cool soll sein, wer in Klamotten von A&F schlüpft. Die Verkäufer in den Filialen – durchtrainiert und leicht bekleidet – verkörpern das Schönheitsideal. Der Einkauf in den abgedunkelten Geschäften soll an einen Clubbesuch erinnern: Laute Musik dröhnt aus den Boxen, Parfümschwaden liegen in der Luft. Große Größen werden erst gar nicht verkauft, für Frauen endet das Sortiment bei „Large“. „Grenzen wir damit Menschen aus? Klar!“, hatte Jeffries einmal in einem Interview gesagt. Das Zitat löste im Internet massive Kritik aus.

Der Protest erreichte im Mai 2013 unter dem Stichwort „Fitch the Homeless“ (dt.: „Kleidet Obdachlose mit Fitch ein“) seinen Höhepunkt. Der Filmemacher Greg Karber rief in einem Video auf der Online-Plattform YouTube dazu auf, A&F-Kleidung an Arme zu verschenken. Damit wollte er dem Label einen Denkzettel verpassen. Der Clip verbreitete sich im Web. In den sozialen Netzwerken Facebook und Twitter zeigten Nutzer, wie sie ihre Markenhosen, -T-Shirts und -hemden in die Altkleidersammlung brachten. Einige Wochen später war die Protestwelle vorbei – und mit ihr der Höhenflug der Kultmarke A&F.

Die Marktforscher von YouGov stuften das Label wie auch seine Tochtermarke Hollister im Markenmonitor zuletzt am unteren Ende der Image- und Beliebtheitsskala ein. „,Abercrombie & Fitch‘ hat es übertrieben“, heißt es in dem Trendbarometer. Neben dem Exklusitivätsgebaren seien dafür auch Berichte über die Produktionsbedingungen verantwortlich. Der einzige Auslöser war dies aber nicht: Andere Billigketten wie C&A oder H&M, die ebenfalls in Niedriglohnländern wie Bangladesch produzieren lassen, blieben im Markenbarometer stabil.

In den Filialen von Abercrombie & Fitch gelten strenge Vorschriften: Taschen und Jacken der Mitarbeiter wurden durchsucht. Wer zur Toilette wollte, musste sich abmelden – angeblich, weil Klotüren beschädigt wurden. Der A&F-Ableger Hollister bekam es deshalb in Frankfurt mit dem Betriebsrat zu tun. Im April einigte man sich auf Kontrollen nach dem „Würfelprinzip“: Wer eine Vier würfelt, wird überprüft. Im August stellte das Unternehmen die Klo-Kontrollen ein. Der Imageverlust hatte indes unternehmerische Konsequenzen: Die Firma musste nach konzernweit schwachen Verkäufen die Läden ihrer Unterwäsche-Marke Gilly Hicks schließen.

Billigmode hat einen hohen Preis

Wer sich Abercrombie & Fitch nicht leisten wollte, kaufte vielleicht lieber bei H&M ein – oder bei Primark. Zehn deutsche Filialen betreibt der Textildiscounter. Durch deren enge Gänge strömen Jugendliche, wühlen sich hastig durch die Klamotten und suchen nach ihrer Größe. Der Exklusivitätsgedanke spielt hier keine Rolle. Die Mode von Primark ist vor allem eins: billig. Hosen und Tops für zehn Euro, Pullis für zwölf Euro, Mützen für vier Euro: Primark nimmt seinen Slogan „Look Good, Pay Less“ (engl.: „gut aussehen, weniger zahlen“) wörtlich.

Den Preis zahlten die Näherinnen im zerstörten „Rana Plaza“. Denn auch Primark ließ hier Kleidung produzieren. Die T-Shirts und Kleider des Labels lagen zwischen den Trümmern der eingestürzten Fabriken. Der britisch-irische Konzern war allerdings der erste, der wenige Tage nach der Katastrophe Hilfe versprach. Er schickte ein Team nach Bangladesch, arbeitete mit den Organisationen vor Ort zusammen, zahlte Sofortgelder.

Acht Monate später legte Primark gemeinsam mit drei internationalen Einzelhandelsketten einen Entschädigungsfonds mit einem Gesamtumfang von 40 Millionen Dollar (29 Millionen Euro) auf. Er soll den Hinterbliebenen der Todesopfer zugute kommen – und den Menschen, die bei dem Unglück verletzt wurden. Viele von ihnen werden den Rest ihres Lebens auf Hilfe angewiesen sein.

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht