Die Angst vor den Taliban, die seine ganze Familie umgebracht haben, hat Fatih nach Weiden begleitet. Deshalb traut er sich auch nicht, sein Gesicht in der Zeitung zu zeigen. Fotos: Schönberger
von reinhold Willfurth, MZ
WEIDEN.
„Windischeschenbach“ ist selbst für Menschen deutscher Zunge nicht immer leicht auszusprechen. Fatih aber kommt der Name der kleinen Stadt im Landkreis Neustadt/Waldnaab so leicht über die Lippen, als sei er ein geborener Windischeschenbacher. Er wird sein erstes deutsches Wort nie vergessen, selbst wenn sie ihn wieder zurückschicken. „Windischeschenbach“ wird für Fatih immer verbunden sein mit Herzlichkeit, Anteilnahme, mit so etwas wie Familienleben – mit allem, was er in seiner Geburtsstadt Herat im Westen Afghanistans so lange vermissen musste.
Wohin mit einem minderjährigen Flüchtling, der nach über 6000 Kilometern heimlicher Reise vom desolaten Land am Hindukusch nach Westeuropa zufällig von einer Streife der Bundespolizei im Zug von Regensburg nach Hof aufgegriffen wird? Nach der Vernehmung übernahm das Weidener Jugendamt Verantwortung. Die Beamten brachten Fatih (Name geändert) im Kinderheim in Windischeschenbach unter. Dort lebte der Junge drei Wochen lang in einem trügerischen Paradies. „Er wurde dort mit allem versorgt, was das Jugendfürsorgerecht vorsieht“, lobt Barbara Rinner, Fatihs vom Gericht bestellter Vormund. Und der Junge erfuhr in dem Heim, was Freundschaft bedeutet. Als er nach drei Wochen Abschied nehmen musste, flossen Tränen.
Vom Paradies in die Vorhölle
Trügerisch war das Paradies in Windischeschenbach deshalb, weil die Fallhöhe von einem gepflegten Kinderheim zu einem Asylbewerberheim voller entwurzelter Erwachsener groß ist. Fatih wurde ins Weidener „Camp Pitman“ verlegt, eine ehemalige US-Kaserne, die seit Jahren als Aufenthaltsort für rund 120 Flüchtlinge genutzt wird. Bei der Vernehmung geben sich aufgegriffene Flüchtlinge nicht selten wesentlich jünger aus als sie sind. Fatih blieb aufrichtig und verriet den Beamten, dass er kurz nach seiner Ankunft in Deutschland 16 Jahre alt geworden sei. Nach deutschem Ausländerrecht war der Junge damit plötzlich zum Erwachsenen geworden. Deshalb musste er in die Gemeinschaftsunterkunft umziehen.
Der Stacheldrahtzaun davor und die tristen Gebäude dahinter erinnern eher an eine Art offenen Strafvollzug als an eine Aufnahmestelle für Menschen, die ihre Heimat aufgeben mussten. Es gibt Spannungen unter den Heimbewohnern, nachts ist es unruhig, manche schlagen ihre Zeit mit dem Inhalt von Bier- und Wodkaflaschen tot. Fatih sei ohne Bettwäsche, ohne Handtücher, ohne Essen eingeliefert worden, sagt Vormund Barbara Rinner. Die Anwältin musste ihm aus Privatbeständen aushelfen. Fatih wollte schlafen, seine Zimmergenossen im „Camp Pitman“ ließen ihn nicht. Es war ihm unheimlich. Und so war das erste Wort in Fatihs Heimatsprache Farsi, das Barbara Rinner von ihrem Schützling lernte, der Begriff „tarsidan“: Angst.
Davon hatte Fatih trotz seines jugendlichen Alters mehr als genug mitbekommen. Der Junge sitzt im Büro des Weidener „Arbeitskreises Asyl“. Hinter ihm hängen Kinderzeichnungen mit Weihnachtsbäumen. Hier gibt es warmes Essen, geistige Nahrung, Menschen, die ihm zuhören. Und es gibt den gleichalterigen Nadim (Name geändert), der die Sprache Fatihs spricht und eine ebenso abenteuerliche Flucht aus Afghanistan hinter sich hat. Nadim hat sich in zwei Jahren ein nahezu perfektes Deutsch angeeignet und übersetzt die Worte seines Freundes.
Fatih lebte mit seinem Vater Wakil Ahmad, seiner Mutter Nadjibe und seiner Schwester Samiral in einem Zweifamilienhaus in Herat, der mit rund 300.000 Einwohnern drittgrößten Stadt Afghanistans. „Mein Vater war ein sehr guter Automechaniker“, erzählt Fatih. Das hatten auch die Taliban in Erfahrung gebracht, die Wakil Ahmad von heute auf morgen verschwinden ließen, damit er ihnen zu Diensten sei. Nach drei Monaten habe sein Vater den Taliban gesagt, es sei jetzt genug, er müsse zurück zu seiner Familie, erzählt Fatih mit leiser, heller Stimme und niedergeschlagenen Augen. Seine Familie habe die Wiederkehr gefeiert, „wir hatten befürchtet, er ist tot“. Eine Woche später spielt der fünfjährige Fatih mit seinen Freunden auf der Straße, als sie kamen. Es war seine Rettung, sonst hätten die Taliban auch ihn in der Wohnung umgebracht, so wie seinen Vater, seine Mutter und seine siebenjährige Schwester. Seitdem war Fatih ein einsamer Mensch Die Familie seines Onkels nahm ihn eher widerwillig auf. „Es war nicht schön dort“, sagt Fatih nur. Jahrelang habe er um seine ermordeten Eltern und seine Schwester getrauert. „Ich hätte eigentlich eine Betreuung gebraucht“, sagt der junge Mann, und im Büro des AK Asyl wird es auf einmal ganz still.
„Der Mord lässt ihn nicht los“
Äußerlich lässt sich Fatih nichts über das Trauma seines Lebens anmerken. Auch ein Psychiater konnte keine messbaren Schäden feststellen. Als ob der Junge seine deutschen Gastgeber nicht damit belästigen wollte. Wie es in ihm drinnen aussieht, glaubt AK-Asyl-Gründer Jost Hess zu erahnen. „Das steckt ganz tief in einem jungen Menschen, was ihn bewegt und trifft, aber was er verdrängt hat“. Fatih durfte nur vier Jahre in die Schule gehen. Mit zwölf musste er, gegängelt von der Familie seines Onkels, in einem Geschäft arbeiten. Die Einsamkeit wurde immer größer. Fatih beschloss wegzugehen aus Herat. Im fernen Hamburg sollte ein Cousin leben. Ein Lehrer, die Nachbarn, sogar sein Onkel zahlten zusammen, ein geerbtes Grundstück wurde verkauft, um das Geld für den Schlepper in den Westen bezahlen zu können. Um die 5000 Euro koste das unsichere Ticket, schätzt Jost Hess, ein Vermögen.
Über welche Stationen seine viermonatige Odyssee in die Oberpfalz verlaufen ist, darüber gibt Fatih nur vage Auskunft, wie es die Schlepper befahlen: „Ich musste mich in einem Lastwagen verstecken, dann blieb ich wieder eine Zeit lang in einem Haus“. Die Schlepper mussten erst Polizisten und Zöllner bestechen, damit die Fahrt weitergehen konnte. Die Route führte durch den Iran und die Türkei per Schiff nach Athen. „Dort fuhr ich mit dem Taxi zehn Stunden lang zu einem Waldstück, wo ich wieder in einen Lastwagen umstieg“.
Von freundlichen Polizisten befragt
Nach drei weiteren Tagen wurde er auf dem Parkplatz einer Tankstelle ausgesetzt. Von in Deutschland lebenden Afghanen mit Geld für die Fahrkarte nach Hamburg versorgt, setzte sich Fatih in den „Alex“ von München nach Hof. „Ich hatte ständig Angst, dass mich die Polizei entdeckt“. Kurz hinter Weiden wurde er dann erwischt. „Oh Mann, jetzt ist alles vorbei“, habe er sich gedacht. Aber dann war Fatih erst einmal erleichtert über die freundlichen Bundespolizisten. Wer den Ton der Polizei in Afghanistan gewohnt ist, weiß das zu schätzen. Fatih war angekommen in Deutschland.
Dass er dort bis zur Entscheidung über seinen Asylantrag menschenwürdig leben kann, dafür wollen sein Vormund Barbara Rinner und die Menschen vom AK Asyl sorgen. Jost Hess, früher streitbarer Stadtrat der Grünen, hat sich noch am selben Tag über die unwürdigen Lebensverhältnisse für einen jugendlichen Flüchtling im „Camp Pitman“ beschwert. Die Regierung der Oberpfalz reagiert prompt und kündigt am Folgetag eine Verlegung Fatihs nach Regensburg an. Dort soll eine Wohngruppe für minderjährige Flüchtlinge aufgebaut werden. Regierungssprecher Josef Karl sagt, dass Asylanten in der Oberpfalz nicht mehr als Sicherheitsrisiko gesehen werden wie noch in manchen Kreisen Mitte der Neunzigerjahre.
Fatih würde am liebsten unter den Fittichen des Weidener AK Asyl bleiben. Um die fremde Sprache zu lernen, hat er sich einen Stapel Bücher aus der Weidener Regionalbibliothek geholt. Der AK Asyl will ihm im Herbst einen Aufenthalt als Gastschüler vermitteln. Später will er einmal eine Ausbildung als Elektroniker machen. Vielleicht ahnt er, dass seine Chancen auf eine Zukunft in Deutschland ziemlich schlecht stehen. Wer kein Trauma nachweisen kann, wird irgendwann zurückgeschickt. Darüber denkt Fatih aber derzeit nicht nach. Er ist dankbar für die Fürsorge in einem Land, das ihn in Frieden leben und ihn Freiheit genießen lässt. „Ich habe wieder eine Familie gefunden“, sagt der Junge mit den traurigen Augen lächelnd. Fatih hält sich an dem Stück Geborgenheit fest, das er am Ende seiner 6200 Kilometer langen Reise gefunden hat.