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Er traut Mitmenschen mehr als Gott

Erwin Schmid benutzt das Verb glauben mit Vorsicht. MZ-Reporterin Christine Straßer sagt er, dass Teddybären mehr bewirken als höhere Wesen.

Erwin Schmid stellt sich die Frage nach dem Sinn des Lebens. Religionen haben für ihn keine Antwort.Foto: Straßer

Regensburg.Wie würden Sie sich bezeichnen? Als Atheist, als Agnostiker, als Freigeist, als Humanist?

Als Freigeist und Mensch mit Fehlern.

Was macht einen Freigeist aus?

Dass er bestehende Aussagen und Dogmen in Frage stellt.

Sind Sie ein gottloser Mensch?

Ich bin so gottlos wie ich mich als monsterlos bezeichnen würde, als jemand, der weitgehend frei von Wahnvorstellungen ist.

Worauf gründet sich Ihr Wertesystem?

Auf die Vernunft und auf einen sozialen Kontrakt. In der französischen Aufklärung wird der „contrat social“ beschrieben, wo die Menschen sich vereinbaren, wie sie miteinander umgehen wollen. Das ist auch so in der Uno. Die 30 Artikel der UN-Menschenrechtsdeklaration sind ja auch ohne Bezug auf ein höheres Wesen.

Was unterscheidet die Menschenrechte von den Zehn Geboten?

Bei den Zehn Geboten geht es um Pflichten, um Machterhaltung. In den ersten drei Punkten geht es um Gott. Die sozialkulturelle Funktion von Religion ist die Machterhaltung. Der Herrscher von Gottes Gnaden hat die Macht, weil er von Gott eingesetzt wurde. Jetzt ist das nicht mehr so. Angela Merkel ist Kanzlerin unserer Gnaden. Wir können sie abwählen. Wir haben sie quasi eingestellt. Wenn sie keine gute Arbeit leistet können wir sie wieder entlassen. Sie hat eine Legitimation aufgrund geheimer Wahlen durch uns, das Volk. Früher hatten die Herrschenden Macht, weil sie von einem imaginären Wesen eingesetzt wurden, oder aufgrund von Gewalt oder Kapital.

Wenn Menschenrechte auf einem Sozialvertrag beruhen, scheinen Sie mir verhandelbar zu sein. Unter welchen Voraussetzungen sind Menschenrechte gültig?

Wenn Menschen sich dafür einsetzen und erkennen, dass es für sie selbst vorteilhaft ist und das auch anderen zugestehen. Wenn die Menschen um mich herum Essen und ein Einkommen haben, wenn es ihnen gut geht, dann hat das einen positiven Rückkopplungseffekt auf mein Leben.

Was kritisieren Sie an der Kirche?

Eine Sache ist die Sexualfeindlichkeit. Das ist zerstörerisch und macht krank. Wenn die eigene Sexualität erwacht, wenn man die ersten sexuellen Erfahrungen macht, alles verboten. Das zu erkennen, dass es etwas Gutes ist, also schön im Leben ist, das ist für mich eine schwere Entwicklungsarbeit gewesen angesichts des hier herrschenden leibesfeindlichen Weltbildes. Wenn jemand hungrig ist, gibt man ihm zu essen. Der Sexualtrieb ist ein wichtiger Bereich des Lebens. Es ist besser, wenn man ihn positiv sozial auslebt. Je sexualfeindlicher Mönche sind, desto verrückter werden sie.

Wie sind Sie aufgewachsen?

Ich bin 1957 in Tegernheim geboren und bin dort in einem katholischen Elternhaus aufgewachsen. Ich wurde getauft, habe den Katechismus gelernt und alles was dazu gehört.

Wann wurde Ihnen bewusst, dass Sie nicht an Gott glauben?

Das war ein Prozess. Angefangen hat es in der Jugend, als ich begann, Fragen zu stellen. In der Realschule in Neutraubling hat uns der Pfarrer im katholischen Religionsunterricht erklärt, dass Gott die Erde erschaffen hat. Ich habe gefragt: „Und wer hat Gott erschaffen?“ Die Fragestellung bleibt ja. Sie wird nur eine Stufe nach hinten geschoben. Der Lehrer wusste nicht weiter. Da hat er mir die Zunge rausgestreckt. Wobei er ein feiner Mensch war. Nach der Stunde hat er sich bei mir entschuldigt.

Woran glauben Sie?

Sie benutzen das Verb glauben. Da müssen wir vereinbaren, was Sie darunter verstehen. Ich würde zwischen glauben und denken differenzieren. Glauben im religiösen Sinne würde ich benutzen, wenn jemand an ein imaginäres, höheres Wesen glaubt. Denken würde ich benutzen, wenn jemand wissenschaftlich arbeitet, im Bewusstsein, dass er irren kann. Glauben würde ich benutzen, wenn jemand dogmatisch etwas annimmt, das nicht infrage gestellt wird.

Sie würden also nicht sagen, dass Sie glauben, dass jeder Mensch nach einem guten Leben strebt?

Das ist ein Wissen, das ich aus Erfahrungswerten ziehe. Nach dem, was ich so erlebt habe, will jeder Mensch ein gutes Leben führen.

Konfessionsfreie treten immer öfter als organisierte Gruppe auf. Warum sind die Nichtgläubigen nicht mehr still?

Weil wir immer mehr werden. Vergangenes Jahr sind 1033 Leute aus den beiden Kirchen ausgetreten, nur in Regensburg.

Welche Antworten haben Sie für Menschen, die in Momenten wie schwerer Krankheit oder nach dem Tod eines ihnen nahen Menschens Trost suchen?

Um sich geborgen zu fühlen, braucht der Mensch andere Menschen. Die Menschen sind aber nicht perfekt. Es ist schwierig, sich immer zu verstehen. In der Kindheit gibt es dann den Teddybär. Für viele Kinder ist er ein Freund. Wenn ein Mensch in einer Situation ist, in der er Geborgenheit sucht, braucht er Menschen, denen er trauen kann. Wenn dieses Menschen fehlen, dann geht man in eine Phantasiewelt über, in eine Beziehung zu einem imaginären Wesen, das man dann Gott nennt. Wie ein Teddybär, dem ich alles erzählen kann. Aber der Teddybär ist besser als ein imaginäres Wesen. Ein Teddybär hat wenigstens taktile Reize. Wir sollten versuchen mit unseren Mitmenschen auszukommen, wir haben nur sie.

Was glauben Sie kommt nach dem Tod?

Nichts. Deswegen ist das Leben so wertvoll.

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