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Philosophie

Das Tier, dein Staatsbürger

Manche Tierarten ähneln dem Menschen – sollen sie dieselben Rechte erhalten? Die Forderung ist jetzt auf der Kölner „phil.Cologne“ angekommen.
Von Kathy Stolzenbach, dpa

  • Ein Schimpanse beißt in eine halbe Zwiebel: Sollen Menschenaffen Menschenrechte erhalten? Die „phil.Cologne“ diskutiert das Thema. Foto: Carmen Jaspersen/dpa
  • Die türkisch-amerikanische Philosophin Seyla Benhabib erhielt bei der Phil.Cologne den mit 50 000 Euro dotierten Meister-Eckhart-Preis. Foto: dpa
  • Die Philosophen Will Kymlicka und Hilal Sezgin sowie der frühere Zoodirektor Gunther Nogge diskutieren in der Kulturkirche in Köln über Tierrechte. Foto: dpa
  • Die Philosophen Will Kymlicka aus Kanada und Hilal Sezgin bei der Phil.Cologne Foto: Rolf Vennenbernd/dpa

Köln.Eigentlich unterscheide den Menschen nicht viel vom Schwein, meinen manche. Beide Lebewesen seien empfindsam und nähmen die Welt subjektiv wahr. Und darum sollten auch Tiere wie das Schwein Grundrechte haben wie der Mensch, findet etwa der kanadische Philosoph Will Kymlicka. Er geht aber noch weiter und erhebt in seinen Thesen domestizierte Tiere, also Haus- und Nutztiere, zum Bürger. „Tiere sollten Mitbürger sein“, sagte Kymlicka am Montagabend auf dem Philosophie-Festival „phil.Cologne“ in der Kölner Kulturkirche.

Die länger geplante philosophische Veranstaltung fällt in eine Zeit, in der auch woanders über Tierrechte diskutiert und gestritten wird. So zeigte die Giordano-Bruno-Stiftung in Berlin einen Film über die nach ihrer Ansicht katastrophalen Lebensbedingungen von Affen in deutschen Zoos. Die Stiftung fordert Menschenrechte für Menschenaffen: Freiheit und Selbstbestimmung für Gorillas, Orang-Utans und Schimpansen sowie eine Änderung des Grundgesetzes.

Verhätschelt und gequält

Die Wochenzeitung „Die Zeit“ widmete dem Thema eine Titelgeschichte und ließ Philosophen, Naturwissenschaftler und Tierschützer zu Wort kommen. Gleichzeitig beleuchtete sie die höchst widersprüchliche Beziehung zwischen Mensch und Tier: So würden manche Hunde und Katzen beispielsweise verhätschelt, während Billigfleisch aus Massentierhaltung auf dem Teller lande.

Genau diese Erweiterung der Thematik lobte Gunther Nogge, der von 1981 bis 2007 Direktor des Kölner Zoos war, auf der „phil.Cologne“. Den Ruf nach Menschenrechten für Menschenaffen bezeichnete er zwar als „sehr provokativ“. Doch resultiere daraus eine neue Debatte über den Umgang der Menschen mit Tieren, meinte er.

Autonomie gefordert

Kymlicka hingegen geht die Forderung nach Menschenrechten für Menschenaffen gar nicht weit genug. Denn er forderte in seinem Buch bereits im November 2011 die verfassungsrechtliche Anerkennung von Tieren als Staatsbürgern. Die deutsche Übersetzung „Zoopolis: Eine politische Theorie der Tierrechte“ ist im Oktober 2013 erschienen. Darin entwirft Kymlicka eine Gesellschaft, in der Menschen und Tiere als gleichberechtigte Bürger zusammenleben. Denn beide teilten die Fähigkeit zur sozialen Interaktion.

Alle empfindsamen Tiere hätten nicht nur ein Recht darauf, nicht getötet oder für Tierversuche genutzt zu werden, sondern ein Recht auf Lebensraum und Autonomie, meint Kymlicka. Schuldig blieb er allerdings Ideen zur Umsetzung seines Mitbürgermodells. Ob Tiere bei den Vereinten Nationen ein eigenes Mandat erhalten sollen, fragte Moderator Wolfram Eilenberger. „Es ist schwer, ein solches Recht zu institutionalisieren“, räumte Kymlicka ein. Aber: „Wir brauchen eine Änderung des Völkerrechts.“

Leidensfähige Lebewesen

Auch die Philosophin und Autorin Hilal Sezgin betrachtet Tiere als bewusste, leidensfähige Lebewesen. „Sie haben das Recht, ihr Leben nach ihren Bedürfnissen zu gestalten“, sagte sie in der Kölner Kulturkirche. „Artgerecht ist nur die Freiheit“ ist der Titel ihres Buches. Die Menschen müssten die Welt so gestalten, dass Tiere darin leben wollten.

Eine Unterscheidung zwischen Nutz- und Haustieren lehnte sie ab: „Wenn jemand eine Katze einsperrt und sie muss in ihrem Kot leben, nennen wir das Tierquälerei. Aber genau das gleiche machen wir mit Schweinen.“ Und Tiere im Zoo, so kritisierte Sezgin, fristeten ein „eingesperrtes Dasein“ – nur, damit Menschen sie ansehen können.

Ex-Zoodirektor Nogge, der 1985 vom Schimpansen Petermann im Kölner Zoo gefährlich verletzt worden war, sieht das anders: „Jedes Tier im Zoo ist Botschafter seiner Art, der das Bewusstsein für Artenschutz weckt.“

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