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Graphic Novel

Des Widerspenstigen Zähmung

Rechtzeitig zu Wagner-Jahr und Bayreuther Festspiele: Flavia Scuderi und Andreas Völlinger nähern sich in einer Comic-Biografie Richard Wagner an.
Von Oliver Seifert, MZ

  • Richard und Cosima WagnerCopyright: Flavia Scuderi, Andreas Völlinger/Knesebeck Verlag
  • Die Graphic Novel „Wagner“ ist seit einigen Wochen im Buchhandel erhältlich.

Regensburg.Die Geschichte des Richard W. ist die Geschichte eines Tausendsassas. Was er nicht alles war, was er nicht alles sein konnte: Komponist zuallererst und Dirigent, Kunsttheoretiker, aber auch Revolutionär und Staatsfeind, Opportunist und Antisemit, Vater, Mentor und Freund, Ehemann, Ehebrecher und Liebhaber, Paranoiker und Verschwender, Egozentriker und Selbstdarsteller. Klingt ziemlich übertrieben, ist aber noch lange nicht alles, sondern nur eine Auswahl der zum Teil gegensätzlichen Begabungen Richard Wagners (1813-1883), die Andreas Völlinger in seinem Nachwort elf Zeilen lang aufzählt. Als Texter hat sich Völlinger zusammen mit der Zeichnerin Flavia Scuderi daran gemacht, dieser umjubelten wie umstrittenen Person mit den vielen Persönlichkeiten durch eine Comic-Biografie näher zu kommen.

Keine kleine Herausforderung, nicht nur wegen des übergroßen Gegenstands mit seinem mächtigen Schatten aus gewaltigem Anspruch und monumentalem Werk, an der zu Scheitern im 200. Jubeljahr nach Wagners Geburt keine Schande wäre. Doch dazu kommt es nicht, auch weil die Comic-Biografie Teil eines crossmedialen Projekts ist, welches dem Buch in zeitgemäßer Aufbereitung die TV-Dokumentation „Wagnerwahn“ (bereits bei ARTE ausgestrahlt) und eine App für Smartphones und Tablets zur Seite stellt. Was der Comic als Medium nicht leisten kann, das leisten die anderen beiden Medien: das audiovisuelle Inszenieren des Themas durch einen mehr informativen (passiven) oder mehr spielerischen (aktiven) Ansatz. Letztlich ergänzen sich die drei kleinen Werke zu einem Gesamtwerk, funktionieren aber ebenfalls jedes für sich.

Auch die Comic-Bio freut sich über Hilfe von außen, benötigt aber keine. Sie erzählt ihre Wagner-Geschichte als Bilder-Geschichte aus prägnanten Stationen in präzisen Motiven und tritt so dem ausschweifenden Leben knapp und kompakt und der bombastischen Musik kühl entgegen. Scuderi und Völlinger trauen sich, ihren Wagner das erste Mal im Sommer 1848 auftreten zu lassen, im Alter von bereits 35 Jahren. In einem Biergarten schwingt er revolutionäre Reden, einen Fuß auf dem weißen Tischtuch, eine Faust gen Himmel, die Nase auch. Nach der Niederschlagung des Dresdner Maiaufstands muss er allerdings, von der Polizei gesucht, in die Schweiz fliehen.

Wagner bekommt bald Übung im Fliehen, was schön herausgearbeitet ist, ob er nun Reißaus nimmt vor seiner Frau Minna nach einer Affäre, vor seinen Gläubigern (aufgrund von immensen Schulden), vor aufgebrachten bayrischen Beamten und Bürgern (die ihm Steuerverschwendung vorwerfen), vor Misserfolgen und Krisen.

Dieses Leben auf der Flucht erfährt in der sehr komprimierten Form eine zusätzliche Beschleunigung, es nimmt Fahrt auf, die Ereignisse überschlagen sich, die Menschen kommen und gehen wie in einem Ohnsorg-Theaterstück: eben noch Semper und Bakunin und die Revolte, nun das Pöbeln gegen die Musikjuden, dann Liszt in Weimar und die „Lohengrin“-Uraufführung, gefolgt vom Umzug auf den Grünen Hügel und der folgenreichen Bekanntschaft mit Hans von Bülows frisch angetrauter Cosima – viele Jahre auf wenigen Seiten. Es tauchen auch Ludwig II. (etwas länger) oder Nietzsche auf (sehr kurz), „Tristan und Isolde“ oder „Parsifal“, sogar die Besonderheiten des Bayreuther Festspielhauses finden Erwähnung („der mystische Abgrund“) und der Sonderzug mit dem Leichnam von Venedig nach Bayreuth.

Das Wichtigste vom Wichtigen, alles auf gerade einmal 40 (!) Seiten nachvollziehbar: eine spektakulär rasante Zeitreise durch 69 Lebensjahre eines der bedeutenden deutschen Komponisten.

Die Comic-Biografie darf auch deshalb als gelungen gelten, weil ihr das Bemühen um die historische Wahrheit anzumerken ist. Völlinger findet die richtige Sprache, die richtigen Worte (und reichert sie mit Originalzitaten an), Scuderis in kräftigen, gedeckten Farben gehaltene Panels sind sehr detailreich ausgearbeitet unter Berücksichtigung der Originalschauplätze. Allerdings kann und will der historische Realismus beider keine neuen Erkenntnisse, Sichtweisen oder Thesen liefern, er kann und will auch nicht die musikgeschichtliche Bedeutung, die Reformkraft und Wirkmacht Wagners angemessen beschreiben bzw. diskutieren.

Allein Wagner, sein sperriges Leben und Werk, plausibel in so kleine Bilderrahmen und noch kleinere Sprechblasen zwingen zu können, ist Leistung genug. Des Widerspenstigen Zähmung ist geglückt, wenn auch ein Kniff – am Ende dann doch noch Kritik – eher missglückt: Hans von Bülow, Komponist und Dirigent und glühender Wagnerianer, als Erzähler.

Zwar wird so die Vergötterung Wagners am Beispiel verdeutlicht und Scuderi und Völlinger gewinnen selbst Distanz zu ihrem Comic-Helden, gleichzeitig wird die subjektive Perspektive von Bülows weitgehend aufgegeben zugunsten einer objektiven Darstellung – wie sie Völlinger und Scuderi bevorzugen.

Service

Flavia Scuderi, Andreas Völlinger: „Wagner“, Knesebeck Verlag 2013, 48 Seiten, 19,95 Euro, ISBN 978-3-86873-588-8

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