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Geschichte

Gedanken an die Opfer der Pogromnacht

Die Reichspogromnacht war nach vielen Schikanen der erste Höhepunkt des nationalsozialistischen Judenhasses. Viele Oberpfälzer starben.
Von Fritz Winter, MZ

Die Regensburger Synagoge in der Schäffnerstraße wurde beim Novemberpogrom 1938 in einer planmäßigen Aktion niedergebrannt. Foto. Archiv

Regensburg.Die Nazis sprachen von der „Reichskristallnacht“, heute ist der belastete Begriff durch Reichspogromnacht ersetzt: Vom 9. auf 10. November 1938 wurden fast alle Synagogen und viele jüdische Friedhöfe in Deutschland und Österreich zerstört und die Wohnungen von Juden geplündert. Auch in Niederbayern und in der Oberpfalz. Die Pogrome markierten den Übergang von der Diskriminierung und Ausgrenzung der deutschen Juden seit 1933 zur systematischen Verfolgung, die knapp drei Jahre später in den Holocaust an den europäischen Juden im Machtbereich der Nationalsozialisten mündete.

Die „Facetten des Nationalsozialismus in der Oberpfalz“ zu beleuchten – dieser Aufgabe widmet sich das Stadtarchiv Amberg mit einem Symposion, das am Jahrestag der Ausschreitungen in der Stadt an der Vils stattfindet. Amberg hat eine wissenschaftliche Studie zur Entstehungsgeschichte der NSDAP in der Stadt in Auftrag gegeben und will damit ein Mosaikstück in die immer noch bruchstückhafte Dokumentation des Nationalsozialismus in unserer Region einsetzen. Denn es gibt mittlerweile sehr gute örtliche Forschungsarbeiten – aber noch immer keine wissenschaftlich fundierte Gesamtdarstellung der „braunen Zeit“ in Niederbayern und der Oberpfalz. Offenkundig wurde dieses Thema seit Kriegsende nicht oder nur mit sehr spitzen Fingern angefasst.

Bollwerk gegen die „Sklavengefahr“

Nach der Wiedergründung der NSDAP im Jahr 1925 stand Bayern zunächst als „Gau“ direkt unter der persönlichen Führung Adolf Hitlers. 1929 war das Land in neun selbstständige Untergaue gegliedert, einer davon bestand aus Niederbayern und der Oberpfalz mit der Gaugeschäftsstelle in Erbendorf. Anfang 1930 wurde die NSDAP-Geschäftsstelle nach Schwandorf verlegt. Nach Hitlers Machtübernahme 1933 wurden die Oberpfalz, Niederbayern und Teile Oberfrankens zum Gau „Bayerische Ostmark“ zusammengefasst. Hauptsitz des Gaues wurde Bayreuth. Mit der Zusammenlegung der bayerischen Grenzgebiete, so argumentierten die Nazis, sollte ein „Bollwerk gegen die Slawengefahr im bayerischen Osten“ errichtet werden.

Vor allem, so mutmaßt Dr. Sebastian Schott, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Stadtarchiv Weiden, sollten die NS-organisationsschwachen Bezirke Niederbayern und Oberpfalz mit dem weitaus besser organisiertem Oberfranken im nationalsozialistischen Sinne gestärkt werden. Erster Gauleiter war Hans Schemm, der 1935 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam. Sein Nachfolger war Fritz Wächtler. Er wurde 1945 wegen vorzeitigen Verlassens seiner Befehlsstelle in Bayreuth von einem SS-Kommando in der Gauleitungs-Ausweichstelle bei Waldmünchen erschossen. Offenkundig hatte ihn sein Stellvertreter Ludwig Ruckdeschel im Führerhauptquartier denunziert.

Die „Filmbühne“ in Weiden gab auf

Ausgehend von Erbendorf, Schwandorf und Regensburg wurde die Oberpfalz schnell von der NSDAP durchdrungen. Wie aus Archivmaterial der historischen Abteilung im Burgmuseum Parsberg hervorgeht, gab es beispielsweise im kleinen Beratzhausen bereits im März 1929 eine NSDAP-Zelle von vier Leuten. Schon vier Monate später wurde die Zahl von 15 Parteigenossen überschritten und eine Ortsgruppe gegründet.

Parallel zum Aufbau der NSDAP nahm nach der Machtergreifung Hitlers die Ausgrenzung der jüdischen Mitbürger immer mehr zu. Sie sollte schließlich im Holocaust enden. Sebastian Schott hat das am Beispiel der Stadt Weiden dokumentiert und wird darüber auch beim Amberger Symposion referieren.

1933 zählte die Stadt rund 27 000 Einwohner, davon 170 Juden, die allesamt selbstständige Gewerbetreibende waren – vom Schrottsammler bis zum Kaufhausbesitzer. Auch in der Kleinstadt nahmen die Schikanen zu. Bereits 1933 gab die „Filmbühne“ als einziges jüdisches Kino Weidens auf, 1936 trieb die Boykotthetze den jüdischen Kaufhausbesitzer Max Krell in den Konkurs. Dennoch hielten vor allem die Arbeiter in den Glas- und Porzellanwerken und die ländliche Bevölkerung jüdischen Geschäftsleuten die Treue. Otto Marx, der in Weiden ein Herrenbekleidungsgeschäft hatte, schrieb 1940 im amerikanischen Exil: „Am letzten verkaufsoffenen Samstag vor Weihnachten 1937 standen wieder die Nazis vor dem Laden. Auch Zeitungsfotografen waren da. Die Leute kamen trotzdem. Sie hielten sich die Hände vors Gesicht, um nicht fotografiert zu werden. Wir haben sie zum Hintereingang hinausgelassen, um sie vor Anpöbelungen zu schützen“.

Im September 1938 gab es noch 19 jüdische Geschäfte in Weiden. 30 Prozent der jüdischen Geschäftsbesitzer hatten aufgegeben. Das war deutlich weniger als im Durchschnitt des Deutschen Reiches mit 60 bis 70 Prozent. Dann kam das Novemberpogrom. Auch in Weiden wurde die Synagoge geplündert und zerstört, aber nicht angezündet, weil sie in einer Reihenhaus-Siedlung stand. Die jüdischen Männer Weidens im Alter von 18 bis 65 Jahren kamen ins KZ Dachau in „Schutzhaft“. Die blutigen Ausschreitungen sollten die seit Frühjahr 1938 begonnene gesetzliche „Arisierung“, also die Zwangsenteignung jüdischen Besitzes und jüdischer Unternehmen planmäßig beschleunigen.

Engelmann emigrierte nach Kenia

Schon am 19. Januar 1939 fand in der Gauleitung in Bayreuth eine Besprechung mit Kreisleiter Bacherl, Nazi-Oberbürgermeister Hans Harbauer und der IHK Regensburg statt, wie die erzwungene Veräußerung jüdischen Haus- und Grundbesitzes in Weiden organisiert werden solle. Vor allem „verdiente Parteigenossen“ sollten mit jüdischem Besitz belohnt werden. „Arische“ Geschäftsleute konnten die Immobilien zu rund der Hälfte des Verkehrswertes kaufen. Drei ehemalige jüdische Geschäfte wurden in Weiden unter neuem Namen weitergeführt.

Ein besonders vermögender Unternehmer war der jüdische Weidener Viehhändler Leopold Engelmann, der sich insbesondere für den Erhalt des Oberpfälzer Rotviehes einsetzte und mit seinem Geschäft der zweitgrößte Viehhändler im Reich war. Er besaß umfangreiche Städel im Stadtgebiet, Geschäftsräume, Felder und Wiesen. Oberbürgermeister Hans Harbauer ließ Engelmann, der ebenfalls nach Dachau gebracht worden war, ins Gestapo-Gefängnis nach München überführen. Dort presste er ihm seinen Besitz für die Stadt Weiden ab. Engelmann musste einwilligen. Ansonsten, so hatte ihm der Nazi-OB prophezeit, würde er aus dem KZ nicht mehr herauskommen. Der Viehhändler konnte noch 1939 nach Kenia emigrieren.

Das blieb vielen anderen Weidener Juden verwehrt – besonders nach dem Pogrom, als sie allen Besitz verloren hatten und nahezu mittellos waren. Aussichtslos waren auch Bemühungen um eine Auswanderung, solange die neuen Besitzer den Kaufpreis für die ehemaligen jüdischen Besitztümer nicht bezahlt hatten. Ein „arischer“ Käufer eines jüdischen Weidener Kaufhauses bemühte sogar das NS-Amt „Schönheit der Arbeit“, um den Kaufpreis zu drücken. Das Amt sollte feststellen, dass die Belegschaftsräume in einem „ganz verwahrlosten Zustand“ waren. So schlecht kann der Vorbesitzer seine Mitarbeiter aber nicht behandelt haben. Sie sammelten sogar für ein Abschiedsgeschenk – was den Neubesitzer Anlass zu größter Sorge gab, die Belegschaft könnte ihm feindlich gesonnen sein.

Im Oktober 1940 war die „Arisierung“ der Oberpfalz abgeschlossen. Aufgrund der 11. Verordnung zum Reichsbürgergesetz wurden per 25. 11. 1941 die noch nicht verkauften jüdischen Immobilien vom Reich eingezogen. Damit waren die Juden aus dem Wirtschaftsleben verdrängt und jüdisches Vermögen abgewickelt.

1942 wurden die Juden deportiert

Am 4. April 1942 wurden die Weidener mit allen anderen Oberpfälzer Juden nach Trawniki, einem späteren Außenlager des KZs Majdanek, im Generalgouvernement Polen deportiert. Von den dort hin gebrachten Oberpfälzer Juden hat nach den Forschungsergebnissen keiner überlebt. Mit dem „Grenzübertritt“ nach Polen verfiel das Restvermögen auf Sperrkonten dem Reich. Nicht mehr arbeitsfähige Juden wurden zunächst im jüdischen Altersheim Regensburg zusammengefasst. Am 23. Mai 1942 wurden sie ins KZ Theresienstadt im Protektorat Böhmen und Mähren gebracht. Eine Jüdin aus Amberg und eine aus Regensburg überlebten.

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