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Medizin

Ein Schädelchirurg aus der Steinzeit

Im Roman „Gerrit – Schädelchirurg der Steinzeit“ schreibt Peter Gruß über einen Heiler. Der Regensburger Autor war selbst als Neurochirurg tätig.
Von Louisa Knobloch, MZ

  • Der Schädel einer etwa 30 Jahre alten Frau aus der Jungsteinzeit, die einen Eingriff am Kopf überlebt hat, inspirierte den Regensburger Neurochirurgen Dr. Peter Gruß zu seinem Roman. Der Schädel war 2007 bei einer Sonderausstellung zur Trepanation in Kelheim zu sehen. Foto: Rolf Haid/dpa
  • „Gerrit“ ist der erste Roman von Prof. Dr. Peter Gruß Foto: Knobloch
  • Der Roman ist in der edition buntehunde erschienen. Foto: Verlag

Regensburg. Unsere Region im dritten Jahrtausend vor Christus: Der junge Gerrit wird zur Arbeit in ein Feuersteinbergwerk geschickt. Er verliebt sich dort in ein Mädchen, Eika. Eines Tages hat sie einen Unfall und verletzt sich am Kopf. Die Wunde wird zwar notdürftig versorgt, doch wenige Tage später stirbt das Mädchen. Gerrit fasst daraufhin einen Entschluss: „Ich will den großen Mutterfluss hinaufziehen. Es gibt dort Heiler und Schamanen, ich möchte sehen und lernen, wie sie die Wunden versorgen, Krankheiten und auch Schädelverletzungen behandeln.“

In seinem Roman „Gerrit – Schädelchirurg der Steinzeit“ beschreibt der Regensburger Autor Prof. Dr. Peter Gruß den Lebensweg des Heilers. Mit der Thematik kennt er sich aus – lange Jahre war Gruß als Neurochirurg in Würzburg und am Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Regensburg tätig. Auf die Idee zu seinem ersten Roman brachte ihn die Ausstellung „Löcher im Kopf – Ein Streifzug durch die Geschichte der Trepanation“, die 2007 im Archäologischen Museum in Kelheim zu sehen war.

Kamillentee und Beinwell-Blätter

Mit dem Begriff Trepanation wird in der Neurochirurgie die operative Öffnung des Schädels bezeichnet. In Kelheim war unter anderem der Schädel einer Frau aus der Schnurkeramischen Kultur (2800 bis 2200 vor Christus) ausgestellt, die den Eingriff am Kopf um Monate oder sogar Jahre überlebt hat, wie Heilungsspuren zeigen. „Ich fand das interessant, zumal die meisten Trepanationen an Schädeln von Männern gefunden wurden“, erzählt Gruß. Unter dem Namen Ula machte er die Frau zu einer der Hauptpersonen in seinem Roman.

Gefunden wurde das Skelett der Frau 1987 bei Stetten an der Donau. Prof. Dr. Joachim Wahl vom Landesamt für Denkmalpflege in Baden-Württemberg hat den Fund damals mit zwei Kollegen beschrieben. Demnach war Frau im Alter von etwa 30 Jahren gestorben. Bestattet wurde sie zusammen mit einem Neugeborenen, vermutlich ihrem Kind. Aus dem außergewöhnlich gut erhaltenen Skelett konnte der Anthropologe viele Informationen über die Frau ableiten: Sie war etwa 1,57 Meter groß und litt in der Kindheit an einer Rachitis. Degenerative Veränderungen im Bereich der Wirbelsäule deuten auf körperliche Belastungen im Jugendalter hin.

„Das Faszinierende an der Anthropologie“, sagt Wahl, „ist, dass man anhand der Skelette Lebensbilder rekonstruieren kann.“ Die Geschichte der Frau sei anrührend, weil sie den Eingriff am Schädel überlebt habe, dann aber bei einem so normalen Vorgang wie der Geburt gestorben sei. Eine genaue Todesursache für Mutter und Kind lasse sich nicht feststellen. „Es ist jedoch sehr gut möglich, dass sie infolge von Geburtskomplikationen oder einer anschließenden Infektion gestorben sind“, so Wahl. Auch die genaue Ursache der Kopfverletzung, die anschließend chirurgisch versorgt wurde, lasse sich nicht mit Sicherheit feststellen. Die Lage deute auf eine Sturzverletzung hin.

Dass Männer offenbar häufiger trepaniert wurden als Frauen könnte Wahl zufolge daran liegen, dass sie häufiger in kriegerische Auseinandersetzungen verwickelt waren und dabei Verletzungen davon trugen. „Die Operateure wussten genau, was sie taten“, sagt Wahl. So hätten sie versucht, bei der Trepanation bestimmte Bereiche des Schädels zu vermeiden, in denen beispielsweise große Blutbahnen verlaufen. Bei den Schnurkeramikern liege die Überlebensrate bei über 80 Prozent. „Das waren Profis.“

Anzunehmen sei auch, dass bei der Behandlung schmerzlindernde, entzündungshemmende oder halluzinogene Substanzen zum Einsatz kamen, sagt Wahl. „Aber ob und in welcher Form und Dosis sie verabreicht wurden, lässt sich nur vermuten.“ Peter Gruß beschreibt in seinem Roman genau, wie Gerrit und der Schamane, bei dem er lernt, die Verletzten versorgen. Die Steinzeit-Ärzte waschen sich vor der Behandlung auch die Hände – bei Medizinern späterer Jahrhunderte war das dagegen nicht immer üblich.

Die Wunden werden mit Wasser oder Kamillentee gespült, dann wird mit einem Feuersteinschaber der Dreck herausgekratzt. Beinwell- oder Breitwegerichblätter werden auf die Verletzung gelegt. „Man muss erklären, wie die steinzeitlichen Chirurgen mit den wenigen Mitteln, die sie zur Verfügung hatten, so gute Ergebnisse erzielen konnten“, sagt Gruß. Doch Gerrit kann nicht immer helfen: Ein Junge mit Bauchschmerzen – aus heutiger Sicht leidet er an einer Blinddarmentzündung – stirbt.

Bergwerk mit 20.000 Schächten

Für seinen Roman hat Gruß viel über die Jungsteinzeit, das sogenannte Neolithikum, gelesen. „Das war eine unglaublich wichtige Epoche – die Menschen sind sesshaft geworden, sie haben gelernt zu säen und zu ernten und Tiere zu domestizieren“, so Gruß. Einkorn, Gerste, Weizen, Flachs und Leinen haben die Menschen damals angebaut, sagt Prof. Dr. Thomas Saile vom Lehrstuhl für Vor- und Frühgeschichte der Universität Regensburg. Ab etwa 5200 vor Christus ließen sich Vertreter der Bandkeramischen Kultur an fruchtbaren Standorten in unserer Region nieder. Die Gemeinschaften seien damals kaum sozial differenziert gewesen, sagt Saile. „Es gab zwar vermutlich Personen, die aufgrund ihrer Eigenschaften herausgehobene Funktionen hatten, aber diese Positionen waren noch nicht erblich.“ Im Roman gibt es einen einflussreichen Großherrn.

Ein Feuersteinbergwerk, wie Gruß es in seinem Roman beschreibt, gab es in Abensberg-Arnhofen. Senkrechte Schächte von bis zu acht Metern Tiefe wurden zwischen 5200 und 3000 vor Christus hier angelegt, um an den begehrten Feuerstein zu kommen. Rund 700 dieser Schächte sind bislang archäologisch erfasst, bis zu 20.000 könnte es in Arnhofen gegeben haben, schätzen die Experten. „Für die Menschen damals war Feuerstein das, was für uns heute Metall ist“, erklärt Grabungstechniker Klaus Eisele. „Er ließ sich gut bearbeiten – Schneiden, Klingen und Spitzen aller Art wurden daraus hergestellt.“

Auch die Schaber mit denen Gerrit arbeitet, sind aus Feuerstein. In der Figur stecke viel von ihm selbst, sagt der 73-jährige Autor. So überlebt Gerrit als Kind einen Angriff auf sein Dorf – Gruß den Bombenangriff auf Dresden 1945. Über die Romanfiguren wird auch die Faszination des Mediziners für sein Fachgebiet spürbar. Den alten Schamanen lässt er einmal sagen: „Das Gehirn ist ein wichtiger Teil des Körpers, vielleicht sogar der wichtigste überhaupt.“

Der Roman „Gerrit – Schädelchirurg der Steinzeit“ ist in der edition buntehunde erschienen (ISBN 978-3-934941-85-4), es hat 247 Seiten und kostet 16,90 Euro.

Der Autor und der Verlag präsentieren den Roman am Donnerstag, den 14. März, um 19.30 Uhr in der Buchhandlung Bücherwurm im REZ (Franz-von-Taxis-Ring 53, Regensburg). Der Eintritt ist frei, telefonische Anmeldung unter (0941) 380060.

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