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Schule

Arbeitslose Lehrer – trotz Bestnoten

Viele angehende Gymnasiallehrer bekommen zum Halbjahr keinen Job – trotz guter Noten. Betroffene schildern, wie es ist, wenn Hoffnungen platzen.
Von Maria Gruber, MZ

Die Zukunftsperspektiven – auf einen Schlag weggewischt: Viele angehende Gymnasiallehrer stehen gerade vor dem Nichts – trotz guter Noten. Foto: dpa

Regensburg.Claudia F. (Name von der Redaktion geändert) steht vor dem Nichts. Sie hoffte, wie so viele ihrer Kollegen, auf eine Anstellung nach Ende ihres Referendariats am 14. Februar. Deshalb bewarb sich dich 28-Jährige schon im Oktober bei mehr als 60 verschiedenen Gymnasien bzw. erkundigte sich, ob es zum Februar 2014 Bedarf an Lehrern mit ihrer Fächerkombination gibt. Das Ergebnis: Mehr als 60 Absagen. Doch damals hatte sie noch Hoffnung. Bis Freitag. Als das bayerische Kultusministerium die fächerspezifischen Einstellungzahlen für das Gymnasium bekanntgab – und klar wurde, dass viele, ja sogar sehr viele Referendare mit guten oder sehr guten Abschlüssen keine Planstelle bekommen werden.

Im Seminar von Claudia F. hat nur einer der 15 Referendare eine ergattert. Der Rest ging leer aus. Nicht etwa, weil die Betroffenen schlechte Noten hätten. Im Gegenteil: „Leute bekommen keine Stelle, obwohl sie einen Schnitt von 1,4 haben“, erzählt Claudia F. Dass es für sie nicht einfach werden würde, zum Halbjahr eine Stelle zu finden, war ihr klar. Dass sie aber mit einem Schnitt von 2,4 weder Planstelle oder Angestelltenvertrag erhält noch als Aushilfe oder mobile Reserve arbeiten kann, hätte sie nicht erwartet. Ebensowenig, dass so viele betroffen sind.

Tatsächlich werden im Februar nur 20 Prozent der fertigen Referendare, also etwa 170 Bewerber, eine Stelle erhalten. Dass unter den Abgelehnten nun auch etliche mit besten Prüfungsnoten sind, will Philologenchef Max Schmidt nicht in den Kopf: „Es ist ja wahrlich nicht so, dass wir die jungen Kolleginnen und Kollegen nicht gebrauchen könnten.“ Jeder Einzelne würde gebraucht, bekräftigt BLLV-Präsident Klaus Wenzel. „Doch sogar Referendare mit einer glatten Eins im Zeugnis werden auf die Straße geschickt.“ Das ohnehin gebeutelte Gymnasium werde nun weiter massiv geschwächt, so Wenzel. Dabei hätte es zusätzliches Personal dringend nötig. Was jetzt passiere, sei ein Schlag ins Gesicht für alle Nachwuchslehrer.

„Die meisten von uns werden auf lange Sicht nicht Fuß fassen“, sagt Michael A. (Name geändert). Von 15 Leuten in seiem Seminar bekommen vier eine Planstelle. „Kollegen mit einer 1,9 haben nichts bekommen“, sagt der 29-Jährige. Und auch er wird mit einem Schnitt von 2,4 am 14. Februar aus dem Staatsdienst entlassen. „Wir sind Zeitarbeiter, arbeiten zwei Jahre lang als Referendare sehr viel und verdienen wenig – und stehen danach auf der Straße.“ Doch der gebürtige Amberger kann zumindest auf ein Angestelltenverhältnis hoffen. Denn heute hat er ein Vorstellungsgespräch und kämpft mit vielen anderen um einen befristeten Vertrag. Sollte er die Stelle überhaupt bekommen, steht er damit am 1. August jedoch wieder mit leeren Händen da und muss Hartz IV beziehen, sollte er keine anderweitige Beschäftigung finden. Dabei will er doch, wie Claudia F. auch, Fuß fassen – in dem Beruf, für den er so lange studiert und geschuftet hat.

„Man wird ganz klar hinters Licht geführt

Doch auch im nächsten Schuljahr sieht es nicht gut aus für die Referendare. Denn zum 1. August werden 371 Lehrerplanstellen gestrichen. Und das, obwohl die CSU mit der Bildungspolitik noch kräftig Wahlkampf gemacht habe, sagt Claudia F.: „Vor der Landtagswahl hat die Staatsregierung viel Geld ins System gepumpt und fleißig Lehrer eingestellt.“ Im Wahlprogramm der CSU steht zudem, dass der Personalstand im Gegensatz zu anderen Bundesländern nicht zurückgefahren werden solle. „Wir garantieren vielmehr den bayerischen Schulen, dass auch bei sinkenden Schülerzahlen die frei werdende Lehrerstellen vollständig im Bildungssystem belassen werden“, steht auf Seite 12 des „Bayernplans“. „Hier wird man doch ganz klar hinters Licht geführt“, sagt Claudia F. Für Michael A. kommt der Staat seiner Fürsorgepflicht, die er Beamten gegenüber hat, nicht nach.

Henning Gießen, stellvertretender Pressesprecher des Kultusministeriums, sieht das naturgemäß anders: „Seit 2008 hat Bayern 5800 zusätzliche Lehrerstellen in allen Schularten geschaffen“, sagt er. Bei der demographischen Rendite – so nennt sich die Zahl von Lehrerstellen, die, gemessen an der sinkenden Schülerzahl gestrichen werden müsste – sei lediglich versprochen worden, so viele Lehrerstellen wie möglich zu behalten. So hätten rein rechnerisch mehr als 371 Stellen gestrichen werden müssen, erklärt Gießen. Denn tatsächlich habe man fast 500 Stellen im System gehalten, obwohl die demografische Rendite höher gewesen wäre.

Zu der Tatsache, dass so viele Referendare mit hervorragenden Noten ohne Job dastehen, sagt Gießen nur: „Das Phänomen, dass sich die Einstellungssituation für die Absolventen der Studienseminare je nach Fächerkombination höchst unterschiedlich gestalten, gibt es schon seit vielen Jahren.“ Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) verweist auf den „kleinen Einstellungstermin“ im Februar. Der große Termin finde dann im Herbst statt. „Wir haben zurzeit wahnsinnig viele Referendare.“ In Gymnasien und Realschulen sei der Bedarf an Lehrern für Mathe und Naturwissenschaften groß, jedoch nicht bei den Sprachen und Geisteswissenschaften. In Mittel- und Berufsschulen seien die Einstellungsmöglichkeiten größer. Abiturienten, die sich für ein Lehramtsstudium interessieren, sollten die offizielle Lehrerbedarfsprognose anschauen.

Der Rat: Den Blick öffnen

Ministeriumssprecher Gießen rät den Referendaren ohne Job, den Blick zu öffnen – in andere Bundesländer oder andere Schularten wie etwa Privat- und kirchliche Schulen, bei denen man sich bewerben könne. Christine L. (Name geändert) hat es so gemacht – oder musste es besser gesagt so machen. Die 29-Jährige aus dem Landkreis Neumarkt schloss ihr Referendariat 2012 ab, bekam keine Planstelle und arbeitete deshalb erst als Schwangerschaftsvertretung an einem Gymnasium, seither aber stets an Schulen, für die sie nicht ausgebildet wurde: Als mobile Reserve an einer Mittelschule und seit einiger Zeit als Lehrerin an einer Wirtschaftsschule. Sie schreibt nach wie vor Bewerbungen. Bisher waren es 100 pro Halbjahr. Denn sie will nach wie vor zurück ans Gymnasium.

So wie Claudia F. Sie hat sich – wie innerhalb kürzester Zeit mehr als 3000 weitere Betroffene – einer Facebook-Gruppe angeschlossen, die nun versucht, die Öffentlichkeit zu mobilisieren. Und die 28-Jährige schreibt weiter Schulen an – bisher dürften es über 200 Gymnasien und etwa 30 Fach- und Berufsoberschulen gewesen sein – bayernweit. Bisher waren all ihre Bemühungen vergeblich. Keine der Schulen hatte eine Stelle für sie. Und nun? Eine Freundin habe sich an einem Gymnasium in Berlin beworben und innerhalb eines Tages einen Vertrag bekommen. Nach Berlin gehen? Claudia F. lebt in Mittelfranken – auch deswegen, weil ihr Freund hier arbeitet. Jetzt alles aufgeben? Oder vielleicht doch kellnern, um Hartz IV zu entgehen? Die 28-Jährige weiß noch nicht, wie es weitergeht. Sie muss jetzt erst einmal verdauen, dass ihre Zukunft wie ein Kartenhaus zusammengefallen ist.

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