Unter Piratenflagge
Über den Wolken der real-analogen Welt, soll die digitale Freiheit im Cyberspace grenzenlos sein: So wollen es die Hauptleute der am Wochenende deutschlandweit gegründeten Piratenpartei. Sie legen mit diesem Freiheitsversprechen eine Lunte mitten hinein in die Pulverkammer der angsterfüllten Gefühlslage einer Nachwuchsgeneration, die sich zu 85Prozent als unpolitisch versteht und darauf stolz ist.
Lebenserfahrungen in Schulen, Universitäten und im Beruf, so die jungen Leute überhaupt einen mies bezahlten und befristeten Job ergattert haben, sind für zu viele und zu oft mit Kränkungen ihres Egos verbunden. Chatten, Twittern, Bloggen und Ballerspiele im Internet geben ihnen ihre Selbstwertgefühle zurück. „Ich chatte, also bin ich.“
Virtueller Befreiungsschlag gegen die normative Kraft des Faktischen im dröge-stressigen Alltag. Lebenskampf real – nein danke. Nicht von ungefähr hat die Piratenpartei in Universitätsstädten die meisten Anhänger. Zeit und Raum zur Erzeugung von Massenhysterie sind mit einem Mausklick zu überwinden. Im Tempo des Elektronikzeitalters kamen über 100000 Unterschriften für eine Petition gegen das von Familienministerin Ursula von der Leyen („Zensursula“) initiierte Gesetz zum Stoppen der Kinderpornografie zustande. Man führt das große Wort von der Freiheit, meint aber allzu oft schrankenlose Freizügigkeit und vor allem Freizeit.
Der Staat mit seinen Normierungen habe sich aus diesem letzten Paradies gefälligst raus zu halten. Die Durchsetzung von Gesetzen wie die zur Verfolgung von Kinderpornografie sei des Teufels, weil Zensur. Nazi-Propaganda im Netz: Warum nicht? Man darf sich doch selbst seine Meinung bilden. Das Internet als postmoderner Pranger mit Platz für Spott, Verleumdung und Beleidigung: Ist doch halb so schlimm. Die Gedanken sind frei. Selbstredend: Urheberrecht, Patentrecht und geistiges Eigentum müssten als Hemmschuhe der persönlichen Entfaltung auf dem Müllhaufen der Geschichte landen. Im Cyberspace, dem Neverland für Jedermann, der wie Michael Jackson nicht erwachsen werden will, sei die Regellosigkeit das einzige Gesetz.


