Merkel bringt die CSU zum Schnurren
Umfragen lassen die CSU zum Parteitag jubeln - und von der Rückeroberung der absoluten Mehrheit in Bayern träumen. CDU und CSU demonstrieren den Schulterschluss.
Spalier und stehende Ovationen für die Kanzlerin – und ein CSU-Chef, der Komplimente macht: Die Union geht auf Schmusekurs. Foto: dpa
München. Die CSU demonstriert bei ihrem Parteitag ein kleines Wunder, das der Bundestagsabgeordnete Peter Gauweiler als neuen Beweis für das „bayerische Paradox“ betrachtet: Der Europa-Leitantrag ist wie eine weite Decke geknüpft, unter die Euroskeptiker und Eurobefürworter gleichermaßen behaglich schlüpfen können. So wird er nach knapp dreistündiger Aussprache trotz des hoch kontroversen Themas ohne eine einzige Gegenstimme verabschiedet. Selbst Gauweiler, dessen Skepsis gegen Rettungsschirme für klamme Eurostaaten bekanntlich in eine Klage vor dem Bundesverfassungsgericht mündete, warb für ein Ja.
EU-Gipfel gibt Rückenwind
Das Tüpfelchen auf dem i: Der Leitantrag kann nicht als Affront für Kanzlerin Angela Merkel gedeutet werden, die am frühen Abend eintrifft und von den 900 Delegierten mit stehendem Applaus begrüßt wird. Im Mittelgang, durch den sie nach vorne eilt, steht die CSU für sie sogar Spalier. Der Empfang für die CDU-Chefin ist schon allein deshalb besonders herzlich, weil sie mit einem Sieg vom EU-Gipfel in Brüssel nach München kommt: Die europäische Bankenaufsicht wird nicht im Schnelltempo bis Jahresende die Arbeit aufnehmen, wie es sich die Franzosen gewünscht hatten. Es bleibt Zeit für eine gründliche Vorbereitung. CSU-Chef Horst Seehofer schwingt sich vor diesem Hintergrund zu höchstem Lob für Merkel auf. Auf die Frage, ob die Kanzlerin alles goldrichtig mache, würde er mit Ja antworten, sagt er.
Die Kanzlerin erwidert seine Komplimente. „Wenn es darauf ankommt, halten wir zusammen“, sagt sie. Gelächter gibt’s, weil sie die häufigen Scharmützel mit Horst Seehofer anspricht. „Wir machen es uns nicht zu jeder Sekunde einfach. Das ist so etwas wie ein Test, wieviel Kraft man noch hat.“ CSU-Vorsitzende seien nie einfach. Edmund Stoiber sei das nicht gewesen, Seehofer habe „noch ein paar zusätzliche Seiten“. Gut 50 Minuten dauert der Merkel-Auftritt, an dessen Ende sich die CDU-Chefin und der CSU-Chef kurz in den Armen liegen. Ein Raunen geht da durch den Saal. „Das ist unser Bundeskanzlerin. Wer sie unterschätzt, hat schon verloren“, sagt Seehofer. Merkel habe in der neuesten Umfrage in Bayern Zustimmungswerte von 55 Prozent. Sie liege damit höher als die CDU oder die CSU. Seehofer witzelt über erste Agenturmeldungen zum Parteitag, nach denen der bayerische Löwe zum schnurrenden Kätzchen mutiert sei. Den Blumenstrauß zum Abschied bekommt Merkel dann übrigens trotz aller Schmeicheleien doch nur digital, als bunten Online-Gruß. Sie könne sich ihn beim Rückflug auf dem Display betrachten, sagt Seehofer. „Praktisch“, antwortet Merkel.

