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Mittwoch, 1. März 2017 3

MZ-Serie

Junge, kluge Köpfe sind die neuen Helden

Clever, kompetent, kommunikativ – so sieht der Karrieretyp der Zukunft aus. Der größte Bedarf an Arbeitskräften liegt langfristig aber anderswo.
Von Roman Hiendlmaier, MZ

Da kann auch Geheimagent James Bond nur noch staunen: Computer-affinen Menschen gehört die Zukunft der Arbeitswelt, sagen Prognosen. Doch auch in 20 Jahren werden die „Handarbeiter“ noch gebraucht – mehr denn je in einer alternden Gesellschaft. Foto: Sony Pictures Releasing

Regensburg. „M“ ist das Kürzel der Geheimdienst-Chefin von James Bond im neuen Kassenschlager Skyfall. Doch der eigentliche Held ist „Q“. Früher ein grauhaariger Wissenschaftler im weißen Kittel, der Bond mit skurrilen Bewaffnungen ausrüstet, ist der Q von heute ein junger Computernerd, der den berühmtesten Geheimagenten der Welt alt aussehen lässt.

Film-Fantasie aus Hollywood? Mitnichten. Schon heute ist Wissensarbeit in Industrieländern wie Deutschland der zentrale Wirtschaftsfaktor – mit steigender Bedeutung.

In einer alternden Gesellschaft verschärft das den Kampf um junge, kluge Köpfe. „Wir werden das Arbeitsumfeld anpassen müssen“, sagt Stefan Grabmeier, Mit-Autor einer Studie über die Zukunft von Wissensarbeit. Die Web-2.0-Generation mag nicht mehr stundenlang in Staus oder Meetings hocken, die will produktiv und kreativ arbeiten oder Freizeit haben.

Als Markus Albers 2008 in seinem Buch „Morgen komm ich später rein“ das Ende des 9-17-Uhr-Bürojobs bisheriger Machart beschrieb, waren es einzelne Konzerne, die besonderen Mitarbeitern besondere Freiheiten wie die Entbindung von der Präsenzpflicht ließen. „Heute bieten rund 70 Prozent aller Unternehmen mobiles oder flexibles Arbeiten,“ sagt Albers - wenn auch natürlich nicht für alle Angestellten.Aber theoretisch könnten 50 Prozent aller Beschäftigten ortlos arbeiten. Ob Entwicklung, Produktion, Service, Logistik oder Verwaltung: „Wer zu den Wissensarbeitern zählt, für den wird der Arbeitsort zunehmend zweitrangig“, so Albers.

Motiviert von Initiativen wie „Erfolgsfaktor Familie“, einem Programm von Bundesregierung und DIHK, locken schon heute immer mehr Unternehmen Arbeitnehmer mit einem Leitbild, dem Albers den Titel „Easy Economy“ gegeben hat. Zu sehen ist die entspannte Art des Einkommenserwerbs meist in Werbebildern: die junge Mutter, die zu Hause neben dem schlafenden Kind am Laptop arbeitet. Oder der Produktentwickler, der in seinem Häuschen im Grünen von der Natur inspiriert wird.

Neue Chancen, neue Probleme

Eine immer bessere Technik lässt viele Beschäftigte diesem Ideal auch näherkommen. Hard- und Software entwickeln sich rasant weiter, die Vernetzung via Internet wird schneller, flächendeckender, billiger. Ein Laptop und ein Smartphone genügen schon heute nicht nur, um ein Produkt zu entwickeln, sondern um einen ganzen Konzern zu steuern, mit Kunden oder Kollegen rund um den Erdball zu kommunizieren oder die Erfahrungen eines Arbeitslebens weiterzugeben.

Allerdings werde es in dieser Entwicklung auch Verlierer geben, sagt Catherine Hakim. In einem Interview mit der Tageszeitung „Die Welt“ warnt die Arbeitsforscherin an der London School of Economics vor den Schattenseiten der „Easy Economy“: Nur mit guter Ausbildung, hoher geistiger Flexibilität, lebenslangem Lernen, technischer Unbefangenheit, Freude an Kommunikation, Kompetenz, Selbstbewusstsein und ohne Existenzangst können die Vorteile genossen werden.

Kurz gesagt: Sich nicht von der Arbeit stressen zu lassen, kann ganz schön stressig werden, auch wenn’s nicht danach aussieht. Denn was hilft der Mutter die Möglichkeit der Heimarbeit nahe ihrer Kinder, wenn alle paar Minuten ihr Handy eingehende Mails oder Anrufe signalisiert? Wie schön ist Sport oder der Einkauf, wenn währenddessen wichtige berufliche Entscheidungen gefällt werden?

Parallel zum technischen Fortschritt wachsen die Bedenken der Arbeitsmediziner, dass die neue Arbeitskultur auch neue Probleme bringt. Trotz immer mehr „Freiangestellter“ fühlen sich mehr und mehr Beschäftigte gestresst. Nur ein Jahrzehnt haben psychische Erkrankungen gebraucht, um bei den Fehlzeiten Bronchitis, Bandscheibenvorfall & Co. einzuholen. Selbst der überzeugte Freiarbeiter Albers fordert daher neue, freiwillige Regeln: „Mails nur mehr dreimal täglich beantworten – warum nicht? Oder am Wochenende nur noch E-Mail-Versand, keine Antworten mehr.“

Die Arbeitswelt der Zukunft besteht jedoch nicht nur aus „Easy Economy“ – auch dafür sorgt die Demografie. „Das größte Nachfragewachstum sehen wir in der Gesundheitssparte“, sagt Gerd Zika voraus. Der Wissenschaftler am Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg hat mit Kollegen in einer Studie den deutschen Arbeitsmarkt bis 2030 vorherzusagen versucht.

Heraus kam dabei eine verglichen mit den heutigen Verhältnissen relativ ähnliche Beschäftigungswelt, in der – demografiebedingt – etwas weniger Arbeitnehmer etwas mehr Arbeitsvolumen stemmen werden.

Innerhalb dieser Arbeitswelt wird sich die Nachfrage zunehmend an den immer weniger verfügbaren Kräften orientieren. Zika sieht das demografische Minus von rund vier Millionen Arbeitskräften weniger in 2030 vor allem bei der so genannten „mittleren Qualifizierungsebene“, also bei Facharbeitern und -angestellten, am deutlichsten durchschlagen. „Immer weniger kommen nach, von denen immer mehr an die Hochschulen drängen“, so Zika. „Das ist auch in Ordnung, denn wir brauchen viele Akademiker. Wir brauchen aber auch gute Leute, die Entwicklungen umsetzen, die montieren und reparieren können.“

Wer in Zukunft gebraucht wird

Wer also etwas handwerklich gut und zuverlässig produzieren kann, außerdem gute Verkäufer oder Dienstleister werden auch in 20 Jahren ein gutes Auskommen haben, prognostiziert das IAB. Schlechter seien die Perspektiven für Verwalter, Servicekräfte oder den Öffentlichen Dienst, wo technischer Fortschritt oder Outsourcing für ein sinkendes Arbeitsvolumen sorgen. Auf der Gegenseite wächst der Bedarf an Betreuung und Pflege bei Kindern und Senioren: Verglichen mit heute wird der Bedarf an Arbeitsstunden um rund 20 Prozent zunehmen, haben die IAB-Forscher hochgerechnet.

Beeindruckt von so viel Computertechnik stellt sich James Bond die Frage: „Braucht man mich eigentlich noch?“ „Ja“, antwortet ihm der Computerfreak Q, „irgendjemand muss ja den Abzug drücken“. Von IAB-Forscher Zika in die Arbeitswelt von Nicht-Agenten übersetzt heißt das: „Gerade im Pflegen oder Betreuen sind Computer ganz schlecht.“

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