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Glaubwürdigkeit
Montag, 29. Mai 2017 30° 2

Kommentar

Provinziell? Aber gerne!

Keinem Medium vertrauen die Deutschen mehr als Regionalzeitungen – aus guten Gründen, wie unsere NewsDesk-Leiterin erklärt.
Von Claudia Bockholt, MZ

Im Spätherbst 2015 entlud sich gewaltiger Zorn über Journalisten in Deutschland – zu Recht, wie zwischenzeitlich eine Studie der Hamburg Media School nahelegt. Demnach war die Berichterstattung über die Flüchtlingswelle nicht ausgewogen. Die Probleme, die mit den Asylbewerbern ins Land kamen, wurden zu lange ausgeklammert, die Berichterstattung hinkte den wachsenden Sorgen der Bevölkerung hinterher. Mit kritischen Anrufen und Zuschriften mussten sich alle Redaktionen, auch die der Mittelbayerischen, seither auseinandersetzen. Sie waren ein Weckruf.

In den Verlagen wurden die Vorwürfe diskutiert, die eigenen Haltungen selbstkritisch hinterfragt. Seither kommt auch Heikles zur Sprache: Sozialmissbrauch, gescheiterte Integration, die Diskriminierung von Frauen, Schwulen und Andersgläubigen unter Migranten. Doch eines bleibt dabei deutlich festzuhalten: Wir haben uns dem Grundgesetz verpflichtet. Fremdenfeindlichkeit, Diskriminierung von Minderheiten oder Antisemitismus werden wir auch in Zukunft nicht Vorschub leisten.

Eine problembewusstere Berichterstattung wird allerdings geschätzt und von den Lesern gewürdigt. Die Presse hat sich aus dem Glaubwürdigkeitstief herausgearbeitet, wie jüngste Studien belegen. Mehr noch: Im Umfeld von gefälschten Nachrichten, alternativen Fakten und Filterblasen in den Sozialen Netzwerken bauen die Menschen stärker denn je auf klassische Medien.

Im Umfeld von gefälschten Nachrichten, alternativen Fakten und Filterblasen in den Sozialen Netzwerken bauen die Menschen stärker denn je auf klassische Medien.

Den dicksten Vertrauensvorschuss gewähren Leser den Lokalzeitungen. Ihnen sprechen auch junge Menschen die höchste Glaubwürdigkeit zu. Die Gründe liegen auf der Hand: Wie Donald Trump nun wirklich tickt, ob Angela Merkel nur stoisch oder störrisch ist, Martin Schulz ein Macher oder ein Maulheld – davon können sich die wenigsten Bürger selbst ein Bild machen. Ob aber die Fassade des neuen Schulgebäudes wirklich so scheußlich ist, wie die Opposition behauptet, oder das neue Stück am Stadttheater tatsächlich so mitreißend, wie der Kritiker geschrieben hat – das ist leicht überprüfbar. Lokale und regionale Nachrichten unterliegen dem strengsten Faktencheck überhaupt: dem des Lesers vor Ort.

Was sagen unsere Leser? Antworten finden Sie hier:

Für wie glaubwürdig halten Sie die Tageszeitung?

Eine Regionalzeitung kann auch nicht nach dem Prinzip der verbrannten Erde verfahren. Unsere Redakteure müssen den Betroffenen morgen wieder in die Augen sehen. Überregionalen Zeitungen kann das egal sein. Sie berichten – gerne von oben herab–, wenn es einen Skandal gibt. Sie berichten nicht über die Debatte um die neue Ortsumgehung und schon gar nicht über die Ehrung bei der Freiwilligen Feuerwehr. Wenn das provinziell ist, sind wir es gerne. Wer kontrolliert die Gemeindeverwaltung, wenn nicht die lokalen Reporter vor Ort, die Mutmaßungen von Fakten zu unterscheiden wissen?

Lokale und regionale Nachrichten unterliegen dem strengsten Faktencheck überhaupt: dem des Lesers vor Ort.

In wenigen Tagen, am 3. Mai, wird weltweit der Tag der Pressefreiheit begangen. In Deutschland erscheint dieses Grundrecht so selbstverständlich wie sauberes Trinkwasser aus dem Hahn. Dass es keineswegs überall fest verankert ist, führt nicht nur die Türkei schaurig vor, wo kritische Journalisten eingekerkert werden. Das zeigt auch ein Blick nach Russland und in die USA, wo Putin und Trump krudeste Lügen verbreiten und Journalisten, die sie enttarnen, platt diffamieren. In Russland gibt es längst keine mediale Kontrolle mehr – und damit keine Informations- und Meinungsfreiheit. In den USA allerdings stärken Trumps „alternative Fakten“ etablierte Medienhäuser wie die „New York Times“.

Keine Krise ohne Chance: Das gilt auch für den Journalismus in Deutschland.

Keine Krise ohne Chance: Das gilt auch für den Journalismus in Deutschland. Die aktuellen Glaubwürdigkeitswerte spornen an, das große Vertrauen muss uns Verpflichtung sein. Dass Journalismus, der diesen Namen verdient, nicht kostenlos zu haben ist, soll nicht verschwiegen werden. Doch der Wert der Presse- und Meinungsvielfalt, wie wir sie in Deutschland genießen, ist gar nicht in Zahlen zu fassen. Hier darf man sich als Zeitungsleser zwischendurch auch mal gescheit ärgern. Ohne Angst und Repression anderer Meinung sein zu können: Das ist ein beneidenswertes Privileg.

Mehr zu unserer Glaubwürdigkeits-Initiative lesen Sie hier!

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