Bayern/Oberpfalz 16.03.2012, 20:05 Uhr

Nach 6000 Kilometern Geborgenheit gefunden

An seinem 16. Geburtstag strandet ein Waisenjunge aus Afghanistan in der Oberpfalz. Dort hofft er auf ein besseres Leben.


        Die Angst vor den Taliban, die seine ganze Familie umgebracht haben, hat Fatih nach Weiden begleitet. Deshalb traut er sich auch nicht, sein Gesicht in der Zeitung zu zeigen. Fotos: Schönberger

Die Angst vor den Taliban, die seine ganze Familie umgebracht haben, hat Fatih nach Weiden begleitet. Deshalb traut er sich auch nicht, sein Gesicht in der Zeitung zu zeigen. Fotos: Schönberger

von reinhold Willfurth, MZ

WEIDEN. „Windischeschenbach“ ist selbst für Menschen deutscher Zunge nicht immer leicht auszusprechen. Fatih aber kommt der Name der kleinen Stadt im Landkreis Neustadt/Waldnaab so leicht über die Lippen, als sei er ein geborener Windischeschenbacher. Er wird sein erstes deutsches Wort nie vergessen, selbst wenn sie ihn wieder zurückschicken. „Windischeschenbach“ wird für Fatih immer verbunden sein mit Herzlichkeit, Anteilnahme, mit so etwas wie Familienleben – mit allem, was er in seiner Geburtsstadt Herat im Westen Afghanistans so lange vermissen musste.

Wohin mit einem minderjährigen Flüchtling, der nach über 6000 Kilometern heimlicher Reise vom desolaten Land am Hindukusch nach Westeuropa zufällig von einer Streife der Bundespolizei im Zug von Regensburg nach Hof aufgegriffen wird? Nach der Vernehmung übernahm das Weidener Jugendamt Verantwortung. Die Beamten brachten Fatih (Name geändert) im Kinderheim in Windischeschenbach unter. Dort lebte der Junge drei Wochen lang in einem trügerischen Paradies. „Er wurde dort mit allem versorgt, was das Jugendfürsorgerecht vorsieht“, lobt Barbara Rinner, Fatihs vom Gericht bestellter Vormund. Und der Junge erfuhr in dem Heim, was Freundschaft bedeutet. Als er nach drei Wochen Abschied nehmen musste, flossen Tränen.

Vom Paradies in die Vorhölle

Trügerisch war das Paradies in Windischeschenbach deshalb, weil die Fallhöhe von einem gepflegten Kinderheim zu einem Asylbewerberheim voller entwurzelter Erwachsener groß ist. Fatih wurde ins Weidener „Camp Pitman“ verlegt, eine ehemalige US-Kaserne, die seit Jahren als Aufenthaltsort für rund 120 Flüchtlinge genutzt wird. Bei der Vernehmung geben sich aufgegriffene Flüchtlinge nicht selten wesentlich jünger aus als sie sind. Fatih blieb aufrichtig und verriet den Beamten, dass er kurz nach seiner Ankunft in Deutschland 16 Jahre alt geworden sei. Nach deutschem Ausländerrecht war der Junge damit plötzlich zum Erwachsenen geworden. Deshalb musste er in die Gemeinschaftsunterkunft umziehen.


 

Umfrage - Ergebnis

 
 
 
 

Mittelbayerische.de Logo