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Nachkriegsgeschichte

In „Little Berlin“ fiel die Mauer später

Nicht nur durch Berlin verlief eine Mauer. Auch das bayerische Mödlareuth war jahrzehntelang durch einen Betonwall getrennt.
Von Kathrin Zeilmann, dpa

Massen von Menschen drängten kurz nach der Grenzöffnung am 9. Dezember 1989 zum Übergang in Mödlareuth. Foto: dpa

Mödlareuth.Als am 9. November 1989 in Berlin die Menschen trunken vor Freude auf der Mauer saßen, blieb in Mödlareuth alles ruhig. Dabei trennte auch in dem kleinen Dorf eine mehr als drei Meter hohe Mauer Ost und West. „Durch die Lichtsperranlage war alles hell erleuchtet. Und es herrschte absolute Stille“, erinnert sich Arnold Friedrich. „Auch in den nächsten Tagen hat sich nichts getan.“

Der heute 67-Jährige war in jenen geschichtsträchtigen Tagen Bürgermeister von Töpen im bayerischen Landkreis Hof. Zu seiner Gemeinde gehörte auch der bundesdeutsche Teil von Mödlareuth. Als „Little Berlin“ hatte das kleine Dorf an der Grenze zwischen Bayern und Thüringen weltweit Berühmtheit erlangt. Denn als Deutschland geteilt wurde, ging die Grenze mitten durch die Ortschaft. Und es wurde eine Mauer hochgezogen, genauso wie in Berlin.

Der Westen entzündete Kerzen

Am 5. Dezember 1989 jedoch zeichnete sich das Ende der Teilung auch in Mödlareuth ab: Im DDR-Teil des Ortes gab es im Kulturhaus eine Versammlung, die Menschen forderten eine Grenzöffnung auch bei ihnen direkt vor der Haustür. Und die West-Mödlareuther bekundeten ihre Solidarität, sie entzündeten Kerzen und Fackeln und demonstrierten spontan. „Wir wollten zeigen: Auch hier muss etwas passieren“, sagt Friedrich.

Und tatsächlich: Am 7. Dezember begannen auf der Ostseite Bauarbeiten. Ein kleiner Mauerteil wurde entfernt und durch Eisentore ersetzt. Und Bürgermeister Friedrich nutzte die Gelegenheit, um auf die Ostseite zu gelangen. „Ich konnte auch mit den Leuten reden. Wir vereinbarten die Öffnung der Grenze am 9. Dezember.“

50 Einwohner und 70 000 Besucher

Zu dieser Eröffnung des Grenzübergangs für Fußgänger gab es dann großes Hallo auf beiden Seiten: Blasmusik, Bier, Bratwürste. Und Glühwein, denn es war ja Adventszeit. Menschen, die einst Nachbarn waren und dann jahrzehntelang getrennt wurden, konnten sich wieder umarmen, es flossen viele Freudentränen. „Unsere Neugierde war sehr groß“, sagt Friedrich, für den ein großer Traum in Erfüllung ging: „Ich habe immer gesagt: Irgendwann will ich es noch erleben, auf der Thüringer Seite ein Bier trinken zu können“, erzählt er schmunzelnd. Ende 1989 war es so weit.

Und heute? Ein Teil der Mauer steht noch in Mödlareuth, er bildet das Herzstück des Deutsch-Deutschen Museums. Bis zu 70 000 Menschen, so sagt Museumschef Robert Lebegern, besuchen jährlich das kleine Dorf: Schulklassen, aber auch Gäste aus den USA oder Südkorea. Dabei hat Mödlareuth nicht einmal 50 Einwohner.

Natürlich sei das gerade in der Anfangszeit schwierig gewesen für die Bewohner, dass so viele Menschen herkamen und dann schon einmal im Vorgarten oder im Kuhstall standen, sagt Lebegern. Doch Mödlareuth sei kein Museumsdorf. „Der Ort wandelt sich, entwickelt sich weiter.“

Der Bagger machte den Blick frei

Und lebt mit seiner Vergangenheit als Dorf, in dem die Weltgeschichte so deutliche Spuren hinterlassen hat. Auch die Erinnerungen der Mödlareuther hat das Museum festgehalten, inklusive Audiointerviews mit nahezu allen Bewohnern, sagt Lebegern. Denn gerade zur Anfangsphase der Teilung bis 1952 gebe es wenige Dokumente. Da sei die Erinnerung der Zeitzeugen wichtig.

Erst am 17. Juni 1990 fiel dann auch deutlich sichtbar in Mödlareuth die Mauer. Nur Friedrich, sein Ost-Amtskollege Herbert Hammerschmidt und ein Bauunternehmer, der den Bagger stellte, wussten von der Aktion. „Es sollte ein symbolischer Akt sein: Die Mauer soll weg“, sagt Friedrich. Und so riss nach einer Gedenkveranstaltung zum DDR-Volksaufstand der Bagger eine Lücke von mehr als 100 Metern in das Monument der Trennung: „Plötzlich war der Blick frei.“

Die Trennung ist überwunden

An diesem Tag wurde auch die Idee geboren, in Mödlareuth ein Museum einzurichten. Nicht wenige Dorfbewohner hätten die Mauer am liebsten komplett abgerissen und die klaffende Wunde im Ortsbild getilgt. Friedrich und seine Mitstreiter konnten sie aber überzeugen, dass zumindest ein Stück stehenbleiben sollte. „Die Menschen konnten sich dann langsam damit anfreunden.“ Denn in den Köpfen sei das mit der Wiedervereinigung sowieso schnell gegangen. „Innerhalb kürzester Zeit ist die Dorfgemeinschaft wieder zusammengewachsen“, sagt der einstige Bürgermeister. Trennendes gebe es nur noch auf dem Papier – etwa unterschiedliche Postleitzahlen und Telefonvorwahlen.

Denn der Osten des Dorfes gehört zu Thüringen, der westliche Teil zu Bayern - eine Trennung, die auf das 16. Jahrhundert zurückgeht, als der Tannbach in Mödlareuth als Grenze zwischen der Markgrafschaft Bayreuth und der Grafschaft Reuß-Schleiz festgelegt wurde. In den nachfolgenden Jahrhunderten spielte diese Teilung kaum eine Rolle im Alltag der Menschen. Vor dem Zweiten Weltkrieg gab es eine gemeinsame Schule und eine gemeinsame Feuerwehr.

Dramatisch wurde die Lage erst, als Deutschland nach dem Krieg in Besatzungszonen aufgeteilt wurde und sich schließlich zwei Staaten formten. Zwischen West und Ost gab es in Mödlareuth keinen Kontakt mehr. Stattdessen wurde 1952 erst ein Bretterzaun am Tannbach errichtet, später ein Stacheldrahtzaun - bis schließlich 1966 die Mauer kam: 700 Meter lang, 3,30 Meter hoch. Aus Beton. Am 9. Dezember vor 25 Jahren haben die Mödlareuther sie überwunden.

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