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Gesellschaft

Der queere Kampf in Nepal

In Nepal haben sexuelle Minderheiten mehr Rechte als im Rest Südasiens. Aber der Szene fehlt ein führender Kopf.
Von Pratibha Tuladhar, dpa

  • Hunderte LGBTI-Aktivisten gingen zuletzt für gleiche Rechte auf die Straßen in Kathmandu. Foto: dpa
  • Bhumika Shrestha, die erste gewählte transgeschlechtliche Volksvertreterin in Nepal Foto: dpa

Kathmandu. Der Sicherheitsbeamte führt Bhumika Shrestha in eine separate Zelle an einem Flughafen in Nepal. Um sie zu untersuchen, sagt er. Weil er ihre Identität verwirrend findet. In ihrem Pass steht nämlich: männlich. Aber Shrestha sieht aus wie eine Frau: Lippenstift, schwarzer Lidstrich, Brustimplantate. „Dann fasste er mich so an, dass ich mich missbraucht fühlte“, erinnert sich Shrestha, die sich in ihrem Land politisch engagiert.

Das war vor sechs Jahren. Dieses Erlebnis hat Shrestha – eine Transgender-Frau – bis heute nicht verarbeitet. Mittlerweile gewährt der Himalaya-Staat zwischen Tibet und Indien Shrestha und anderen queeren Menschen mehr Rechte als seine südasiatischen Nachbarn, wo Homosexualität noch immer ein Verbrechen ist. Die Regierung Nepals verspricht sogar, die Gleichberechtigung sexueller Minderheiten weiter zu stärken. Das dritte Geschlecht soll künftig in den Pass geschrieben werden können. Auch die Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe zieht Nepal in Betracht.

Die große Leitfigur der Bewegung ist der schwule Aktivist Sunil Babu Pant. Sunil Dai, den älteren Bruder, nennen sie ihn in der Szene. Viele Jahre kämpfte er für die Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transgender und Intersexuellen (LGBTI) in Nepal. Er war es, der den queeren Nepalesen – allen, die nicht zur heterosexuellen Mehrheit gehören – eine Stimme gab, indem er 2001 die Hilfsorganisation Blue Diamond Society (BDS) ins Leben rief.

Pant hinterlässt große Lücke

Pant war auch der erste Abgeordnete Nepals, der sich öffentlich outete. Hunderte Nepalesen folgten seinem Beispiel. Kein einfacher Schritt. „Die Polizei und Zivilbeamte sahen die LGBTI als Quelle für Gratis-Sex und Vergewaltigung“, sagt Pant. „Viele queere Männer und Frauen in Nepal wurden geschlagen oder gar ermordet, erpresst und ohne Anklage eingesperrt.“

Transgender-Charaktere tauchen zwar schon in uralten Schriften der Hindus auf. Eine offene Diskussion des Themas aber gab es im überwiegend hinduistischen Nepal bis vor wenigen Jahren nicht. Bevor sich die LGBTI-Community organisierte, wurden Pant zufolge viele Betroffene von ihren Familien verbannt, was sie mitunter in Armut, Verzweiflung, Drogensucht und Prostitution gestürzt habe. Transgender wie Shrestha wuchsen damit auf, belästigt und stigmatisiert zu werden. Sie wurde gemobbt, in der Schule, von Nachbarn, bei Kontrollen.

Der Aktivist Pant veränderte diese Kultur. Für seine Arbeit war er 2014 für den Friedensnobelpreis nominiert. Doch jetzt hat die Ikone der Bewegung sich zurückgezogen. Im vergangenen Jahr verließ Pant den Verein nach Korruptionsvorwürfen, obwohl kein Verfahren eingeleitet wurde. Derzeit kümmert er sich in London um seinen kranken Partner. Sein Abtritt aus der Szene hinterlässt eine Lücke.

Eigene Partei stellte sich in den Weg

Nun fürchten die queeren Nepalesen einen Rückfall in alte Zeiten. „Es gab in den vergangenen Jahren eine subtile Gegenbewegung“, sagt Pant. Aktivisten würden diffamiert, die Bürokratie behindere Schwulen-Verbände. Auch ordnete das höchste Gericht des Landes schon 2007 an, diskriminierende Gesetze abzuschaffen. Doch Shrestha wurde von ihrer Partei nicht fürs Parlament nominiert, weil sie als Transgender antreten wollte, ihre Dokumente sie aber noch als Mann auswiesen.

Einige aus der LGBTI-Szene sagen, sie habe kaum mehr Schub, seit Pant die Blue Diamond Society verlassen hat. Sie ringen weiter mit dem Staat, für den gleichberechtigten Zugang zu Bildung, Krankenversorgung und Jobs. „Wir sind noch immer nicht am Ziel angekommen“, sagt Shrestha. Pant motiviert sie aus der Ferne: „Das Gute ist, dass wir jetzt viel sichtbarer sind. Unsere Gruppen sind lauter und besser organisiert, und viele Menschen unterstützen unser Streben nach LGBTI-Rechten.“

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