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Geschichte

Besatzungskinder suchen ihre Väter

Tausende Kinder alliierter Soldaten und deutscher Mütter kamen in der Nachkriegszeit zur Welt. Die Organisation GI Trace will bei der Vatersuche helfen.
Von Gioia Forster, dpa

Teilnehmer stellen am 26. Oktober im Bundestag in Berlin Fragen an eine Expertenrunde. Bei der von der Organisation „GI trace“ initiierten Veranstaltung unter dem Motto „Besatzungskinder – Vater gesucht“, bekommen Menschen Hilfe bei der Suche nach ihren Vätern die als Infanteristen der Streitkräfte der Vereinigten Staaten (GI) in Deutschland stationiert waren. Foto: Florian Schuh/dpa

Berlin. Helmut Bauer war immer schon ein Fan von Country-Musik. Vor allem vom US-Sänger Little Jimmy Dickens. „Ich hab nicht gewusst, wieso mir das so g’fallt“, sagt der gebürtige Österreicher. Als er Jahrzehnte später die Familie seines biologischen Vaters kennenlernte, wusste er warum: Sein amerikanischer Vater liebte auch Country-Musik, zog sogar mit Little Jimmy Dickens durch die Bars. „Vielleicht habe ich da ein Gen mitgekriegt“, sagt Bauer lachend.

Helmut Stanley Bauer ist ein sogenanntes Besatzungskind. Als Kind einer österreichischen Mutter und eines US-Soldaten wurde er 1949 in Linz geboren. Seinen leiblichen Vater hat er nie kennengelernt.

Allein in Deutschland gibt es nach Schätzungen der Universität Leipzig zufolge rund 200 000 Besatzungskinder. Und viele lässt die Frage nach ihrer Herkunft ihr Leben lang nicht los.

Erstes Deutschlandtreffen von GI Trace

Am Samstag nahm Bauer mit rund 40 anderen Besatzungskindern im Reichstag am ersten Deutschlandtreffen der ehrenamtlichen Organisation GI Trace teil. Die Organisation ist eine der wenigen, die Besatzungskindern von US-Soldaten durch Kontakte und Rat hilft, ihre biologischen Väter aufzuspüren. „Man will wissen, wo man hingehört“, sagt Ute Baur-Timmerbrink von GI Trace Deutschland und Österreich, die selber ein Besatzungskind ist.

„Als ich anfing zu suchen, 1999: Ich hatte keine Hilfe – von niemandem“, erinnert sich Baur-Timmerbrink. Erst mit GI Trace, mit Hilfe von Zeitungsartikeln und dem Internet werde den Betroffenen bewusst: „Es gibt Hilfe. Es gibt eine Adresse und die gab es vorher nicht.“ Das sei einer der Gründe, warum viele erst jetzt, Jahrzehnte nach Kriegsende, ihre Väter suchen.

Einsicht in die US-Militärpersonalakten wurde vereinfacht

Gudrun Albrecht, kurz nach dem Krieg 1946 in Oberbayern geboren, begann 1988 mit ihrer Suche nach ihrem GI-Vater. Als Kind hatte sie den Namen und den Geburtsort einmal aufgeschnappt. „Später hat meine Mutter nichts mehr zu der Sache gesagt“. Das machte die Suche fast unmöglich, also gab sie vorerst auf.

Erst in den letzten Jahren wurde die Einsicht in die US-Militärpersonalakten vereinfacht. Niels Zussblatt, Archivar im National Personnel Records Center in St. Louis, USA, kann schon allein mit dem Namen des Soldaten die richtige Akte finden. Doch bei tausend „War babes“-Anfragen pro Jahr und 55 Millionen Akten – fast alle auf Papier und Mikrofilm – koste das viel Zeit.

Das Thema Besatzungskinder ist auch ein „politisches Thema“, meint die Bundestagsabgeordnete Mechthild Rawert (SPD), die Gastgeberin des Treffens im Fraktionssaal der SPD am Samstag. Es gäbe keine systematisierte Suche, und vor allem in Frankreich, Großbritannien und Russland sei das Einsehen von Akten noch nicht möglich. Obwohl GI Trace eigentlich für Besatzungskinder amerikanischer Soldaten vorgesehen ist, bekommt Baur-Timmerbrink auch viele Anfragen von Kindern französischer, britischer oder russischer Besatzungssoldaten. „Diese Hilferufe erreichen mich ständig.“

Die größten Hindernisse seien aber die Lügen, das Schweigen und die Angst, erklärt Baur-Timmerbrink. „Man hat ein Lügengebäude um sich, auch von den Müttern.“ Helmut Bauer hat erst von seinem biologischen Vater erfahren, als er kurz vor seiner Hochzeit auf seiner Geburtsurkunde das leere Feld neben „Name des Vaters“ entdeckte. Jahrzehnte später hat ihn seine Tochter ermutigt, nachzuforschen. Sein Vater war leider schon gestorben, doch er hatte das Glück, die Familie zu finden. Andere, wie Gudrun Albrecht, suchen immer noch. Zeit spielt keine Rolle, betont Baur-Timmerbrink. Die Frage sei immer: „Ich möchte einfach wissen: Wer war er?“

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