mz_logo

Startseitenmeldungen 2012
Samstag, 25. März 2017 16° 3

Buchkritik

Im Kräutergarten wuchern die Leichen

„Himmler privat“: Die Briefe zeigen die andere Seite eines Massenmörders. Er war ein ökologischer Vordenker und ließ Häftlinge auf Feldern schuften.
Von Helmut Hein, MZ

„Heute fuhren wir nach Dachau. Schön ist’s gewesen“, notierte Himmler-Tochter Gudrun im Juli 1941. Den Kräutergarten Dachau dokumentiert ein Foto; das dem besprochenen Band entnommen ist. Foto: Piper Verlag

Regensburg. Die Publikation der Himmler-Briefe war von Anfang an heftig umstritten. Die „korrekte“, also linke bis liberale Lesart lautete, man brauche diese Briefe nicht. Man erfahre nichts Neues: weder über den Reichsführer SS noch über das System der Vernichtung, das er wie kein anderer verkörperte. Man spürt in solchen Worten den Abwehrzauber, der den hilflosen Antifaschismus der Nachkriegszeit (und bis zum heutigen Tag) generell kennzeichnet.

Unvergesslich der Arte-Abend mit Romuald Karmakars „Verfilmung“ der Posener Himmler-Rede, deren nachträgliche diskursive Einordnung an der Behauptung aller eingeladenen „Experten“ scheiterte, alles, was Himmler sage, sei so unsinnig, dass man nicht vernünftig darüber reden könne. Dabei war das Verstörende dieser Rede, die Manfred Zapatka nicht „spielte“, sondern dokumentierte, dass das Meiste von dem, was Himmler sagte, in seinem moralisch-appellativen Ton noch heute mehrheitsfähig wäre.

Und wie verhält es sich nun mit seinen privaten Briefen an Mutti und Mami, also an seine Frau und seine Mutter, die jetzt von der Politikwissenschaftlerin Katrin Himmler (Himmler war ihr Großonkel) und dem Historiker Michael Wildt herausgegeben und kommentiert wurden? Erfährt man tatsächlich „nichts Neues“? Nur wenn man die Einsicht der 1968er-Zeit, dass nichts so politisch ist wie das Private und nichts so privat wie das Politische, gründlich vergessen und verdrängt hat.

„Wie brav ich bin“

Die Privatbriefe zeichnen gerade in den endlosen Wiederholungen, in diesem unnachahmlichen „Sound“ einer Beziehungsarbeit, das Charakterbild eines Karrieristen, dessen Aufstieg zu den verwunderlichsten der Nazi-Jahre zählt. Denn Himmler fehlte – hierin nur noch Eichmann vergleichbar – jedes Charisma. Oder vielmehr: Er verfügte, in den Worten des großen Soziologen Max Weber, nur über das Charisma des Amts, des Parteiarbeiters und emsigen Bürokraten.

Wie passt in das Leben – und in das Weltbild – dieses Berufsrevolutionärs eigentlich eine Frau? Und welche Frau? Marga war die typische selbständige Frau der 1920er. Sie hatte Vermögen, arbeitete, war bedeutend älter und stand anfangs alles andere als devot vor ihrem künftigen „Führer“.

Der „liebliche“ Part war eher Heinrichs Sache. Schon im ersten erhaltenen Brief heißt es geradezu leitmotivisch: „Welch Fest es aber wäre, wenn meine kleine Frau bei mir säße u. wir lieb zueinander wären.“ Und in (gespielter?) Unterwürfigkeit, kokett wie ein Weib: „Ich staune über mich selbst, wie brav ich eigentlich bin.“ Seine Zukunfts-Vision zu dieser Zeit: „Hoffentlich sind alle Menschen lieb zu dir, daß du dich mit nichts ärgern mußt u. deine Stirn nicht kraus ziehen mußt.“ Und das soll der spätere SS- und Polizeichef sein, der große Vernichter, der den millionenfachen Mord an den Juden à la Kant als schwere Erfüllung einer ihm auferlegten Pflicht rechtfertigte?

Sex widersprach der „Reinheit“

Himmler war lange einer, den man unterschätzte; schon physisch. Kein arischer Athlet stand da vor einem, sondern ein eher mickriger Schreibtischtyp mit fliehendem Kinn, für den es eine Tortur war, wenn er nur das Massensportabzeichen machen wollte. Himmler war stets der Sekretär, der Schattenmann – und einer, der sich gern herausredete. Die Sehnsuchtsbriefe waren von Anfang an nur beschwörender Ersatz, weil er real abwesend war. Wofür er aber nichts konnte. Er musste Gregor Strasser dienen, dem Apotheker aus Landshut, dem zweiten Mann und Liebling der Partei, der später, noch kurz vor der „Machtergreifung“, Hitler hätte wegputschen können. Aber die Skrupel und die Nerven! Für Strasser, der längst in Berlin war, reiste er endlos durch die niederbayerische Provinz und baute dort die „Organisation“ auf. Das war ohnehin seine Stärke: organisieren. Hitler erkannte das rasch; und machte ihn zum Verwalter seiner Redetermine.

Und Marga? Ihre Rolle war die der Strohwitwe – der Weltgeschichte zuliebe. Ein typischer Brief vom Januar 1928, da kannten sie sich erst ein paar Monate, klang etwa so: „Es ist schon ziemlich spät Abend u. ich muss dir noch ein paar liebe Zeilen schreiben...“ Himmler, der Vertröstungs-Virtuose. Sie konkurrierte mit der Partei, und manchmal wurde die Konkurrenz zum puren Hass.

Und wie stand es mit Sex zwischen den beiden? Den lehnte Himmler, vorehelich, ab. Zu seinen Grundfantasien, die später dann mörderisch wurden, gehörte die Idee der „Reinheit“. Auch wenn sie mit der Realität nie etwas zu tun hatte. Auch im privaten Bereich nicht. Marga, die sehr viel ältere, rohere Frau, war nicht „rein“. Sie war ja schon verheiratet gewesen. Himmler verdrängte und vergaß das.

Sein Wesen war Kitsch

Himmler war kein männlicher Mann. Auch wenn seine Briefe vom Pathos der Entschieden- und Entschlossenheit nur so triefen. Sein Wesen war Kitsch. Kein Gefühl, kein Wunsch, keine Tat, die nicht sofort „reflexiv“ wurden, also ihre Bedeutung oder Tragik dadurch erlangten, dass es Himmler war, der da fühlte, wünschte und handelte. Auch später, als die Vernichtung der Juden, von ihm betrieben, in vollem Gang war, sah er sich selbst als das wahre Opfer: dass er das tun musste, obwohl er es doch nicht gern tat; und dass es ihn von dem fernhielt, was ihm doch sehr viel mehr entspräche, nämlich Hühner züchten oder bei Frau und Kind sein. Mit welcher Frau und mit welchen Kindern? Denn spätestens seit Ende der 1930er hatte er ja zwei Frauen, neben Marga die sehr viel jüngere und nachgiebigere Hedwig Potthast, seine Sekretärin, und von beiden Frauen Kinder.

Alles soll „gesund“ sein

Für Himmler war das höchstens ein taktisches Problem. Denn er lebte ja in Paradoxen. Seiner SS verpasste er den Leitspruch „Unsere Ehre sei Treue“. Gleichzeitig betrog er seine Frau, seine Geliebte und am Ende, als es darum ging, die eigene Haut zu retten, selbst Hitler.

In der legendären Posener Rede sagte Himmler über den Massenmord an den Juden: „Dies durchgehalten und dabei – abgesehen von Ausnahmen menschlicher Schwächen– anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht. Dies ist ein niemals geschriebenes und niemals zu schreibendes Ruhmesblatt unserer Geschichte.“ Niemals zu schreiben, weil der Massenmord ja vor der Mit- und Nachwelt verborgen werden musste (worunter der Reichsführer SS selbst am meisten litt).

Himmler ist in seiner Sentimentalität, in der Terror und „Werte“ fast ununterscheidbar verschmelzen, typisch für eine Mentalität, die noch nicht verschwunden ist. Himmler war ja, das sollte man nicht vergessen, der Urheber eines Tierschutzgesetzes, das bis heute weltweit als vorbildlich gilt. Und er war ein früher Grüner, ein überzeugter Ökologe, der nichts so sehr verabscheute wie industrielle Fleischfabriken. Alles sollte „gesund“ sein. Für diesen edlen Zweck war Himmler keine Mühe zu groß. Er legte, unterstützt von Marga, einen riesigen „Kräutergarten“ an – direkt neben dem KZ Dachau. Die Häftlinge mussten die Felder in Fronarbeit bestellen und starben in diesem ökologischen Paradies wie die Fliegen.

Das Buch: „Himmler privat – Briefe eines Massenmörders“, Piper-Verlag Zürich, herausgegeben und kommentiert von Katrin Himmler und Michael Wildt, 400 Seiten, 24,99 Euro

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Anmelden

Hinweis: Bitte schützen Sie Ihr Konto auf öffentlichen Geräten, indem Sie sich nach der Nutzung im Profil-Bereich abmelden.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht