Für Guido Zander ist der Main-Donau-Kanal kein Ärgernis, sondern eine Bereicherung. Der Leiter des Wasser- und Schifffahrtsamtes in Nürnberg glaubt daran, dass die Wasserstraße ihre Kapazitäten bald voll ausschöpfen kann. Der Bund Naturschutz hält dagegen. Fotos: Durain
Von Pascal Durain, MZ
Beilngries. Auch wenn der Hausherr spricht, geht der Betrieb weiter. Im grauen Anzug steht Guido Zander vor einer Schar Journalisten in der Steuerzentrale der Schleuse in Hilpoltstein, als gerade ein Güterschiff nach unten gelassen wird. Nach unten – das sind von hier im vierten Stock aus knapp 25 Meter, viele Tonnen Wasser werden abgepumpt, damit 660 Tonnen Dünger, die der lange Kahn „Herbert“ geladen hat, den Main-Donau-Kanal passieren können. Und dieser Moment kommt wie gerufen. Der Wasserweg ist für die einen eine technische Meisterleistung, die die Wirtschaft beflügelt – für die anderen ist der Kanal die teuerste Freizeitwasserstraße der Welt, die gigantische Umweltschäden angerichtet hat. Am 25. September wird der Main-Donau-Kanal 20 Jahre alt.
Der Hausherr erzählt, dass der Kanal auch im Jubiläumsjahr noch Kapazitäten frei habe, sich aber als Wasserstraße längst bewährt hätte. Guido Zander muss das sagen, er ist der Leiter des Wasser- und Schifffahrtsamts Nürnberg. Wenig später räumt er aber ein, dass sich der Kanal betriebswirtschaftlich nicht rechne und nur 20 Prozent seiner eigenen Kosten decken könne. Volkswirtschaftlich sei das natürlich anders zu sehen. Es ist kurz nach 10 Uhr; die Pressefahrt der Wasser- und Schifffahrtsdirektion Süd hat begonnen.
Wiedersehen mit alten „Kämpfern“
Der Bund Naturschutz (BN) sieht das anders. Am Montag machten das die Mitglieder an der Schiffsanlegestelle Beilngries klar. Es ist 10.05 Uhr, die Pressefahrt der Kanalkritiker beginnt: Ein Pfundskerl mit Janker und Goldrandbrille steigt aus dem Reisebus aus und schüttelt die Hände alter Bekannter. Dieser Mann ist einer der letzten aktiven „Kämpfer“ gegen den Kanalausbau, wie er von sich selbst sagt. Aber heute ist er auch der Landes- und Bundesvorsitzende der Naturschützer: Professor Dr. Hubert Weiger. Schon vor vier Jahrzehnten gingen er und die Kreisgruppen auf die Barrikaden, als sie erfuhren, was die Betreibergesellschaft, die „RMD“, da vorhat, berichtet er: Eine der wichtigsten Wasserbundesstraßen sollte quer durch das Sulz- und Altmühltal verlaufen. Jetzt steht er unter der Brücke, blickt hinauf und schüttelt den Kopf und erklärt, welches Unrecht der Natur angetan und wie der Bau dieses Prestigeprojekts politisch durchgesetzt worden sei. Aber das sollen die Reporter mit ihren eigenen Augen sehen.
Alles einsteigen – der Bus legt ab. Hubert Weiger setzt sich ans Bord-Mikro und schildert, wie es hier früher ausgesehen hat, als sich das große Vehikel über die Straße nach Ottmaring quetscht. „Links sehen Sie jetzt, wie sich der Kanal in das Tal schneidet. 30 bis 40 Meter geht es da runter.“ Kurz darauf stoppt der Bus und die „alten Kämpfer“ und Journalisten folgen Weiger über einen Trampelpfad ins Ottmaringer Tal. Dann bleibt er wieder unter einer Kanalbrücke stehen und sagt, dass man entlang der Wasserstraße die Maximierung des Betons vorangetrieben habe. Die Ortschaften hätten sich das gefallen lassen, weil die Betreiber ihnen großzügig Versprechen gemacht hätten; so seien zum Beispiel die Trink- oder Abwassersysteme bezahlt worden. Aber die meisten Container-Lastschiffe könnten den Kanal gar nicht passieren – denn die Durchfahrtshöhe sei zu gering.
„Grün ist nicht gleich grün“
Nach ein paar hundert Metern ist die Gruppe am Ziel: einem Erdwall aus trockenen Moorschichten, der aus dem Boden ragt, an dem vorher der alte Ludwig-Donau-Main-Kanal entlang floss. Weiger stapft über das wuchernde Grün und reißt mühelos einen Torfklumpen aus der Wand, zerbröselt ihn. Der Wind trägt die Torfkrümel davon, die Journalisten machen Fotos und Weiger spricht über die fatale Entwicklung. „Hier wurde wertvollster ökologischer Lebensraum zerstört.“ Der Grundwasserspiegel sei hier abgesenkt worden. Dass die Landschaft blüht, von der er umgeben ist, täusche dabei das Bild von Touristen oder Laien: „Grün ist für die meisten gleich grün.“ Daher nehme man diese „Zerstörung“ kaum zur Kenntnis.
Das Wort Zerstörung fällt zwei Tage später nicht mehr. In der Revierzentrale in der Gösselthalmühle in Beilngries, der dritten Station der Wasser- und Schifffahrtsdirektion, ist nach Rundgang und Powerpoint-Präsentation Zeit, sich die Ausstellung zum Jubiläum anzuschauen. Die Brücken werden auf den Schautafeln als Blickfang beschrieben, der Kanal als technische Meisterleistung, der nicht nur in, sondern mit der Region geplant worden sei. Die Darlehen für den Bau seien längst zurückbezahlt worden. Und wenn man die Donau jetzt nicht ausbaue, hätte das Folgen für Umwelt und Anwohner. Die Gruppe stärkt sich beim Rundgang mit Semmeln. Alfred Baumeister erklärt später im selben Raum, wie umweltfreundlich die Staustufen beim geplanten Ausbau des Flusses zwischen Straubing und Vilshofen seien. Baumeister ist tatsächlich ein Baumeister. Er ist heute der Geschäftsführer der Rhein-Main-Donau Wasserstraßen GmbH, zuvor war er der Chef der RMD AG, die mit dem Kanalarbeiten beauftragt wurde.
Aber auch am Mittwoch will keiner abstreiten, dass ökologische Ziele in Beilngries und Dietfurt nicht erreicht worden sind. Dafür hat man andere Beispiele wie das Kreuzotter-Biotop an der Schleuse Aibach und Zahlen aus dem gleichen Gutachten parat, aus dem auch der Bund Naturschutz vor zwei Tagen zitierte. Alfred Baumeister hält dazu an der nächsten Station der Pressefahrt am Nachmittag die Broschüre „Dietfurts neue Biotope“ vor die Journalisten-Augen. Er steht vor der Eingangstür einer nachgebauten Keltenbehausung in dieser Stadt. Die Kolonne der Wasser- und Schifffahrtsdirektion Süd ist hierher gefahren, um zu zeigen, was man aus den archäologischen Ausgrabungen während des Kanalausbaus gemacht habe. „Der ökologische Ausgleich wurde voll erbracht. Der Erfüllungsgrad liegt bei 97 Prozent“, sagt Baumeister. Diese Ziele seien damals im Landschaftspflegeplan festgehalten worden. So etwas habe es vor dem Kanalbau zuvor nie gegeben. Viele Millionen Euro seien in Ausgleichsflächen investiert worden.
Von der Vision des Kanals
Die Mitglieder des Bund Naturschutzes kennen diese Zahlen. Schließlich haben sie vor Jahren um diese Summe gestritten. Aber für sie ist Ausgleich nicht gleich Ausgleich, denn zerstört sei nun mal zerstört. Als am Montag das zweite Ziel des Presse-Ausflugs, die Irrlewiesen, angesteuert wird, reichen die Reisenden Bücher und Fotografien herum. Der BN hat die Bauphase genau dokumentiert – und kann so blühende Landschaften neben abgestorbenen Baumleichen zeigen. In Dietfurt stoppt der Bus im Kreisverkehr, eine Frau übernimmt das Mikro und erklärt, wo nun die Reise hingeht, und warum die Firmen im Industriegebiet viele Hoffnungen in den Kanal setzten – und am Ende enttäuscht worden seien. Marlene Gmelch ist die BN-Ortsvorsitzende in Dietfurt. Nachdem die Gruppe ausgestiegen ist und eine Nase vom Klärwerksduft genommen hat, führt Gmelch alle auf eine große, grüne Wiese. Vor ihr liegt das Panorama des Wolfsbergs, den die Ortsgruppe vor einer Deponie bewahren konnte, erzählt Gmelch. „Aber da, wo wir jetzt stehen, war es zigtausende Jahre lang nass. Das war eine Nasswiese.“ Zwar sehe das knallige Grün gesund und gepflegt aus, sei es aber nicht. Die Irrlewiesen seien ein weiteres Beispiel für die Entwässerung der Landschaften. Die Bauern im Umkreis hätten jetzt die Folgen des Kanalbaus zu tragen – sie würden jetzt über ein Drittel weniger Ertrag klagen.
Kurz darauf fährt der Bus der Naturschützer wieder los. „Hat sich auch niemand in den Kanal gestürzt“, scherzt Weiger im Wissen, viele Sympathisanten an Bord zu haben. Dann geht es auf ins Gasthaus Stirzer. Jetzt ist es Zeit, den Tag noch mal zusammenfassen – und Weiger fängt zunächst selbstkritisch an. „Wir haben es nicht geschafft, die Eingriffe auszugleichen.“ Prompt folgt die Anklage: Was hier geschehen ist, sei ein Skandal für den Naturschutz. Keine einzige wirtschaftliche Prognose für das vom Steuerzahler finanzierte Projekt sei eingetroffen. Aber nun müsse man Lehren aus diesem Projekt ziehen: Keine Staustufe in Straubing Vilshofen! Die weitere Kanalisierung der Donau muss gestoppt werden! Von den Wasser- und Schifffahrtsämtern fordert er „Wiedergutmachung an unseren Flüssen“.
Bilanz bei Kaffee und Kuchen
Zwei Tage später herrscht im selben Gasthaus wieder eine ganz andere Stimmung. Die Gruppe sitzt in einem Nebenzimmer und bestellt Kaffee und Kuchen. Wie der Bund Naturschutz zu so unterschiedlichen Prognosen über die Wirtschaftlichkeit des Kanals komme, kann sich Guido Zander nicht erklären. Der ein oder andere habe wohl eine Vision bei der Eröffnung des Kanals gehabt. Er präsentiert Zahlen, die einen Anstieg des Güterverkehrs verkünden. Aber hier soll es jetzt um den Fremdenverkehr gehen. Die Hausherren des Gasthofs haben das Wort; der Kaffee kommt, der Betrieb läuft weiter.