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Buch

Betrüger wurde Opfer des Nazi-Regimes

Die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg hat den Leidensbericht eines Häftlings veröffentlicht. Das Manuskript zu „Elf Jahre“ entstand bereits im Jahr 1946.
von Stephan Grotz, mz

Kathrin Helldorfer, Annette Kraus und Jörg Skriebeleit (v. l.) stellten das Buch „Elf Jahre“ von Carl Schrade vor. Foto: altrofoto.de

Regensburg.Elf Jahre sind in diesem Fall ein entsetzlich trauriger Rekord. Über diese Zeitspanne ist Carl Schrade (1896-1974) in insgesamt fünf NS-Konzentrationslagern gefangen – und überlebt sie. Die letzte Station seines Leidenswegs ist Flossenbürg, wo er sechs Jahre verbringt. Die dortige KZ-Gedenkstätte hat nun Carl Schrades schockierend detaillierte Erinnerungen unter dem Titel „Elf Jahre“ als Auftakt einer neuen Buchreihe veröffentlicht.

Im Jahr 1946 hat Schrade seine KZ-Erlebnisse niedergeschrieben. Schrade war kein typischer Gefangener der Nazis. Er war nicht rassisch Verfolgter und auch kein politischer Häftling. Schrade trug vielmehr den grünen Winkel an seiner Häftlingskleidung, das Zeichen für „Berufsverbrecher (BV)“. Diese äußerst heterogene Haftgruppe stand, ähnlich wie die als „Zigeuner“ und „asozial“ Verfolgten bereits vor 1933 am Rande der Gesellschaft. Zum „BV“ hatte man Schrade aufgrund der Tatsache erklärt, dass er seit Mitte der 1920er Jahre mehrfach Haftstrafen wegen Betrugs und Hehlerei absitzen musste. Kaum aus dem Gefängnis entlassen, wurde er 1934 in „Vorbeugungshaft“ genommen. Schließlich brachte man ihn ins Konzentrationslager.

Lebenslauf mit Lücken

Eben diese kriminelle Vergangenheit macht Schrades einziges Buch zu etwas Besonderem: Es ist der erste publizierte KZ-Bericht eines „BV“, wie Jörg Skriebeleit, Leiter der Flossenbürger Gedenkstätte, am Mittwoch bei der Buchpräsentation in Regensburg hervorhob. Doch der persönliche Makel hat auch Auswirkungen auf Schrades Erinnerungen: Von seinem Vorleben, seiner Herkunft und Familie erfährt der Leser nichts. Daher war die Rekonstruktion seines Lebenslaufs für die beiden Herausgeberinnen Kathrin Helldorfer und Annette Kraus ein Puzzle mit vielen – teils immer noch – fehlenden Teilen. Für seine Verschleierungstaktik hatte Schrade seinen guten Grund: Als „BV“ wäre er 1946 nie als Zeuge zum Flossenbürg-Prozess nach Dachau geladen worden. Selbst die Flossenbürger Häftlingsliste manipulierte er dafür nach Kriegsende wohl eigenhändig: Aus dem „BV“ neben Schrades Namen macht jemand ein „Sch“ für Schutzhäftling.

Doch Schrades Vergangenheit holte ihn ein. Da die junge Bundesrepublik die Kategorie der „Berufsverbrecher“ nicht als Verfolgte des Nazi-Regimes anerkannte, erhielt Schrade für seine wiederholten Anträge auf Haft-Entschädigung schließlich 1958 die endgültige Ablehnung. Dafür sorgte sicher auch eine unwiderlegbare Tatsache: Gerade aus der Gruppe der „Grünwinkel“ rekrutierte die SS gerne ihre Funktionshäftlinge, die sogenannten Kapos, die sich oft als willige und brutale Gehilfen erwiesen. Einigen von ihnen wurde nach dem Krieg der Prozess gemacht.

Der gute grüne Kapo

Auch der „Grünwinkel“ Schrade stieg noch im August 1944 in Flossenbürg zum Kapo des Krankenreviers auf. Er war jedoch für viele Leidensgenossen der „gute grüne Kapo“. Als oberster Häftling in der Krankenstation hatte Schrade Zugang zu Medikamenten und direkten Kontakt zu den skrupellosen SS-Ärzten. Er schaffte es sogar, im Inferno des Endkampfes viele Häftlinge auf der Typhus-Station zu verstecken. Um jene Krankenlager machte die SS einen großen Bogen. Auch Jack Terry, heute Sprecher der ehemaligen Häftlinge von Flossenbürg, kam so mit dem Leben davon. Schrades Bericht zeigt: Für einen Kapo gab es damals „Spielräume“, so Skriebeleit.

Einen Verleger für seinen Bericht hat Schrade zu Lebzeiten nicht gefunden. Heute ist sein Manuskript verschollen. Erhalten ist nur eine französische Übersetzung. Man geht davon aus, dass sie einer der Mithäftlinge angefertigt hatte, zu denen der unverheiratete und kinderlose Schrade bis zuletzt intensiven Kontakt hielt. Auch dieser Text war Jahrzehnte vergessen. Er wurde in einem Küchenschrank entdeckt und in die Sprache der Täter und ihres Opfers rückübersetzt.

Das Buch

Das Buch „Carl Schrade: Elf Jahre. Ein Bericht aus deutschen Konzentrationslagern.“, herausgegeben und kommentiert von Kathrin Helldorfer, Annette Kraus und Jörg Skriebeleit, aus dem Französischen übersetzt von Susanne Röckel

erscheint in der Reihe Flossenbürger Forum im Wallstein Verlag (336 Seiten, 7 Abbildungen, 19,90 Euro, ISBN: 9 78-3-83 53-13 98-9).

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