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Domspatzen-Opfer wollen abschließen

Zwei Jahre lang hat ein Sonderermittler die Missbrauchsfälle aufgearbeitet. Das Ergebnis erwarten Betroffene mit Spannung.
Von Christine Straßer, MZ

Peter Schmitt (l.) und Alexander Probst erlebten bei den Domspatzen massive Gewalt und sexuelle Übergriffe. Foto: dpa

Regensburg.Zwei Jahre intensive Recherche und Auswertungsarbeit liegen hinter Rechtsanwalt Ulrich Weber. In einer Woche (18. Juli) wird er seinen Abschlussbericht zum Missbrauchs- und Misshandlungsskandal bei den Regensburger Domspatzen vorstellen. Mit Spannung blicken Alexander Probst und Peter Schmitt diesem Tag entgegen. Dann erfahren auch sie, die als Opfervertreter im Aufarbeitungsgremium mitgearbeitet haben, zu welchen Endergebnissen der Sonderermittler kommt.

Das Bistum hatte den Anwalt beauftragt, die Geschichte der Übergriffe aufzuarbeiten. Weber führte hunderte Interviews mit möglichen Opfern und Verantwortlichen. Im vergangenen Oktober wurden zuletzt Zahlen bekannt. Bis dahin hatten sich 422 ehemalige Schüler und Chorknaben gemeldet, die angaben, von Lehrern und Priestern zwischen 1945 und Anfang der 1990er Jahre sexuell missbraucht oder körperlich misshandelt worden zu sein. Von seiner Schätzung, es könne insgesamt um rund 700 Fälle in diesem Zeitraum gehen, wollte Weber damals nicht abrücken. Seinen Abschlussbericht verschob der Rechtsanwalt mehrmals. Die Verzögerungen erklärte er damit, dass sich immer wieder neue Informationen ergeben hätten, die er berücksichtigen wollte.

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Kommentar

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Jahrelang allein mit Erlebnissen

Er habe große Erwartungen, sagt Alexander Probst. Die Zahlen seien eine wichtige Grundlage für die Studien, die das Aufarbeitungsgremium angestoßen habe, und für das Anerkennungsverfahren, führt der gebürtige Regensburger aus, der heute eine Hundeschule in Dietfurt betreibt. Als Elfjähriger wurde Probst am Musikgymnasium von seinem Betreuer missbraucht. Als er sich seinem Vater anvertraute, hatte sein Martyrium ein Ende, weil dieser ihn umgehend von der Schule nahm. Konsequenzen für seinen Peiniger gab es nicht. Probst blieb auch mit seinen schrecklichen Erinnerungen allein. Jahrelang trug er die Erlebnisse mit sich herum. 2010 entschied er sich dann, damit an die Öffentlichkeit zu gehen. Beim Bistum Regensburg fand Probst jedoch kein Gehör. Die gleiche Erfahrung mussten weitere Betroffene machen, die von Schlägen und und sexuellen Übergriffen in ihrer Zeit bei den Domspatzen berichteten. Unter Kardinal Gerhard Ludwig Müller, der bei Bekanntwerden des Skandals 2010 Bischof von Regensburg war, kam eine Aufarbeitung des Skandals über Jahr hinweg nicht in Gang.

Scharfe Kritik am Kardinal

„Für mich war es mehr als befremdlich und teilweise unter der Gürtellinie, wie damals mit der Thematik umgegangen wurde“, sagt Peter Schmitt, der heute Mediendirektor des Deutschen Leichtathletikverbandes ist. An der Vorschule der Domspatzen in Etterzhausen erfuhr Schmitt von 1969 bis 1971 massiv körperliche Gewalt. Dass Papst Franziskus sich vor kurzem von Kardinal Müller in seiner Funktion als Präfekt der Glaubenskongregation getrennt hat, begrüßt Schmitt. Die Entscheidung sei sehr klug und gut. Eine selbstkritische Haltung vermisse er bei Müller bis heute. Probst wird deutlicher: „Dieser Mann hat bis heute nicht begriffen, dass es angebracht ist in seiner Rolle auch Demut zu zeigen.“ Dem Papst sei gar keine andere Wahl geblieben, als Müller aus seinen Ämtern zu entfernen, urteilt Probst.

Im Aufarbeitungsgremium hatten die Opfervertreter angestrebt, mit Müller ein Gespräch über die Missbrauchsfälle bei dem weltberühmten Chor zu führen. Es kam jedoch bislang nicht zustande. Probst fügt hinzu, dass es für ihn persönlich mittlerweile aber auch gar nicht mehr wichtig sei. Kardinal Müller habe sich als ein Mensch erwiesen, den er noch nicht einmal mehr ignorieren wolle. Vollkommen andere Erfahrungen machten Probst und Schmitt hingegen bei der Arbeit im Aufarbeitungsgremium mit dem heutigen Regensburger Bischof, Rudolf Voderholzer. Mit ihm war es möglich, auf Augenhöhe zu diskutieren. Probst betont, wie wichtig es für ihn gewesen sei, zu spüren, dass in dieser Runde gemeinsam etwas bewegt werden konnte.

Mit dem Erreichten sind die Opfervertreter zufrieden. „Ob die soziologische und historische Studie, das therapeutische Zentrum MIM in München, die Anträge zu den finanziellen Anerkennungsleistungen in Höhe von 5000 bis 20 000 Euro, über die das Anerkennungsgremium entscheidet – in allen Bereichen wird mit Akribie gearbeitet“, befindet Schmitt. Für ihn sei wichtig gewesen, Lösungen zu finden, die Menschen helfen. Dabei ging es um Missbrauchsfälle aus den Jahren 1949 bis 1992, was immer wieder klar kommuniziert werden muss.

Vier Säulen der Aussöhnung

  • Therapie

    Einrichtung einer von der Kirche unabhängigen Beratungs- und Therapiestelle beim Münchener Informationszentrum für Männer, bei der die Betroffenen kostenlose Hilfe bekommen.

  • Sozialwissenschaftliche Studie

    Eine sozialwissenschaftliche Studie, die in die Zukunft gerichtet ist, soll helfen, Missbrauchs- und Misshandlungsfälle zu vermeiden.

  • Historische Studie

    Eine historische Studie soll unter anderem zeigen, ob Georg Ratzinger, ehemaliger Leiter der Domspatzen und Bruder des emeritierten Papstes Benedikt XVI., etwas von den Misshandlungen wusste. Er hatte bestritt von sexuellem Missbrauch gehört zu haben.

  • Entschädigung

    Eine als „Anerkennungsleistung“ bezeichnete Entschädigung, die je nach Schwere des Falls 5000, 10 000, 15 000 oder 20 000 Euro betragen soll. Über die Zahlung entscheidet ein Gremium, das mit unabhängigen Experten besetzt ist. Die ersten Auszahlungen sollen in der zweiten Jahreshälfte erfolgen.

Beide Opfervertreter versichern, dass die Arbeit im Aufarbeitungsgremium, für sie persönlich wichtig war. „Ich habe meinen Frieden gefunden“, sagt Probst. Schmitt erklärt, dass er Dinge, die er über Jahre verdrängt habe, heute besser einschätzen könne. Beide Männer betonen zudem, dass jeder Betroffene für sich selbst entscheiden müsse, wie er Frieden schließe. Schmitt führt aus: „Ich persönlich bin an dem Punkt angelangt, wo ich sage: Ich will einen Schlussstrich ziehen.“

Eine Chronologie des Missbrauchsskandals bei den Regensburger Domspatzen sehen Sie hier:

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  • AO
    Angelika Oetken
    10.07.2017 23:19

    Wer entscheidet eigentlich, ob und wenn ja wie viel Anerkennungsleistungen ein mutmaßliches Opfer erhält? Und nach welchen Kriterien geschieht das?

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  • AO
    Angelika Oetken
    10.07.2017 22:05

    Opfer berichten, dass in Regensburg Ende der 60er Jahre ein so genannter "Pädophilenring" existierte, an dem auch hoch gestellte Persönlichkeiten beteiligt waren. Diese Bande von Kindesmissbrauchern soll dann auf Betreiben von Stadträten aus Regensburg vertrieben worden sein. Organisierte Missbrauchskriminalität ist auch in Deutschland existent und gerade in den Jahrzehnten vor der großen Fernreisewelle agierte man lokal. Im Hinblick auf die Missbrauchskriminalität an Einrichtungen des Bistums Regensburg sollte man diesen Meldungen aber nachgehen. Sie könnten einiges im Hinblick auf die Vertuschung, aber auch die Protektion von Tätern erklären, was bis jetzt nicht fassbar erscheint.

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  • AO
    Angelika Oetken
    10.07.2017 20:26

    Gestern wies der Forist ccc im BR-Artikel "Kritik an der Papstkritik" darauf hin, dass das Vermögen der Stiftung Etterzhausen/Pielehofen dazu verwandt wurde, in Regensburg das Gebäude der Domspatzengrundschule zu errichten (Beitrag 18. Etwas unter Dach und Fach bringen). Wenn man bedenkt, wie schlecht viele Kinder in Etterzhausen versorgt worden sind, wie schäbig die Ausstattung war und dass ein einziger Erwachsener für die Beaufsichtigung von 100 Jungen im Grundschulalter eingesetzt wurde, dann muss die Stiftung im Laufe der Jahrzehnte ein beachtliches Vermögen angehäufelt haben. Zumal die Pensionen, die die Eltern zahlten, verhältnismäßig hoch waren und ordentlich Spenden flossen.

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    • AO
      Angelika Oetken 10.07.2017 20:30

      Internatsleiter Johann Meier sorgte dafür, dass sein Haus immer ausgelastet war, ggf. auch, indem er Kinder trotz ausreichender Leistungen nicht versetzte und den Eltern einredete, dies sei notwendig und sie müssten die Klasse wiederholen, also am Internat verbleiben. Die Umwandlung des Siftungsvermögens geschah 2012/13. So dass noch Dokumente über deren wirtschaftliche Situation vorhanden sein müssten. Auch deren Auswertung ist ein unverzichtbarer Teil der Aufklärungsarbeit. Überall, wo innerhalb von Organisationen über Jahrzehnte systematisch Kinder sexuell ausgebeutet werden, erfüllt das einen institutionellen Zweck. Die Täter und Mittäter üben Begleit- und Beschaffungskriminalität aus.

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