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Montag, 18. Dezember 2017 1

NSU-Opfer

Ermittler vermuteten Mafia-Verbindungen

Jahrelang tappte die Kripo bei der Aufklärung der NSU-Morde im Dunkeln. Statt einen rechtsextremen Hintergrund vermuteten sie Mafia-Verwicklungen.

Ein Plakat der NSU-Opfer hängt am Samstag (25.08.2012) auf dem Neuen Markt vor dem Rathaus in Rostock. LKA-Akten zeigen, dass die Ermittler über dunkle Geschäfte der Opfer spekulierten. Foto: dpa

Nürnberg. Bei der Aufklärung der Morde an den neun Kleinhändlern türkischer und griechischer Herkunft ist die Kripo jahrelang davon ausgegangen, dass die Opfer Kontakte zu einer süd- oder osteuropäischen mafia-artigen Organisation hatten. Das geht aus Ermittlungsunterlagen des Landeskriminalamtes (LKA) Baden-Württemberg hervor, die der Nachrichtenagentur dpa in Nürnberg vorliegen. Dass die Täter aus dem rechtsextremistischen Spektrum stammten, schlossen sie nach den Ermittlungsunterlagen weitgehend aus.

In einer „Fallanalyse“ eines baden-württembergischen LKA-Beamten von Ende Januar 2007 für die Nürnberger Soko „Bosporus“ heißt es: „Alle neun Opfer hatten Kontakte zu einer Gruppierung, die ihren Lebensunterhalt mit kriminellen Aktivitäten bestreitet und innerhalb derer zudem ein rigider Ehrenkodex bzw. ein rigides inneres Gesetz besteht“. Weiter heißt es in der „Zusammenfassenden Charakterisierung der Fälle“: „Im Laufe der „Zusammenarbeit“ begingen die Opfer vermutlich einen Fehler, der für die Opfer hinsichtlich seiner Bedeutung nicht erkennbar war. Aufgrund dieser für die Täter bedeutsamen Verletzung eines Ehrenkodexes bzw. Wertesystems wurden in der Tätergruppierung jeweils Todesurteile gefällt und vollstreckt.“

Anwalt der Opferfamilien empört

In der „Fallanalyse“ wird aber auch nicht ausgeschlossen, dass es zwischen den späteren Opfern und der mafiaartigen-Gruppierung zu finanziellen oder geschäftlichen Konflikten gekommen ist. „Möglicherweise wollten sich die Opfer wieder aus einem angelaufenen Geschäft zurückziehen, möglicherweise legten die Opfer Verhaltensweisen an den Tag, durch welche sich die Täterseite bedroht oder andersweitig provoziert sah.“

Dafür, dass es sich bei dem Täter nicht um einen Deutschen handelt, hatte der Fallanalytiker beim LKA Baden-Württemberg auch aus der Brutalität der Morde an den neun türkischen und griechischen Kleinunternehmern abgeleitet: „Vor dem Hintergrund, dass die Tötung von Menschen in unserem Kulturraum mit einem hohen Tabu belegt ist, ist abzuleiten, dass der Täter hinsichtlich seines Verhaltenssystems weit außerhalb des hiesigen Normen- und Wertesystems verortet ist“. Möglich sei auch, dass der Täter Kriegserfahrungen hatte.

Mit Empörung reagierte am Wochenende der Berliner Anwalt Mehmet Daimagüler, der zwei Opferfamilien vertritt, auf den Inhalt der Ermittlungsakten. Die LKA-Analyse offenbare ein „rassistisches Gedankengut, das bei den Beamten zu einem extremen Tunnelblick und einseitigen Ermittlungen bei der Suche nach den Mördern der Getöteten geführt hat“, sagte er.

Für die Morde an den neun Kleinunternehmern machen die Sicherheitsbehörden inzwischen die rechtsextreme Organisation „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) verantwortlich. Auf das Konto der Zwickauer Terrorzelle soll neben den tödlichen Schüssen auf die neun Kleinunternehmer türkischer und griechischer Herkunft auch die Tötung einer deutschen Polizistin gehen. Seitdem sind die Sicherheitsbehörden massiven Vorwürfen ausgesetzt. Auch mehrere Untersuchungsausschüsse im Bund und auf Länderebene beschäftigen sich seit Monaten mit möglichen Ermittlungspannen bei der Suche nach den Tätern. (dpa)

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