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Strafprozess

Wenn Opfer allein gelassen werden

Für den Strafvollzug gibt der Staat jährlich Milliarden aus. Um die Hilfe für die Opfer steht es allerdings weniger gut, wie das Beispiel von Franziska S. zeigt.
Von Maria Gruber, MZ

Wer Opfer einer Gewalt- oder Sexualstraftat geworden ist, braucht Hilfe. Bleibt diese aus, kann das schwerwiegende Folgen haben. Wie bei Franziska S. Foto: Weißer Ring

Regensburg.Wer Franziska S. gegenübersitzt, sieht ihr nicht an, was sie durchgemacht hat. Wie sehr sie gekämpft hat, bis sie war, wo sie heute ist. Sie strahlt Kraft aus, ihre dunklen Augen funkeln. Sie spricht sehr kontrolliert, vor allem, wenn es um das Thema geht, über das sie so lange geschwiegen hat. Franziska S. (Name von der Redaktion geändert) wurde von ihrem Vater sexuell missbraucht – und hat sich weitgehend selbst aus ihrer Misere befreit. Musste sie auch. Denn der Staat kam der 47-Jährigen aus dem Landkreis Kelheim nicht zuhilfe.

Umso mehr fühlte sich Franziska S. von einer Anzeige angesprochen, die Dr. Thomas Galli in der MZ vor einigen Monaten geschaltet hat. Er wollte in Kontakt mit Opfern von Gewalt- oder Sexualstraftaten kommen – ungewöhnlich, denn als Abteilungsleiter in der Justizvollzugsanstalt Straubing ist er eigentlich für die Resozialisierung von Straftätern zuständig. Doch der Kriminologe Galli macht sich zunehmend Gedanken über das, was mit ihren Opfern geschieht: „Ich bekomme täglich hautnah mit, wie viel Geld und Aufwand in die Behandlung von Straftätern investiert wird – oft genug mit zweifelhaftem Erfolg.“ So seien etwa Täter mit dissozialen Störungen so gut wie nicht therapierbar. Versucht werde es trotzdem.

Auf die Anzeige haben sich einige Betroffene gemeldet, darunter auch Franziska S. „Meine Befürchtung wurde bestätigt, dass die Unterstützung für die Opfer marginal ist. Viele bekommen kaum oder viel zu spät und zu wenig Unterstützung und leiden so oft ein Leben lang“, sagt Thomas Galli.

Nur wenige erhalten Entschädigung

Für finanzielle Unterstützung soll eigentlich das Opferentschädigungsgesetz (OEG) sorgen. Es sieht eine Entschädigung für Menschen vor, die der Staat nicht vor Gewalttaten schützen konnte. Ein edles Motiv. Glaubt man Statistiken der gemeinnützigen Opferschutzorganisation Weißer Ring, erhielten im Jahr 2011 allerdings nur knapp vier Prozent der etwa 197.000 Gewaltopfer eine Entschädigung. „Das Gesetz ist ein ziemlich gut gehütetes Geheimnis und in der praktischen Umsetzung unheimlich schlecht“, sagt Veit Schiemann vom Weißen Ring. Nur zehn Prozent der Gewaltopfer würden bundesweit überhaupt einen Antrag auf Entschädigung stellen, so unbekannt sei das OEG. Bayern liegt mit knapp zehn Prozent im Bundesschnitt, Spitzenreiter ist Brandenburg, wo sich laut Statistik mehr als 17 Prozent der Gewaltopfer bemühten, die staatliche Leistung zu erhalten.

Auch Franziska S. weiß jahrelang nichts von der Existenz dieses Gesetzes und stellt erst vor zwei Jahren einen Antrag auf Opferentschädigung. Vergeblich. Warum ihr Antrag abgelehnt wurde weiß sie nicht. Eine Begründung habe sie nie bekommen. Für Schiemann ist der Grund klar: Der Staat will sparen, denn Opferhilfe koste Geld – Geld, das der Staat offenbar nicht bereit sei, auszugeben – oder eben falsch verteile. „Opfer werden von der deutschen Gesellschaft und vom deutschen Staat immer und immer wieder vergessen.“

Franziska S. leidet heute noch an den Folgen dessen, was ihr Vater ihr angetan hat. Mit acht Jahren fängt es an. Seitdem kommt ihr Vater immer und immer wieder in ihr Zimmer. Hunderte Male vergewaltigt er sie. „,Wenn du etwas erzählst, bringe ich die ganze Familie um‘, hat mein Vater gedroht“, sagt sie. Und das wirkt. Nie verliert das Mädchen auch nur ein Wort darüber, was ihr angetan wurde. Bis zu diesem Tag, der etwa 30 Jahre zurückliegt. In der Lehre zur Fleischerin verletzt sich die damals 17-Jährige so schwer, dass sie ins Krankenhaus muss. Es sind die ersten beiden Wochen ihres Lebens, die sie ohne Angst verbringt. Als ihre Schwester sie besucht und fragt, warum ihr Vater noch nicht da war, bricht sie ihr Schweigen. „Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich mich offenbart.“ Gleichzeitig erfährt sie, dass sie nicht das einzige Opfer ist. Ihr Vater hatte auch ihre Schwester missbraucht – genauso wie zwei weitere Geschwister. Noch am selben Tag zeigen sie ihn an. Er wird verhaftet.

Zur Vernehmung von Franziska S. kommt die Kripo zu ihr ins Krankenhaus. „Das war das allerschlimmste, mit einem Fremden, und dann auch noch mit einem Mann darüber zu sprechen.“ Speziell geschulte Beamtinnen, die Opfer in solchen Fällen heutzutage vernehmen, gibt es noch nicht. Für Franziska S. bleibt es nicht bei dieser einen Aussage. Vier Wochen später muss sie bei der Verhandlung alles wiederholen – und das auch noch vor Besuchern und Presse, die beim Prozess plötzlich zugelassen sind, obwohl ihr zuvor versichert worden war, dass die Verhandlung nicht öffentlich sein würde. „Das war grausam für mich. Ich habe mich so geschämt und dann nicht die volle Wahrheit gesagt.“

Franziska S.’ Vater wird zu vier Jahren Haft verurteilt, wird nach zweieinhalb Jahren wegen guter Führung aber wieder entlassen. Ein solch geringes Strafmaß sei heute nicht mehr denkbar, sagt Thomas Galli. Zudem wäre eine Sexualtherapie Pflicht, was die Kosten für den Strafvollzug und die Therapie eines Sexualstraftäters – mit angeschlossener Sicherungsverwahrung – in die Millionen treibe. So wurden 2012 für den Justizvollzug in Bayern nach Angaben des Ministeriums 321 Millionen ausgegeben. Deutschlandweit dürften es drei bis vier Milliarden Euro sein, schätzt Galli. Nur etwa 200 Millionen Euro pro Jahr geben Bund und Länder hingegen dafür aus, Opfer nach dem OEG zu entschädigen. Für den JVA-Abteilungsleiter Galli ist klar: „Da läuft gesellschaftlich etwas falsch.“

Bei Franziska S. geht es abwärts

Beim Opferschutz hat sich in den letzten Jahrzehnten viel getan. „Es werden Mehrfachvernehmungen vermieden, die Polizei macht Videovernehmungen, Opfer dürfen zur Verhandlung Begleitpersonen mitnehmen und es gibt den Nebenkläger, der mit bestimmten Rechten ausgestattet ist und etwa ein Plädoyer halten kann“, erklärt Schiemann. Seit Oktober 2012 gibt es in Bayern zudem die Stiftung Opferhilfe. Sie soll Menschen helfen, die durch Straftaten geschädigt werden und weder vom Täter noch vom Sozialsystem einen Ausgleich erhalten. Laut Justizministerium sind bis April diesen Jahres 41 Anträge eingegangen, sechs wurden bewilligt. Bisher ausgezahlter Betrag: 21.000 Euro. Zum Vergleich der Betrag, den der Weiße Ring in Bayern 2012 an Opfer von Gewalttaten ausgezahlt hat: eine halbe Million Euro.

„Der Staat hat mir überhaupt nicht geholfen“, sagt Franziska S., die immer weiter abrutscht. Dass die Kripo der Mutter eine Psychotherapie für ihre Tochter empfohlen hat, erfährt Franziska S. erst Jahre später, denn zwei Wochen nach dem Prozess schmeißt ihre Mutter sie aus der Wohnung. In ihrem Leben sieht sie keinen Sinn mehr. Sie will es beenden. Ihre Chefin ist es, die Franziska S. damals entdeckt und ihr so das Leben rettet. „Ich wusste nicht mehr weiter. Wenn da jemand gewesen wäre, der mich an der Hand genommen hätte, glaube ich, ich hätte nicht versucht, mich umzubringen. Da war aber niemand.“

Sie wird in die Psychiatrie eingeliefert. Danach versucht sie erst mit Alkohol, dann als Abteilungsleiterin, mit Arbeit ihren Schmerz zu ersticken. „Ich war ein Workaholic. Ein 16-Stunden-Tag war für mich normal. Ich hab alles vergessen und mich pudelwohl gefühlt. Ich habe eine tolle Karriere gemacht. Da war ich glücklich.“

Eine ganze Zeit lang funktioniert sie und ihr Leben auf diese Weise. Ein weiterer Schicksalsschlag zerstört jedoch ihr mühsam aufgebautes Stabilitätskonstrukt. 2008 stirbt ihr Freund bei einem Unfall, wenig später ihre Tante. Die damals 43-Jährige bricht völlig zusammen. „Ich konnte nicht mehr laufen, ich habe nur noch geheult. Ich hatte keine Lebenslust mehr. Plötzlich war alles, was damals passiert ist, wieder da.“

Vater kommt bald wieder frei

Es vergehen vier bis fünf Jahre, bis sie sich wieder im Leben zurechtfindet. Eine sehr intensive Traumatherapie hilft ihr dabei. Diese aber bricht sie ab. Sie will weiterarbeiten, in ihrem alten Beruf kann sie wegen der extremen Rückenschmerzen aber nicht mehr bleiben. Sie schult zur Industriekauffrau um und arbeitet nun im Home-Office. Schmerzen hat sie noch – Massagen oder Krankengymnastik zahlt ihr die Krankenkasse aber nicht so oft, wie sie sie bräuchte.

Ein Aufenthalt in der Psychiatrie, eine Schmerztherapie, eine neun Monate dauernde Traumatherapie und eine Umschulung. Das ist, was Franziska S. an Unterstützung vom Staat auf ihrem schweren Lebensweg bekommen hat. „Ich würde mir wünschen, dass ich aufgeklärt worden wäre – von der Polizei, von den Richtern, von den vielen Ärzten und Therapeuten, die ich besuchte – wie Opfern geholfen werden kann. Das ist aber nie geschehen.“

Franziska S. weiß: Ihr Leben wird bis ins Grab von dem geprägt sein, was ihr Vater ihr angetan hat. Doch sie versucht, ihre Vergangenheit Stück für Stück aufzuarbeiten. Vor vier Jahren legte sie ihren Mädchennamen ab. „Es war zu belastend, diesen Namen zu tragen. Das hat mir wahnsinnig geholfen.“ Mit ihr geht es aufwärts. Bei ihrer Umschulung hat sie ihren heutigen Partner kennengelernt. Er ist für sie der Stabilitätsanker, den sie schon so lange braucht. „Wenn ich ihn nicht getroffen hätte, wäre ich heute nicht mehr da“, sagt Franziska S. Jetzt muss sie nicht mehr ganz alleine stark sein.

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